Am 9. Juni jährt sich der Tag, an dem André Wiersig die Ocean’s Seven gemeistert hat
Sehnsucht nach Meer

Paderborn (WB). An diesem Dienstag jährt er sich zum ersten Mal, der Tag, an dem André Wiersig nichts anderes als Extremsport-Geschichte geschrieben hat. Mit den finalen Kraulzügen durch die Straße von Gibraltar gelingt ihm am 9. Juni 2019, einem Sonntag, was bis heute lediglich 16 Menschen weltweit möglich war. Der Paderborner meistert die Ocean’s Seven.

Montag, 08.06.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 05:00 Uhr
Extremschwimmer André Wiersig in seinem Element: Hier auf der vorletzten Etappe der Ocean’s Seven, der Tsugaru-Straße zwischen den Inseln Honshu und Hokkaido. Foto: Dennis Daletzki
Extremschwimmer André Wiersig in seinem Element: Hier auf der vorletzten Etappe der Ocean’s Seven, der Tsugaru-Straße zwischen den Inseln Honshu und Hokkaido. Foto: Dennis Daletzki

Alleinstellungsmerkmale inklusive: Wiersig ist der erste deutsche Schwimmer, der diese siebenfache Herausforderung besteht und vor allem der einzige Mensch überhaupt, der die sieben mythischen Meerengen allesamt im ersten Versuch durchquert. Die Freudentränen von damals sind längst getrocknet. Aber das Geleistete, das Erlebte, das Gefühlte ist noch da und möchte bleiben.

„Vielleicht hört sich das ein bisschen verrückt an, aber ich habe das noch immer nicht zu Ende verarbeitet. Man ist noch immer in Gedanken da draußen. Manchmal wacht man morgens auf und fragt sich, ob das tatsächlich alles so passiert ist. Oder ob nicht gleich mein Schwager Jürgen am Bett auftaucht und behauptet: André, genug geschlafen! Wir müssen los!“, sagt der 48-Jährige. Aber es ist und bleibt wahr. Sein Schwager Jürgen Peters, der nicht nur seelischer Beistand, sondern auf jeder der sieben Etappen für die „Fütterung“ zuständig war und Wiersig in einem Kescher die Behältnisse mit der Flüssignahrung gereicht hat, wird nicht widersprechen. Was 2014 im Ärmelkanal begann, fand 2019 an der marokkanischen Küste ein emotionales Happy-end, eines, das hohe Wellen schlug.

Man ist noch immer in Gedanken da draußen.

André Wiersig

Das Interesse, das dem „Marathonmann der Meere“ (NDR) seitdem zuteil wird, will nicht abebben. Wiersig hat unzählige Interviews sowie TV- und Radio-Auftritte hinter sich. „Mir wird immer noch eine Menge Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das ist für meine Rolle als Meeresbotschafter natürlich sehr hilfreich.“ Auch die Verkaufszahlen des zusammen mit Erik Eggers veröffentlichten Buches „Nachts allein im Ozean“ übertreffen die Erwartungen bei weitem. Es regnet Fünf-Sterne-Bewertungen für die 160 Seiten starke, imposant bebilderte Ausgabe, die vor allem in Österreich und der Schweiz großen Absatz findet. In den Nachbarländern wird der fehlende direkte Zugang zum Meer scheinbar mit einem Mehr an Naturverbundenheit wettgemacht: „Das ist echt erstaunlich, doch in einigen Schweizer Städten verkaufen wir wirklich deutlich mehr Bücher als in meiner Heimatstadt.“ Aber vielleicht steigen auch hier die Zahlen noch einmal, wenn die zunächst coronabedingt aufgeschobenen Auftritte in der Markus-Lanz-Talkshow oder im Kölner Treff in Kürze nachgeholt werden.

Auftritte bei Markus Lanz und im Kölner Treff

Apropos Covid-19: So entbehrungsreich und dramatisch die Pandemie für viele Menschen war – den Wiersigs hat die erzwungene Konzentration auf das Leben in einem ganz kleinen Kreis gutgetan. „Für uns als Familie war das eine tolle Sache. Wir sind ganz eng zusammengerückt und uns dabei nie auf den Zeiger gegangen. Diese Zeit möchte ich nicht missen.“ Wiersig, der in Hamburg als Head of Sales and Marketing für ein SAP-Beratungsunternehmen arbeitet und in Paderborn lebt, sieht sich im ersten Jahr nach Ocean’s Seven allerdings nicht nur aufgrund Corona zum Geben verpflichtet: „Mir war wichtig, dass nicht sofort wieder ein Highlight das nächste jagt. Ich habe von meiner Familie viel genommen, jetzt war und ist es an der Zeit, etwas zurückzugeben und nicht direkt den nächsten Egotrip zu fahren.“

