Interview mit FLVW-Vizepräsident Manfred Schnieders
„Jeder Einzelne ist in der Pflicht“

Paderborn. -

Wird die Saison zuende gespielt und wie? Welche Folgen hat Corona für den Sport? Stehen Vereine vor dem Aus? Laufen dem Amateurfußball die Spieler und Zuschauer davon?

Mittwoch, 30.12.2020, 02:44 Uhr aktualisiert: 30.12.2020, 12:24 Uhr
FLVW-Vizepräsident Manfred Schnieders macht sich viele Gedanken um die Zukunft des Sports und hat turbulente Monate hinter sich.
FLVW-Vizepräsident Manfred Schnieders macht sich viele Gedanken um die Zukunft des Sports und hat turbulente Monate hinter sich.

Es gibt Fragen über Fragen in diesen besonderen Zeiten. Manfred Schnieders, Vize-Präsident Amateurfußball des Westfälischen Fußballverbandes, sorgt im Gespräch mit Redakteur Peter Klute für ein wenig Aufklärung.

Herr Schnieders, wie haben Sie die Zeit seit März erlebt?

Manfred Schnieders: Eigentlich müsste man meinen, dass in einer Krise alles heruntergefahren wird und dass sich das Herunterfahren im Sport auch in meinem Arbeitsaufkommen widerspiegelt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich habe in den vergangenen neun Monaten an mehr als 500 Videokonferenzen teilgenommen. Es ging vor allem darum, die alte Saison abzuwickeln und die neue zu planen. Das war unheimlich anstrengend und schlimmer, als wenn man bei zwei Tagungen an einem Tag vor Ort ist.

Wie meinen Sie das genau?

Schnieders: Die Anspannung ist eine ganz andere. Da geht es zum einen um technische Dinge und zum anderen darum, dass das Ganze total unübersichtlich ist. Wir hatten Konferenzen mit bis zu 70 Teilnehmern. Auch die Anspannung zuhause ist ungleich größer, meine Frau hat mich fast nur noch in meinem Büro vor dem Computer oder Laptop gesehen. Ich darf gar nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn ich noch im Berufsleben gestanden hätte. Das wäre so gar nicht gegangen, dann hätte ich mir Urlaub nehmen müssen. Pressekonferenzen, Videokonferenzen mit den Vereinen, ich war von morgens bis abends beschäftigt.

Was gab es für Reaktionen?

Schnieders: Vieles läuft im Hintergrund und ist für Außenstehende gar nicht zu erkennen. Ich bin selbst im SC RW Verne aktiv, meine Frau und meine Tochter sind dort Übungsleiterinnen. Ich bekomme oft zu hören, dass die Leute beim Verband keine Ahnung hätten, aber es ist halt unglaublich schwer, Lösungen zu finden, die für alle gerecht sind. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, aber da bekommt man teilweise Sachen zu hören, da kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Fanden Sie den Saisonabbruch mit all seinen Konsequenzen richtig oder hätte man sich im Nachhinein für die bayrische Variante entscheiden sollen?

Schnieders: Ich war von Anfang an gegen die bayrische Lösung. Das hätte bedeutet, dass wir die Saison 2019/2020 erst einmal nicht zuende gespielt hätten und es keine Saison 2020/2021 gegeben hätte. Das wären womöglich zwei Jahre ohne Ergebnis gewesen. Mit dem Abbruch und der Wertung nach der Quotientenregel ohne Absteiger und mit mehreren Aufsteigern, aktueller Tabellenführer plus Herbstmeister, haben wir eine Aufblähung der überkreislichen Ligen in Kauf genommen. In der laufenden Saison soll es eine Wertung mit einer festgelegten Auf- und Abstiegs-Regelung geben und ab der Spielzeit 2021/2022 hoffentlich wieder Normalität mit einer kompletten Saison.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass die aktuelle Saison zu Ende gespielt wird. Sie haben den 30. Juni als letztes Spieldatum genannt. Sollte die erforderliche Anzahl an Spielen, 50 Prozent, vorher erreicht sein, ist das dann eher Schluss?

Schnieders: Das ist schwierig, denn laut Spielordnung müssen wir den Vereinen anbieten, den Spielbetrieb durchzuführen. Macht der Verband das nicht, kann er für ausbleibende Sponsorengelder oder fehlende Einnahmen aus Eintrittsgeldern haftbar gemacht werden. Oder Vereine könnten sich beschweren, weil sie in den ausbleibenden Partien gegen vermeintlich schwächere Gegner noch mehr Punkte eingeplant haben, um Plätze in der Tabelle gutzumachen. Dieses Risiko können wir nicht eingehen. Wir werden aber versuchen, die Hälfte aller Spiele, und das ist nicht die Hälfte aller Spieler einzelner Mannschaften, möglichst schnell durchzuführen, damit eine Wertung sichergestellt ist. Auf Einzelschicksale kann da keine Rücksicht genommen werden. Die im Herbst ausgefallenen Spiele werden unter der Woche nachgeholt. Ich bin zuversichtlich, dass nicht mehr viele Spiele ausfallen, weil es inzwischen viele Kunstrasenplätze gibt und der Januar und Februar dann wahrscheinlich schon hinter uns liegen. Bei Neuansetzungen unter der Woche muss man auch die Reisedauer berücksichtigen. 80 Kilometer auf der Landstraße sind nicht 80 Kilometer auf der Autobahn, und es kann nicht sein, dass eine Mannschaft von einem Auswärtsspiel in der Nacht zurückkommt. Das muss umsetzbar sein. Es ist daher gut möglich, dass Spieltage zerstückelt werden.

