Wakeboarderin Tina Frömling (Wasserski Paderborn) lebt ihren Traum
Volle Lotte

Paderborn (WB). Nein, es spricht natürlich nichts dagegen, sich im Alter von 27 Jahren Herz über Kopf in eine Extremsportart wie Wakeboarden zu verlieben. Frische Impulse tun in jeder Lebensphase gut und mit 27 ist der Körper ohnehin noch vielmehr Freund als Gegner. Und doch ist eine Ladung Realismus empfehlenswert: Wer so relativ spät einsteigt, sollte lieber nicht allzu fest davon ausgehen, es in dem spektakulären wie anspruchsvollen Sport innerhalb von nur acht Jahren zu Europameister-Ehren zu bringen – es sei denn: Man bezeichnet sich als ausgemachten Dickkopf und heißt Tina Frömling.

Samstag, 25.07.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 25.07.2020, 05:03 Uhr
Sie hat’s drauf: Hier zeigt Tina Frömling einen sogenannten S-Bend. Im vergangenen Jahr ist sie in der Klasse Master Ladies Europameisterin geworden. Foto: Elmar Neumann
Sie hat’s drauf: Hier zeigt Tina Frömling einen sogenannten S-Bend. Im vergangenen Jahr ist sie in der Klasse Master Ladies Europameisterin geworden. Foto: Elmar Neumann

Im September des vergangenen Jahres hat sich die für Wasserski Paderborn fahrende Wakeboarderin an der Seilbahn in Beckum den kontinentalen Titel in der Klasse Master Ladies verdient. Mit 35, lediglich acht Jahre nach den ersten ernsthaften Versuchen. „Wenn du dich komplett in eine Sache reinfuchst, ein halbwegs gutes Körpergefühl hast und einfach fährst, fährst, fährst, ist eben alles möglich“, sagt die heute 36-Jährige mit überzeugender Selbstverständlichkeit und einem ebensolchen Lächeln. Bei den Deutschen Meisterschaften 2019 hat ihr diese Einstellung in der Offenen Klasse den dritten Platz beschert. Wo Tina Frömling antritt, ist sie vorne mit dabei und sie ist sehr gerne vorne mit dabei, aber Titel und Topplatzierungen sind eher Mittel zum Zweck: „Meisterschaften motivieren mich, um an schwierigen Tricks zu arbeiten und erzeugen einen gesunden Druck, um sich weiterzuentwickeln, aber in erster Linie geht es mir darum, Spaß am Wakeboarden zu haben und diesen Spaß zu vermitteln.“

Wakeboarderin Tina Frömling

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Diesem Vorhaben widmet sich die gebürtige Filipina seit 2017 hauptberuflich. Aktuell arbeitet sie in Sande als Coach aller Alters- und Leistungsklassen, als Heblerin (das sind diejenigen, die an der Wasserskianlage darüber entscheiden, wann der nächste Fahrer aufs Wasser darf), aber vor allem ist sie Gründerin der Moin Wake Academy, die für interessierte deutsche Wassersportler Wakeboard-Camps auf der ganzen Welt anbietet. In der Türkei, auf den Philippinen, auf Bali. Das ist ein Job, der nicht dazu taugt, reich zu werden, aber jetzt lebt Tina Frömling das Leben, das sie leben will.

Bis vor wenigen Jahren sah das noch ganz anders aus. Da war die Tochter einer philippinischen Mutter und eines deutschen Vaters in einem Business unterwegs, das ihr mit zunehmender Zeit immer weniger behagte. Nachdem sie in Mönchengladbach Textil- und Bekleidungsmanagement studiert hatte, mangelte es nicht an lukrativen Jobs. Frömling war in Stuttgart, München, Berlin, Düsseldorf und zuletzt Hamburg als Sales Managerin in der Modebranche tätig und das sehr erfolgreich. Die Zahlen stimmten, mit dem Wohlfühlfaktor ging es aber schnell bergab. Die Antwort auf die Wo-siehst-du-dich-in-zehn-Jahren-Frage fiel wie folgt aus: „Mir war klar, dass ich mich da bestimmt nicht mehr als Vertriebsleiterin sehe, die sich für etwas den Arsch aufreißt, bei dem sie keinen Mehrwert sieht, abgesehen vom monetären Aspekt.“ Arroganz und Oberflächlichkeit waren die in der Modeszene verbreiteten Eigenschaften, mit denen Frömling nichts anzufangen vermochte. Im krassen Gegensatz dazu standen die Erfahrungen, die sie von Juli 2011 an als neues Mitglied der tatsächlich extrem relaxten Wakeboard-Community faszinierten.

Der 20. Juli 2011 bleibt unvergessen

Genauer gesagt, seit dem 20. Juli 2011, einem unvergesslichen Montag, an dem sie sich von ihrem Arbeitsplatz in der Speicherstadt erstmals auf zur Wasserskianlage nach Hamburg-Harburg machte und ihre Wakeboardkarriere begann: „Am folgenden Wochenende habe ich mir gleich die Jahreskarte und das komplette Equipment gekauft. Ich bin direkt All in gegangen. Volle Lotte. Ganz oder gar nicht. Wie immer in meinem Leben.“ Das Feuer für den Wassersport war fortan nicht mehr zu löschen. Die Mischung aus Managerin und Sportlerin fand früh ein paar prominente Anfrager, gipfelte unter anderem in einer zweijährigen Kampagne für Mercedes-Benz. An Sponsoren mangelt es bis heute nicht und Anfang 2016 war der endgültige Wendepunkt erreicht: „Da habe ich meinen Job gekündigt, mich für fünf Monate auf die Philippinen und nach Thailand verabschiedet und in Ruhe überlegt, was ich denn nun mache.“

Nicht von der Pandemie verschont

Aus „irgendetwas mit Wakeboard“ wurde die besagte Trainer- und Moin-Camp-Idee, weil Frömling sich in ihren Anfängen selbst vergeblich nach kompetenten Coaches umgesehen hatte. Jetzt ist sie selbstständig, wohnt mit ihrem Verlobten Luke, der natürlich auch Wakeboard fährt, in Bielefeld und hält sich den ganz großen Teil der Zeit am Nesthauser See auf. Nun läuft alles so, wie es sich die Europameisterin gewünscht hat: „Ich habe meinen sicheren Job aufgegeben, um meinen Traum zu leben. Ich lebe jetzt in einer Welt, in der es völlig egal ist, was du für einen Job hast, was du für ein Auto fährst oder wie alt du bist.“

Dass auch diese coole Welt nicht von den Folgen der Coronapandemie verschont geblieben ist, ein paar Camps abgesagt werden mussten und auch die Pläne für ein kleines Festival in Paderborn vorerst nicht konkretisiert werden konnten – fast kein Problem: „Das ist alles ein bisschen blöd, aber ich werde mir deswegen bestimmt keinen anderen Job suchen. Ich kann gerade keine großen Schritte machen, doch als Wakeboarder lernt man, in kritischen Situationen ruhiger zu bleiben und nicht sofort die ganz große Panik zu schieben.“ Wenn sie sich heute fragt, wo sie sich in zehn Jahren sieht, muss sich für Tina Frömling nicht viel ändern.

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