Helgolands Bürgermeister zunächst schockiert

Obwohl: Es ist nicht so, dass der Träger des Paderborner Medienpreises 2019 nicht doch bereits eine weitere anspruchsvoll anmutende Aufgabe im Kopf hätte. Die Sehnsucht nach Meer bleibt groß. Er möchte vom Festland aus nach Helgoland schwimmen. Als Wiersig den Bürgermeister der Nordseeinsel zum ersten Mal kontaktierte, hatte er noch nicht als Ocean’s-Seven-Bezwinger von sich reden gemacht. Will heißen: Jörg Singer war der Absender kein Begriff und entsprechend verhalten fiel die Reaktion aus. „Der hat erst mal einen Schock gekriegt und gedacht, da erlaubt sich einer einen ganz schlechten Witz“, sagt Wiersig. Nachdem ihm einige DLRG-Schwimmer darüber in Kenntnis gesetzt hatten, dass das Ansinnen dieses Paderborners vollkommen ernst zu nehmen sei, hat Singer aber doch sogleich seine komplette Unterstützung versichert.

Die MS Helgoland braucht nur zwei Stunden

Nähme André Wiersig die MS Helgoland, könnte er es von Cuxhaven aus in zwei Stunden auf die Insel schaffen. Aber diese Info ist für jemanden wie ihn von nicht messbarem Interesse. Je nachdem, wo es ins Wasser geht, beträgt die Luftlinie 50 bis 59 Kilometer. Diese wird mit der zu schwimmenden Strecke aber nicht viel gemein haben. Der Triathlet wird sich mit den Experten des meeresbiologischen Institutes in Kiel, für das er seit 2018 als ehrenamtlicher Botschafter schon viele Vorträge gehalten hat, zusammensetzen, um gemeinsam zu überlegen, ob und wie das neueste Projekt umzusetzen sein könnte. Auch in diesem Zusammenhang lassen sich die verheerenden Folgen menschlichen Fehlverhaltens wieder anschaulich thematisieren. Der Klimawandel beeinflusst die Meeresströmungen und damit auch Wiersigs Weg nach Helgoland: „Die direkte Route spielt bei meinen Überlegungen keinerlei Rolle. Es geht darum, die eine oder andere Strömung mitzunehmen. Selbst wenn es dann statt 55 vielleicht 80 oder 100 Kilometer werden, kann das eine große Hilfe sein.“

Im Vergleich dazu ist Helgoland ein Witz.

André Wiersig

Eine Geschwindigkeit von vier Kilometern pro Stunde vermag Wiersig über einen langen Zeitraum zu halten, diese Tour dürfte also mehr Zeit in Anspruch nehmen als jede der sieben Ocean’s-Seven-Etappen. Zudem drohen in der flachen Nordsee gerne mal bis zu acht Meter hohe Wellen. Wiersig weiß: „Da kann richtig die Post abgehen. Nicht ohne Grund hat es noch niemand geschafft und einige sind mit schlimmen Folgen gescheitert. Aber für mich ist es die einzige Insel, zu der es sich zu schwimmen lohnt.“ Was ihn von den bislang Gescheiterten unterscheidet, ist das, was er von 2014 bis 2019 überstanden hat. Es soll nicht arrogant klingen, wenn er feststellt: „Ich habe die Ocean’s Seven alle im ersten Versuch geschafft. Mehr geht nicht. Im Vergleich dazu ist Helgoland ein Witz. Wenn du in der Nacht von einer hawaiianischen Insel zur anderen schwimmst, ist das eine komplett andere Nummer, als mit ein paar Plattfischen durch die 30 Meter tiefe Nordsee zu schwimmen.“

Ob er das Projekt Helgoland tatsächlich in Angriff nimmt und so den Lebensraum Nordsee auf seine exklusive Weise in den Blickpunkt rücken kann, ist trotzdem noch nicht klar. Er beschäftigt sich damit, lotet aus, holt Meinungen, Daten und Erfahrungen ein. Vielleicht wird es 2021 was, vielleicht 2022, vielleicht aber auch gar nicht. Beweisen muss der gebürtige Bochumer seit dem 9. Juni 2019 nichts mehr. Weder sich noch irgendjemand anderem.

Schwimmcamp auf Sardinien in Planung

Näher als Helgoland ist da die Umsetzung der Idee, auf Sardinien ein Jedermann-Schwimmcamp zu veranstalten, nachdem ein solcher Wunsch „aus allen Teilen der Welt“ an ihn herangetragen wurde. Schwimmen im offenen Meer, schwimmen in der Nacht – das alles unter den Augen eines Mannes, der auch dann wieder viel erzählen darf von den einzigartigen Erfahrungen und Gefühlen, die ihn bis heute nicht losgelassen haben und so schnell nicht loslassen werden. „Jenseits aller Limits, dem Ozean ausgeliefert – ich habe nur positive, nur schöne Erinnerungen, aber auch das braucht seine Zeit“, sagt Wiersig und freut sich auf ein schönes Datum: den 9. Juni. Gefeiert wird nicht, angestoßen schon. „Wir hängen das nicht zu hoch, doch ich werde wahrscheinlich meinen Schwager Jürgen anrufen und dann prosten wir uns in einer kleinen Video-Konferenz mit einem Bierchen zu.“

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