Hat Sie die Unterbrechung Ende Oktober überrascht?

Schnieders: Es wurden Hygiene-Konzepte erstellt und ich muss sagen: Die Vereine haben sich viel Mühe gegeben, die Zuschauer und Spieler weniger. Es gibt viele, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, vor allem beim Umziehen und Verhalten in der Kabine. Da wurde die Höchstanzahl an Personen häufig nicht eingehalten und es wurden auch keine Masken getragen. Ich habe mir davon auf den Sportplätzen selbst ein Bild gemacht und da war mir klar, dass das nicht lange gutgeht. Es war ein Spiegelbild davon, dass viele Menschen den Umgang mit der Corona-Pandemie einfach zu lax genommen haben. Das habe ich auch in Fußgängerzonen von Städten festgestellt, da gab es wenig Distanz. Der Verband bietet in Abstimmung mit den Behörden kostenlos eine Rückverfolgungs-App an. Jeder Einzelne ist in der Pflicht, wenn wir nicht alle mitmachen, haben wir ein Problem. Auf dem Spielfeld hat sich noch keiner infiziert, das passiert davor und danach.

Der Verband hat den Vereinen eine zweiwöchige Vorlaufzeit zugesichert. Wann muss es losgehen, damit es eine realistische Chance gibt, mindestens die Hälfte der Spiele austragen und die Saison werten zu können? Und wann rechnen Sie mit der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs?

Schnieders: Ich stehe in ständigem Kontakt mit der Staatskanzlei und in der nächsten Woche werden wir gemeinsam schauen, wie sich die Zahlen entwickelt haben. Sollten sie tatsächlich auf 5000 bis 6000 Neuinfektionen pro Tag sinken, könnte ich mir vorstellen, dass wir zunächst das Training für die Kinder und Jugendlichen freigeben, damit sie sich wieder in der Gruppe bewegen können. Im zweiten Schritt wären die Senioren dran, da könnte es zum Einstieg ein Social Distance-Training geben. Der dritte Schritt wäre die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, der vierte das Zulassen von Zuschauern. Wenn alle diszipliniert sind, könnte es sein, dass wir im März wieder spielen. Wir dürfen bei unseren Planungen auch die Pokalwettbewerbe nicht vergessen.

Halten Sie es für möglich, dass Corona den Spielbetrieb auch in der Saison 2021/2022 beeinflusst?

Schnieders: Das denke ich schon. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir im kommenden Jahr in Deutschland Spiele mit 50.000 Zuschauern oder mehr erleben werden. Und auch im Amateurbereich wird es weiter Auflagen und Einschränkungen geben. Zum Beispiel, dass sich im Außenbereich eines Sportplatzes nicht mehr als 300 Zuschauer aufhalten dürfen. Die Impfungen könnten es etwas einfacher machen, aber ich befürchte, dass der Spielbetrieb noch länger von Corona beeinflusst sein wird.

Das Thema Entwöhnung ist ein großes. Befürchten Sie, dass Funktionäre, Spieler und Zuschauer den Spaß am Sport verlieren?

Schnieders: Je länger die Pause dauert, umso schwieriger wird es werden, dass wir einen Zustand wiederbekommen, wie wir ihn vorher hatten. Ich befürchte, dass es Kinder und Jugendliche stärker betreffen könnte als Erwachsene und ich habe Sorge, dass der eine oder andere von der Play Station nicht mehr auf den Platz zurückkehren wird. Daher ist aktuell die Kontaktpflege seitens der Vereine wichtig, um die Mitglieder bei Laune zu halten. Wer einen Verein als reinen Dienstleister sieht, wird sich aber wohl verabschieden. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Vereinen wissen, wofür sie das tun, da mache ich mir weniger Gedanken, dass sie aufhören. Insgesamt sind Verband und Vereine gefragt, sich kreative Lösungen einfallen zu lassen, ob mit virtuellen Veranstaltungen oder Outdoor-Events. Vereine sind eine Solidargemeinschaft. Man muss mit den Leuten ins Gespräch kommen, und das fällt in einem kleinen Ort sicher leichter als in einer großen Stadt. Von Massenaustritten ist mir nichts bekannt, aber spannend wird es sein, wenn im Sommer die Meldelisten für Mannschaften für die neue Saison erscheinen.

Haben Sie Sorge, dass einige Vereine die Corona-Krise nicht überstehen?

Schnieders: Einzelfälle hat es immer mal gegeben, ein Vereinssterben halte ich für unwahrscheinlich. Und wenn, hat das nichts mit Corona zu tun, sondern hat strukturelle Gründe und liegt am fehlenden Nachwuchs. Was ich mir aber gut vorstellen könnte, ist, dass es Klubs geben wird, die ihre Mannschaften in einer unteren Klasse melden, weil sie Spieler nicht mehr finanzieren können.

Wann oder wird der Sport überhaupt mal wieder so sein, wie er war?

Schnieders: Ich stelle mal die Frage: Wann wird unser Leben wieder so sein, wie es war? Daran wird sich der Sport orientieren müssen. Ich bin mir sicher, dass Corona uns andere Voraussetzungen für die Zukunft schaffen wird.

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