1. Paderborner SV muss sich mit Trockentraining begnügen
Schwimmen fällt ins Wasser

Paderborn -

Eine Sportart taucht ab. Zum zweiten Mal in diesem Jahr sind alle Bäder geschlossen, die Schwimmer quasi „trockengelegt. Die Form halten? Unmöglich, Technikverlust ist garantiert. Trainingsmethodisch müssen sie also beim 1. Paderborner SV notgedrungen wieder improvisieren.

Dienstag, 24.11.2020, 03:41 Uhr aktualisiert: 24.11.2020, 12:38 Uhr
Ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl: PSV-Trainerin Judith Wirblat ruft ihre Schützlinge ein Mal in der Woche per Skype-Konferenz zusammen.
Ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl: PSV-Trainerin Judith Wirblat ruft ihre Schützlinge ein Mal in der Woche per Skype-Konferenz zusammen.

Die triste Lockdown-Realität in Corona-Zeiten zwingt den Wassersportlern vermehrt Kraft- und Athletiktraining, Seitstabilisationsübungen für die Wasserlage und Laufeinheiten an Land auf, normalerweise allenfalls eine Ergänzung. „Lauftraining kannst du definitiv nicht mit Wassertraining vergleichen“, erklärt Judith Wirblat, seit September 2019 Cheftrainerin der 1. Mannschaft. „Ob Atmung oder die Beanspruchung von Muskelgruppen; das ist gänzlich unterschiedlich.“

Die 26-Jährige trimmt die 20 jungen Leute aus den Jahrgängen 2003 bis 2007 weiter intensiv, aber lediglich virtuell, in deren privatem Umfeld. „Ich bin froh, dass wir über moderne Kommunikationsmittel verfügen. Alle haben individuelle Trainingspläne bekommen“, erklärt sie und ist sicher, dass ihre Schützlinge das hohe Maß an Eigenverantwortung und Disziplin, das diese Zeit einfordert, bestmöglich investieren. Schließlich gehört das Männerteam der 2. Bundesliga West an, die Frauen schwimmen in der Oberliga West. Das ist schon was. Zudem besuchen etliche Youngster die Sportklassen am Reismann-Gymnasium. Und da weiß Judith Wirblat die Schüler bei Athletiktrainer Ingo Teich in besten Händen.

Sonntags ist Ruhetag. Jeden Montag kommen die PSV-Trockenschwimmer virtuell für eine Stunde per Skype-Konferenz zusammen. Nicht nur zum gemeinsamen Workout; auch die Gruppendynamik wird so gestärkt. Judith Wirblat: „Das zeichnet uns aus. Wir haben einen sehr starken Zusammenhalt. Diese Mannschaft hat meine höchste Anerkennung, meinen Respekt, wie sie die Situation meistert. Das sind schließlich alles Leistungssportler, und die leben von Wettkämpfen.“

Dienstags, donnerstags und freitags steht High Intensity Zirkeltraining auf dem Plan. Mit Übungssequenzen, die so schnell wie möglich zu absolvieren sind. „Viermal sieben Minuten Intervalltraining, mit jeweils drei Minuten Pause dazwischen. Ob Arme, Beine, Bauch, Cardio; das ist richtig effektiv“, erläutert Wirblat.

Robin Brockhaus und Judith Wirblat beim Trockentraining im Wohnzimmer mit Yogamatte und Faszienrolle.

Robin Brockhaus und Judith Wirblat beim Trockentraining im Wohnzimmer mit Yogamatte und Faszienrolle. Foto: jm

Apropos Improviation: Utensilien wie Theraband und Zugseil sind in der Warteschleife prima Werkzeuge, um auf dem Trockenen Armzüge, Außenrotation und Schulterblattfixation zu trainieren.

Tüfteln, um trotz virtuellen Trockentrainings die Motivation oben und den Frust unten zu halten, öfter mal neue Reize einstreuen, Gelassenheit ausstrahlen: Das sind Aufgaben, die von Judith Wirblat Kreativität einfordern. Da passt es, dass Mutter Karin ausgebildeter Mentalcoach mit A-Lizenz ist. „Sie ist mir eine große Stütze.“

Nach den Sommerferien hatte der 1. Paderborner SV im September tatsächlich zwei Freibad-Wettkämpfe. „Wir waren beim Internationalen Speedo-Meeting in Dortmund auf der 50-Meter-Bahn und beim Jakob-Koenen-Gedächtnisschwimmen in Lippstadt auf der Kurzstrecke“, denkt die 26-jährige Sportwissenschaftlerin zurück. Die Gesamtausbeute war prächtig: 80 persönliche Rekorde, 48 Siege plus 46 weitere Plätze auf dem Podest. Im Oktober absolvierte die Mannschaft sogar noch ein gemeinsames Trainingslager in Duisburg. „Das war richtig super. Wir hatten klasse Bedingungen. Und dann trudelten dort die ganzen Absagen von Veranstaltungen ein. Die Enttäuschung der Sportler aufzufangen, war eine echte Herausforderung.“

Leistungsschwimmer verbringen den größten Teil ihrer Trainingszeit nun mal im Becken, eine ziemlich unersetzliche Zeit. Schließlich geben oft Nuancen den Ausschlag, entscheiden beim Anschlag Hundertstelsekunden. Das so wichtige „Wassergefühl“, es geht meist bereits nach kurzer Zeit verloren. „Schwimmer leben von Koordination. Wenn du mal eine Woche lang krank warst und dann wieder anfängst, fühlst du dich, als wärst du noch nie im Leben geschwommen“, schmunzelt Judith Wirblat.

Die gebürtige Bergheimerin, die 2016 aus Studiengründen nach Paderborn kam, muss es wissen als frühere Leistungssportlerin. „Nach Corona fallen wir alle erstmal wieder in ein Loch. Aber wir fangen, anders als etwa nach Sommerferien, nicht ganz bei Null an. Die Kraft wird dann da sein.“

Judith Wirblat ist froh, dass sie ihre Vorgängerin Ute Lenz - der A-Lizenz-Trainerin hatte sie einige Monate am Beckenrand assistiert - weiter an ihrer Seite weiß. „Utes jahrelange Erfahrung ist für mich wie ein Jackpot. Ich kann viel von ihr lernen.“

Nun ist auch Judith Wirblat bekannt, dass selbst Ärzte eine Ansteckung mit dem Coronavirus im Chlorwasser für unwahrscheinlich halten. „Das ist für mich Fakt. Mir ist kein Fall bekannt, dass sich jemand in der Paderborner Schwimmoper angesteckt hat. Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Keiner kann dieses Virus einschätzen. Es gibt halt Regeln und Maßnahmen, denen wir uns unterzuordnen haben. Unser Job ist es, bei aller Ungewissheit weiter alles zu geben und das Beste aus dieser wasserlosen Situation zu machen.“ Um die Nachwirkungen zu minimieren.

Dass ihre Truppe in diesem Jahr nochmal ins Wasser darf, glaubt die Trainerin eher nicht. „Ich hoffe, dass wir ab Januar wieder in den Trainingsaufbau einsteigen können“, meint Judith Wirblat. „Und ich denke, wenn ein Impfstoff da ist, wird sich die Situation langsam wieder normalisieren.“ Der Deutsche Mannschaftswettbewerb (DMS) im Februar, atmosphärische Kult-Meisterschaft der Vereinsteams mit Pauken und Trompeten, Tröten und Trommeln, ist dennoch bereits abgesagt worden. Jahreshöhepunkt 2021 auch für den 1. PSV sollen die Deutschen Jahrgangsmeisterschaften Ende Mai in Berlin sein.

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