Paderborn: Straßenfahrer Alexander Hötte ist ein „Rouleur“ und kann lange ein hohes Tempo aufrechterhalten.
„Die Attacke liegt mir“

Von Jörg Manthey

Samstag, 27.06.2020, 06:00 Uhr
Alexander Hötte (im roten Dress) gehört zur Abteilung Attacke. „Man muss im Rennen auch mal was riskieren“, findet er. Foto: Werner Möller
Alexander Hötte (im roten Dress) gehört zur Abteilung Attacke. „Man muss im Rennen auch mal was riskieren“, findet er. Foto: Werner Möller

 

Paderborn  (WB). Die Corona-Pandemie hat den deutschen Radsport schwer getroffen und seit Monaten Radrennen sterben lassen. Die Liste der abgesagten Wettkämpfe ist elend lang. Alexander Hötte, einziger Elite-Amateur im Dress der RG Paderborn, war beim Auftaktrennen des Jahres dabei: Anfang März schloss er den 8. Herforder Frühjahrspreis als Achter ab und heimste dafür 14 Ranglistenpunkte ein. Es ist seine einzige Platzierung in der laufenden Straßenrennsaison geblieben.

2019 hatte der 26-Jährige an gleicher Stelle sein erstes Eliterennen überhaupt gewinnen können. Damals trotzte er widrigen Wetterbedingungen: Dauerregen, sechs Grad, garniert mit Windböen des Sturmtiefs „Eberhard“. Auf der 500 Meter langen Zielgeraden lieferte sich der Paderborner ein Duell mit einem weiteren Ausreißer und siegte im Endsprint. „Die Attacke liegt mir besonders. Der aggressive Fahrstil macht’s einfach interessanter“, erzählt Alexander Hötte und sympathisiert sowieso mit solchen Fahrern, „die viel im Rennen probieren wie Romain Bardet oder Fabian Cancellara.“

Aerodynamik

 

Der Paderborner wird im Branchenjargon als „Rouleur“ bezeichnet. Als einer, der seine Stärken in der Aerodynamik hat, lange ein hohes Tempo aufrechterhalten und extrem hohe Wattzahlen produzieren kann. „Du musst in bestimmten Situation auch mal Risiko gehen. Zu fliehen und von vorne zu fahren, erhöht meine Aussichten, ein Rennen zu gewinnen. Im Massensprint habe ich eher weniger Chancen“, erzählt Hötte.

Weil diese Strategie prima aufging, kristallisierte auch sein bislang größter Erfolg. Beim Bundesligarennen im Erzgebirge holte er sich im Vorjahr den Titel des besten Amateurfahrers, wurde Gesamtvierter. Als Einzelfahrer behauptete er sich gegen namhafte Teams. „Das habe ich echt gut gemeistert. Danach habe ich einige Anfragen von Interkontinental-Teams bekommen.“ Der dafür deutlich höhere Zeitaufwand vertrug sich allerdings nicht mit seinem Chemie-Studium an der Universität Paderborn, das er inzwischen abgeschlossen hat. Titel seiner Master-Fleißarbeit, die ihn sechs Monate lang richtig forderte: „Spektroelektrochemische Untersuchungen von plasmabasierten Barriereschichten auf PDMS-Substraten“. Noch Fragen?

Carbon-Rennrad

Trainieren, ohne ein konkretes Ziel zu haben: Alexander Hötte gehört zu der Spezies Sportler, die keine Probleme haben, sich zu motivieren. „Mir persönlich macht Training viel Spaß.“ In diesem Jahr hat er bereits mehr als 11.000 Zweirad-Kilometer zurückgelegt. Seine Ausfahrten der jüngsten Vergangenheit lesen sich imposant: 121,8 Kilometer mit 1006 Höhenmetern (17. Mai, 3:10:30 Stunden), 196,3 Kilometer, garniert mit 1614 Höhenmetern (20. Mai, 5:06:46 Stunden) oder ein Testrennen über eine Distanz von 117,4 Kilometern und 1173 Höhenmetern (27. Mai), das er nach 3:07:31 Stunden beendete. Mit diesem Einsatz führte er die Wochen-Bestenliste der RG an. Im Mai standen für ihn mehr als 3000 Gesamtkilometer zu Buche. Auch deshalb, weil er nach Leipzig radelte, einen Kumpel zu besuchen. 360 Kilometer hin. 360 Kilometer zurück; samt Stippvisite in Braunschweig. „Durch die Rennen kenne ich halt viele Leute, die ich besuchen kann“, grinst er.

