Mi., 14.08.2019

Folge 30: Annette Beune fertigt in der Glaswerkstatt der Uni wissenschaftliche Apparaturen Die Herrin des Feuers

In der Glaswerkstatt der Universität hantiert Annette Beune mit Vollglasstäben, Kapillaren, Kolben und Ventilen. Daraus entstehen nach den Wünschen der Wissenschaftler die Versuchsaufbauten für Bio, Chemie oder Physik.

In der Glaswerkstatt der Universität hantiert Annette Beune mit Vollglasstäben, Kapillaren, Kolben und Ventilen. Daraus entstehen nach den Wünschen der Wissenschaftler die Versuchsaufbauten für Bio, Chemie oder Physik. Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Wenn Annette Beune auf einer Party sagt, dass sie Glasbläserin ist, denkt jeder an Weihnachtskugeln oder Weingläser. Aber weit gefehlt: Die 55-Jährige leitet die Glaswerkstatt der Universität und baut Glasapparaturen für Wissenschaftler.

Ihre »Kunden« sind Biologen, Chemiker, Physiker und die Forscher der Technischen Fakultät. Manche benötigen einen eher einfachen Versuchsaufbau, andere eine komplizierte Apparatur mit diversen Krümmungen und Ventilen, die in tagelanger Arbeit zusammengebaut wird. »Nach jedem neuen Ansatz muss die Apparatur über Nacht in einen Ofen, in dem sie langsam erwärmt wird und ebenso langsam wieder abkühlt«, erklärt sie. Dadurch werden die thermischen Spannungen abgebaut.

Aus Vollglasstäben, Kapillaren, Kolben und Ventilen entstehen unter ihren Händen nach den Wünschen der Wissenschaftler (und teilweise nach »Faustskizzen«) die Versuchsaufbauten. »Viele Experimente wären ohne diese Werkstatt nicht möglich«, sagt Annette Beune, die mit ihrer Kollegin Nele Beckmann die Herrin über das Feuer ist.

Temperaturen bis 2000 Grad

Denn das Glas wird an einem Brenner bearbeitet. Dessen Flamme wird gespeist durch ein Gemisch aus Erdgas und Sauerstoff, dadurch werden Temperaturen bis 2000 Grad erreicht. Dennoch hält Annette Beune die Glasröhren und -körper, die sie miteinander verschmilzt, mit bloßen Händen in die Flamme ihres Brenners. »Glas ist ein schlechter Wärmeleiter, deswegen kann man es mit etwas Abstand zu der Stelle, auf die die Flamme trifft, anfassen.« Was nicht heißt, dass sie sich nicht schon ab und an verbrannt hat. Denn auch wenn das Glas schon wieder fest und klar ist, kann es noch sehr heiß sein. Ein Muss allerdings ist die Schutzbrille mit Filtern, die es Annette Beune zudem erlaubt, in die Flamme zu sehen.

Die Glasapparatebauerin, so die offizielle Berufsbezeichnung, fertigt aber nicht nur auf Maß an, sondern baut auch Apparaturen um oder repariert: Erlenmeyerkolben, aus denen am Rand etwas herausgebrochen ist, ebenso wie komplizierte Apparaturen. Absolute Voraussetzung dafür aber ist, dass alles sorgfältig gereinigt bei ihr abgegeben wird. »Zum einen, weil wir auch mit dem Mund an die Werkstücke müssen. Zum anderen weiß ich ja nicht, mit welchen Chemikalien gearbeitet wurde. Manches ist unsichtbar, könnte aber, wenn wir es erhitzen, Gase oder auch eine Verpuffung erzeugen«, erklärt sie.

Zufällig zum Beruf

Zu ihrem Beruf ist die 55-Jährige vor mittlerweile 38 Jahren eher zufällig gekommen. »Mein Pflegevater hat im Chemikalienlager gearbeitet, er wusste, dass mein späterer Ausbilder Hermann-Josef Kordt einen Lehrling suchte. Von selber kommt man als junger Mensch ja nicht darauf«, erzählt sie schmunzelnd. Zur Berufsschule ging es damals einmal in der Woche nach Essen, vor Tau und Tag am frühen Morgen, weil Schulbeginn um 7 Uhr war.

Mitbringen müsse man als Glasapparatebauer Geschick, eine ruhige Hand und, ganz wichtig, Geduld. »Den Beruf zu erlernen ist eine Aufgabe...« Bereut hat Annette Beune die Berufswahl aber »auf keinen Fall«. Wichtig sind ihr die jährlichen Treffen mit den Kollegen, die in der Vereinigung der deutschen Glasbläser zusammengeschlossen sind. »Wenn man selber einmal nicht weiterkommt, kann man einen Kollegen fragen, das ist hilfreich.«

Tatsächlich aber kann Annette Beune mehr als komplizierte Apparate zu bauen: »Freitagsnachmittags durfte ich als Lehrling ‘basteln’. Ich habe das volle Programm hergestellt: Vasen, Gläser, Tiere...«, erzählt sie.

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