Fr., 04.01.2019

Neue Serie zum Uni-Jubiläum beginnt mit Gertrude Lübbe-Wolff Von der Studentin der ersten Stunde zur Professorin

Gertrude Lübbe-Wolff ist eine der renommiertesten Jura-Professorinnen Deutschlands.

Gertrude Lübbe-Wolff ist eine der renommiertesten Jura-Professorinnen Deutschlands. Foto: Mike-Dennis Müller

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Gertrude Lübbe-Wolff ist zweifellos ein »Aushängeschild« für die Universität Bielefeld: Die Juristin, am 31. Januar 1953 in Weitensfeld (Kärnten) geboren, war als Assistentin an der Uni. Sie wurde 1992 zur Professorin berufen, war von 2002 bis 2014 Verfassungsrichterin in Karlsruhe und kehrte anschließend an die Universität Bielefeld zurück. Ihre Laufbahn an der Universität Bielefeld begann aber bereits im ersten Jahr der Hochschule.

»Ich habe zum ersten Jahrgang gehört«, erzählt die 65-Jährige. 16 Jahre jung war sie, da sie zwei Schulklassen übersprungen hatte. Die Lehre fand damals im »Aufbau- und Verfügungszentrum« zwischen Voltmann- und Kurt-Schumacher-Straße gelegen, statt, mit dem Bau des Hauptgebäudes war noch nicht einmal begonnen. »Das Studentenleben an der Uni war anfangs unglaublich trist. Es gab keine Mensa, kein Café, keine Vorträge, keinen Hochschulsport, kein Studentenkino. Auch die Stadt war überhaupt noch nicht auf Studenten eingerichtet.«

50 Jahre, 50 Köpfe

50 Jahre Universität Bielefeld – das wird in diesem Jahr gefeiert. 80.000 Absolventen zählt die Hochschule, Tausende wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter waren und sind an der Universität beschäftigt. Wir porträtieren in einer Serie 50 »Köpfe«.

Viele Fakultäten gab es ohnehin noch nicht: Mathematiker, Soziologen und gut 100 Juristen, schätzt sie, stellten die Studentenschaft. »In den Pausen saßen die meisten auf den Treppen und spielten Karten, und am Wochenende war praktisch niemand mehr da. »Das hat sich dann ja zum Glück bald alles geändert. Heute ist Bielefeld längst eine lebendige Universitätsstadt.«

Besonders gut fand Lübbe-Wolff, dass es damals das Blockstudium gab: »Wir haben uns zum Beispiel sechs Wochen lang nur mit BGB und römischer Rechtsgeschichte befasst. Das war sehr intensiv, und man hatte schneller das Gefühl, Zusammenhänge zu erkennen.« Dabei fiel damals durchaus die eine oder andere Vorlesung aus: »Es war eine bewegte Zeit. Da fielen dann schon mal Veranstaltungen aus, weil der Hörsaal besetzt war, oder es wurde darüber abgestimmt, ob man nicht lieber über Kambodscha diskutieren sollte.«

Zurück zu den Wurzeln

Nach vier Semestern wechselte Lübbe-Wolff nach Freiburg, studierte später an der Harvard Law School – »und dann lernte ich meinen Mann kennen, und es verschlug mich wieder nach Ostwestfalen«. Der Philosoph Michael Wolff war damals bereits an der Universität Bielefeld, sie kehrte also Ende 1978 zurück zu ihren akademischen Wurzeln, arbeitete ein Jahr lang an ihrer Dissertation und trat 1979 eine Assistentenstelle bei Jochen Abraham Frowein an.

»Er war ein sehr guter Chef«, sagt die Juraprofessorin. »Sehr kenntnisreich, und verlangte von allen solides juristisches Handwerk.« Als Vater von drei Kindern hatte Frowein auch Verständnis, als Lübbe-Wolff schwanger wurde und zeitweise von zuhause arbeitete – »das war damals nicht selbstverständlich«. Auch mit ihren anderen Chefs, Meinhard Hilf und Dieter Grimm habe sie es sehr gut getroffen, betont sie.

Leiterin des Wasserschutzamtes

Bis 1987, dem Jahr ihrer Habilitation, war Lübbe-Wolff wissenschaftliche Assistentin an der Uni, dann wurde sie Leiterin des Bielefelder Wasserschutzamtes. »Ich wollte nicht an andere Hochschulen pendeln.« Ihr Mann war mittlerweile in Bielefeld Philosophieprofessor, drei der vier Kinder bereits geboren.

Bereut hat die Juristin den Schritt in die Praxis nie: »Das war eine sehr lehrreiche Zeit, und ich habe viel Respekt vor der Arbeit, die dort geleistet wird.« Deutlich geworden sei ihr eines: Wie wenig selbstverständlich sauberes Wasser aus dem Wasserhahn ist, oder dass das Abwasser auf Knopfdruck verschwindet, und vieles andere, was wir für selbstverständlich nehmen. »Das sind alles hohe und voraussetzungsvolle Kulturleistungen.«

Außerdem, ergänzt sie, sei die Zeit politisch interessant gewesen: »Wie Politik funktioniert, habe ich im kleinen Kosmos Kommune gelernt: mit Stadtparlament, Verwaltung und Regierung.«

»Das große Los«

Als 1992 an der Universität eine Professur für Öffentliches Recht ausgeschrieben wurde, bewarb sich die Juristin – mit Erfolg. »Das war natürlich das große Los, als Ehepaar an derselben Uni eine Anstellung zu finden.« Von 1996 bis 2002 war die 65-Jährige zudem Direktorin des Zentrums für interdisziplinäre Forschung. Von den Direktoren wird erwartet, dass auch sie eine Forschungsgruppe leiten. Lübbe-Wolff bildete keine Ausnahme: Ihre Gruppe befasste sich mit dem Thema »Rationales Umweltrecht und rationale Umweltpolitik«.

2002 dann wurde die Bielefelderin an das Bundesverfassungsgericht berufen und gehörte zwölf Jahre lang dem zweiten Senat an. An der Arbeit dort hat sie besonders beeindruckt, dass man sich ungeachtet möglicher Sondervoten in intensiven Erörterungen stets in erster Linie, und meist erfolgreich, um eine gemeinsame Lösung bemühe: So viel Sachlichkeit und Kollegialität gelinge an vielen Verfassungsgerichten anderer Staaten nicht.

2014 dann kehrte Lübbe-Wolff an die Universität zurück. Ende August wurde sie pensioniert, bleibt der Universität aber verbunden – auch mit kleineren Lehrveranstaltungen. Sie genießt an ihrem Ruhestand vor allem, »dass ich jetzt mit mehr Ruhe und Kontinuität arbeiten kann«.

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