Hötte plant sein Training selbst. Je nach Zyklus sitzt er zehn bis 20 Stunden pro Woche auf dem Sattel, meistens alleine. „Ich setze immer wieder andere Schwerpunkte, andere Reize.“ Gerade hat er den Grundlagenblock abgeschlossen, der schon mal einen 300-Kilometer-Ritt mit einem Temposchnitt von 30 bis 33 km/h einfordert. Die Sprintfähigkeit oder maximale Sauerstoffaufnahme zu trainieren, funktioniert zum Beispiel gut mit fünf Drei-Minuten-Intervallen à 500 Watt. Für ein Bergtraining würden sich der Sander Berg oder Bauerkamp eignen, „von Schlangen nach Veldrom hoch“.

Meisterschaften fährt er weiter für die RG Paderborn. Auf der Straße tritt der 26-Jährige allerdings wie 2019 im roten Dress des Stevens Racing Teams in die Pedalen, als einer von elf Fahrern. 2018 hatte sich der Hamburger „Stall“ zur besten Elite-Amateurmannschaft Deutschlands gekürt. Stevens unterstützt den Paderborner komplett mit Material und schüttet ebenso Prämien aus. „Das Sturzrisiko in Rennen in hoch. Materialschäden sind nie auszuschließen. Und so ein Carbon-Rennrad kostet mehrere tausend Euro.“ Unfälle, die er erlitt, sind bislang eher glimpflich verlaufen. Wie der 2018, als ihm eine ältere Autofahrerin bei einer schnellen Abfahrt die Vorfahrt nahm; zum Glück zerbrach nur das Rad.

Leistungsschwimmer

 

Am 31. Juli hatte der Radsport sein Corona-Comeback auf der Straße gegeben. Beim 72. Sachsenringrennen über 119 Kilometer gingen 40 nationale Topfahrer an den Start. Alexander Hötte wollte auch dabeigewesen sein. „Die sächsische Landesregierung hat dann aber dazwischengefunkt. Meine Klasse ist rausgeflogen“, sagt Hötte bedauernd.

In seiner Jugend war Alexander Hötte Leistungsschwimmer, ehe er sich bei den Handballern von TuRa Elsen probierte und seit 2013 neben seinem Chemie-Studium Radsport betreibt. So ist es naheliegend, dass Alexander Hötte auch ein, zwei Triathlonwettbewerbe im Jahr einschiebt. Und zwar durchaus ambitioniert. 2019 konnte er beim Möhnesee-Triathlon in 1:03:48 Stunden, mit mehr als zwei Minuten Vorsprung auf den Zweiten, die Volksdistanz (500 m Schwimmen, 20 km Radfahren, 5 km Laufen) gewinnen. Bei seinem atmosphärischen Lieblingsrennen, dem Giro Bochum, fuhr er 2018 mal gegen Geraint Thomas, den damaligen Gewinner der Tour de France.

Bis zum 1. August ist noch Pandemie-Pause, danach bahnt sich ein dicht gedrängter Rennkalender an. Hektisch bis verrückt wird’s. Der Radsportweltverband UCI hat in 100 Kalendertagen 104 Renntage angesetzt. Unter Vorbehalt, denn der Radsport bleibt angesichts der harten Beschränkungen ein labiles Gebilde. So oder so wird Alexander Hötte für seine anstehenden Renntermine in der Region gewappnet sein. Er hat kräftig trainiert; und zwar mit richtig viel Spaß dabei.

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