Simon Rösner arbeitet mit Mentaltrainer Fabian Westermann zusammen
Jonglieren für einen klaren Kopf

Paderborn (WB). Squash-Ass Simon Rösner (32) hat sich mit der absoluten Ausnahmesituation inzwischen ein bisschen arrangiert. Die Corona-Krise nutzt er als Chance, gewohnte Handlungsmuster zu durchbrechen und Weichen für Morgen neu zu stellen.

Freitag, 01.05.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 05:01 Uhr
Neue Impulse fürs Gehirn: Unter Anleitung von Mentaltrainer Fabian Westermann (links) übt sich der Paderborner Squashprofi Simon Rösner während der Corona-Zwangspause in Life Kinetik. Er hat binnen kurzer Zeit das Jonglieren erlernt. Foto: Jörg Manthey
Neue Impulse fürs Gehirn: Unter Anleitung von Mentaltrainer Fabian Westermann (links) übt sich der Paderborner Squashprofi Simon Rösner während der Corona-Zwangspause in Life Kinetik. Er hat binnen kurzer Zeit das Jonglieren erlernt. Foto: Jörg Manthey

Zum ersten Mal in seiner 16 Jahre andauernden Profikarriere arbeitet Simon Rösner mit einem Mentaltrainer zusammen; Resultat einer Zufallsbegegnung im Ahorn-Sportpark. Seit etwa drei Monaten hat sich der Weltranglisten-Achte auf Fabian Westermann – Fußballfreunde kennen den bei SCP-Spielen als „Capo“ (Kopf), als Vorsänger für die Fangemeinde – und auf Life Kinetik eingelassen.

Life Kinetik ist sowas wie Jogging fürs Gehirn, spielerisches Stressen mit Bewegung. Ziele unter anderem: Sportler werden leistungsfähiger, Steigerung der Handlungsschnelligkeit, Fehlerreduzierung, bessere visuelle Wahrnehmung. Rösner: „Eine Riesenerfahrung! Das ist richtig interessant und macht mega Spaß. Vielleicht macht sich das in der Saison ja bemerkbar und ich kann noch ein halbes Prozent mehr rauskitzeln.“ Genug Potenzial sei jedenfalls vorhanden, grinst er. Ein erster Lerneffekt ist auf Facebook verewigt: Simon Rösner kann nun jonglieren! Das Filmchen zeigt den 1,90-Meter-Mann daheim in Elsen in der Küche, wie er konzentriert drei gelbe Tennisbälle in der Luft manövriert. „Wir haben mal rumgespäßert. Das ging relativ zügig und hat keine Dreiviertelstunde gedauert“, findet er’s einfach „cool“.

„Simon ist koordinativ gut drauf“

Fabian Westermann lobt seinen Klienten. „Simon ist koordinativ gut drauf. Er hat super Veranlagungen und macht das großartig. Die Einsatzmöglichkeiten von Life Kinetik sind riesig. Neue Verbindungen im Gehirn entstehen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das auf sein Spiel auswirkt.“ Und Westermann ist überzeugt davon, dass sich die gemeinsame Arbeit niederschlägt. „Der Kopf steuert den Körper. Ein klarer Kopf ist unfassbar wichtig. Simon eignet sich abseits der Spielbelastung neue Fertigkeiten an, wichtige Erfolgserlebnisse.“ Immer dann, wenn der Squasher die Herausforderung annähernd kann, verändert sich die Übung. Denn, doziert Westermann: „Du entwickelst dich nur weiter, wenn du etwas machst, was du noch nicht kannst.“

Und noch eine neue Erfahrung: Simon Rösner nahm per Zoom-App aktiv an einer Online-Fitnesseinheit in Philadelphia/USA teil. „Kama Khan, ein befreundeter pakistanischer Trainer, hatte angefragt, ob ich zur Motivation für seine Trainingsgruppe mitmachen könnte. Das war eine richtig tolle Geschichte.“ Und hinterher stellte der deutsche Star sich auf dem Bildschirm noch den Fragen des begeisterten Nachwuchses.

Die Bratwurst ohne Senf

Zwischendurch klopfte auch Lennard Jessen, Vizepräsident Breitensport des Deutschen Squash Verbandes (DSQV), bei ihm an. Seither können die Squashfans auf der Verbands-Homepage nachlesen, dass Rösner Tee lieber mag als Kaffee, Strand lieber als Berge, Nutella lieber als Marmelade, seine Bratwurst ohne Senf isst und lieber ein Superheld wäre als ein Bösewicht.

Gleichwohl steht die Corona-Tristesse aber ungebrochen für Frust, für Ungewissheit. „Das ist das Allerschlimmste. Nicht zu wissen, wann es weitergeht. Daran kann ich mich nicht gewöhnen“, sagt der elfmalige Deutsche Meister. Und: „Es fällt schwer, sich kurzfristige Ziele zu setzen. Alles ist so weit weg.“ Seit Monaten nichts an Squash-Terminen. „Weder ein Schaukampf noch irgendwas. Nervig!“

Ein positiver Aspekt der Pause: „Ich habe so mehr Zeit, mich auf die neue Saison vorzubereiten. Wegen der Team-WM hatte ich im Dezember keine Pause. Hätte ich die Saison wie geplant bis Mitte Juli durchgespielt, wäre ich vielleicht auf eineinhalb Monate Pause gekommen“, sinniert Rösner. „So erlauben mir die Monate, den Kopf freizubekommen. Dinge zu tun, die sich mir sonst nicht erlauben kann. Ich fahre viel Rennrad. Langfristig wird sich das positiv auf meine Grundausdauer auswirken.“ Wäre ihm nicht vor wenigen Tagen ein Weisheitszahn gezogen worden; Rösner würde sich wohl noch fitter fühlen. Wissend: „Wenn ich Turniere spielen würde, würde ich ganz anders im Saft stehen. So hart kannst du gar nicht trainieren, um den Zustand zu simulieren. Da bist du total alle.“

Ende August wieder Spielbetrieb?

Lockerungen im Sport hin oder her – Simon Rösner befürchtet, dass es noch lange dauert, bis er wieder auf seinen „Arbeitsplatz“ im Ahorn-Sportpark zurückkehren kann. „Wir spielen nun mal nicht Tennis und können keinen Abstand garantieren.“ Ungeachtet dessen hat der Squashverband einen überarbeiteten Rahmen-Turnier-Kalender veröffentlicht, der Ende August die Wiederaufnahme des deutschen und europäischen Spielbetriebes vorsieht. Auch die Professional Squash Association plant. „Da wird versucht, Normalität reinzubringen. Mitte August soll in Mauritius ein Turnier steigen. Aber ich kann das nicht richtig ernst nehmen angesichts der weitweiten Reisesperren“, meint Rösner nachdenklich. „Wir sind nun mal ein globaler Sport.“ So wird Simon Rösner weiter versuchen, das Beste aus der misslichen Situation zu machen. Im Hintergrund kräht Sohn Liam in den Hörer. „Eigentlich wäre ich von den letzten sechs Wochen vier Wochen unterwegs gewesen. Diese Zeit mit der Familie kann man mir nicht mehr nehmen“, sagt er liebevoll.

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