Fr., 14.02.2020

100 Jahre SC Grün-Weiß Paderborn, Teil 3: Bogenschütze Hubert Montag (64) „Präzision ist für mich alles“

Kraft ist Voraussetzung: Wenn Hubert Montag den Compoundbogen spannt, bewegt er jedes Mal ein Zuggewicht von 56 Pfund.

Kraft ist Voraussetzung: Wenn Hubert Montag den Compoundbogen spannt, bewegt er jedes Mal ein Zuggewicht von 56 Pfund. Foto: Jörg Manthey

Von Jörg Manthey

Paderborn  (WB). Der Mann hat einen festen Händedruck. Das mag normal sein für die Gilde der Metzgermeister, hat aber vielleicht auch etwas mit seinem Sport zu tun. Hubert Montag, der am 19. Februar seinen 65. Geburtstag feiert, ist Bogenschütze beim SC Grün-Weiß Paderborn. Wenn der Tudorfer seinen modernen Compoundbogen spannt, bewegt er ein Zuggewicht von 56 Pfund. Das alles ruhig zu halten, ist eine Aufgabe.

Die Auszugslänge ist eine der wichtigsten Kriterien überhaupt. Wenn der Mittelfinger am Mundwinkel ist, unerlässliche Technik, heißt es: mit dem Führungsauge sauber visieren. „Präzision ist für mich alles. Du musst dich absolut auf einen Punkt konzentrieren und dem Körper die Möglichkeit geben, den Schuss sauber ins Ziel zu bringen“, erläutert Hubert Montag. Wenn er die Sehne löst, schnellt der Pfeil mit einer Standardgeschwindigkeit von 280 Fuß, etwa 90 Metern pro Sekunde, Richtung Bestimmungsort. Der kann auch mal 70 Meter entfernt sein. Das vertraute „Tok“ belohnt den Instinkt. „Man muss präzise schätzen können, wie weit das Ziel entfernt ist. Das ist ein ständiger Prozess, ein immerwährendes Überprüfen der Fähigkeiten, ein stetes Lernen“, erklärt er.

2019 Europameister in der Klasse Bowhunter Compund

Hubert Montag ist so etwas wie die graue Eminenz bei den Bogensportlern des SC Grün-Weiß. Im Vorjahr kürte er sich bei den European Field Archery Championships im niederländischen Doorwerth zum Europameister in der Klasse Bowhunter Compound. In diesem Wettkampf stellte er einen Tages-Europarekord auf. Die Urkunde hängt im zünftigen Klubhaus, das die 105 Mitglieder starke und zupackende Abteilung eigenhändig gebaut hat.

Seit 1996 sind die Grün-Weiß-Bogenschützen im Dörener Feld zu Hause; ein kleines Paradies. Das weitläufige Natur-Trainingsgelände mit Steigungen und etwa 30 Zielen, ob runde Scheiben oder tierische Motivbilder, ist 15.000 Quadratmeter groß. Die Pflege des Bogenparks erfordert reichlich Eigenleistung. „Wir haben hier wunderbare, exorbitant gute Trainingsmöglichkeiten. Dafür möchte ich der Stadt einfach mal Danke sagen“, sagt Hubert Montag.

„Ich will an die Topleute, die großen Jungs“

Aufgrund seines Alters könnte er längst zu Senioren wechseln „Das ist aber nicht die Gegnerschaft, mit der ich mich messen will.“ So hat er sich bewusst entschieden, in der Schützenklasse zu bleiben. „Ich will an die Topleute, die großen Jungs. Das ist mein Ehrgeiz. Ich brauche diese Konkurrenz“, meint er. „So lange die sich darüber ärgern, dass ein Opa wie ich in der Schützenklasse mitmische, ist alles gut.“

Hubert Montags Pfund: seine enorme Erfahrung im Feldbogensport. „Es gibt Trainingsweltmeister“, sagt er. „Aber in Wettkämpfen kriegen sie dann das Flattern.“ Der Tudorfer kommt ursprünglich aus dem Gewehr- und Pistolenschießen, hat sich 1998 umorientiert. Seit 2007 favorisiert er den Blankbogen, der keine technische Visierhilfe und keine Stabilisatoren besitzt. Hier wird fast ohne Hilfsmittel und weitestgehend intuitiv geschossen, so wie das schon vor Jahrhunderten üblich war.

So ein archaischer Wettbewerb auf einem 3D Bogen-Parcous, eine „Rallye“, wie er sagt, ist ein kerniges, oft wildromantisches Abenteuer. Bogenschützen sollten Naturmenschen sein. Gut zu Fuß. Und wetterfest. „Es kann schon mal den ganzen Tag gallern“, berichtet Montag. Er hat in einem Rucksack stets alles am Mann, um solchen Widrigkeiten, die ein Wettbewerb über etwa acht Kilometer (mit 28 Zielscheiben, teils schwer zu treffen) mit sich bringt, zu trotzen: Regenklamotten, Sitzstuhl, Werkzeug, Fernglas. „Die Bedingungen sind für alle gleich. Am Ende des Tages entscheidet, wer die wenigsten Fehler macht.“

Bogenschießen fördert die Wahrnehmung

Bogenschießen fördert die Koordination, Wahrnehmung und Selbstbeherrschung, doziert Hubert Montag. Kurzum: mentale Stärke. Man merkt’s: Der Tudorfer ist authentisch, ruht in sich selbst. Seine Erfolge auch auf internationalem Terrain kommen nicht von ungefähr. Das Siegerpodest ist ihm seit Jahren ein treuer Gefährte. 2010 wurde er mit der Mannschaft in der Wertung „Team of Nations“ Vize-Weltmeister, 2013 in Ungarn Einzel-Europameister. „Gegen hochkarätige Spezialisten“, sagt er stolz. 2018 hatte er beim 3D-Schießen – Ziele auf dem Parcours sind dreidimensionale Tiernachbildungen – einen 20 Jahre alten Weltrekord geknackt. „Schießen macht Spaß. Treffen macht noch mehr Spaß“, grinst er. Aktuell ist Hubert Montag Vize-Europameister.

Bogenschießen lädt dazu ein, völlig abzuschalten. „Wenn dich mal was quält und du gehst raus zum Training, fokussierst dich, verschwinden alle Probleme. Die holen dich vielleicht hinterher wieder ein, aber in dieser Zeit mit deinem Bogen bist du frei von allem, was dich belastet“, weiß Montag. Der Schulter- und Nackenbereich, die Rückenspannung sind beim Bogenschießen das A und O. Diese körperliche Beanspruchung steckt der 64-Jährige gut weg. „Es ist ein Gottesgeschenk, dass ich das noch so auf die Kette kriege“, brummt er zufrieden. Da hat keiner Rentengelüste; weder beruflich noch sportlich.

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