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Fr., 04.07.2014

Boxer Nimani rastet während Plädoyers aus »Schlampige, saumäßige Polizeiarbeit«

Das Bielefelder Landgericht.

Das Bielefelder Landgericht. Foto: Thomas F. Starke

Von Uwe Koch

Bielefeld (WB). Zum Eklat ist es im Prozess um die Schüsse auf Boxer Besar Nimani gekommen. Der 28-Jährige wurde nach einem »zu milden« Strafantrag der Staatsanwältin des Saales verwiesen. Er rastete aus, weil er sich von den Verteidigern des Angeklagten provoziert fühlte. Sein Rechtsanwalt Georg Schulze erhob indes schwerste Vorwürfe gegen die Polizei.

Verhandelt wird die Schussattacke des Türstehers Mustafa A., am 24. August 2013 in der Bielefelder Innenstadt. Mit mindestens fünf Schüssen hatte der 45-Jährige in einem türkischen Imbiss auf der belebten Jöllenbecker Straße Besar und seinen Bruder Berat Nimani (29) sowie einen Freund (31) schwer verletzt. Mustafa A. war zuvor im Außenbereich des Imbisses von dem 31-Jährigen tätlich angegriffen und im Gesicht verletzt worden.

Anwalt beruhigt Nimani

Staatsanwältin Stefanie Jürgenlohmann sah darin den Anlass zur Eskalation, weil sich der Freund Nimanis »nicht zurück gehalten hat«. Sie begründete damit auch die Notwehrlage des Angeklagten. Hinsichtlich des Schusses auf Besar Nimani, der den Boxer von hinten in den Oberschenkel getroffen hatte, wertete die Anklägerin die Tat als gefährliche Körperverletzung. Mit zwei Verstößen gegen das Waffengesetz (Pistole und Messer) solle Mustafa A. viereinhalb Jahre Haft absitzen.
Schon allein über diesen Haftantrag regte sich Nimani auf, musste von Georg Schulze beruhigt werden. Die Nebenklagevertreter, neben Schulze außerdem Ulrich Kraft und Christina Peterhanwar, plädierten auf eine »erheblich höhere Strafe als die Staatsanwältin«.

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Das ist lächerlich, die Polizei hat versagt.

Rechtsanwalt Georg Schulze

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Besonders Georg Schulze übte aber massive Kritik an der »schlampigen, saumäßigen Ermittlungsarbeit der Polizei«. Dokumentiert sei das in den Pressemitteilungen der Bielefelder Polizei nach der Tat: Die Suche nach weiteren Zeugen sei zunächst öffentlich betrieben, dann eingestellt worden, obwohl weitere Augenzeugen sich im Lokal befunden hätten. Das Projektil aus dem Oberschenkel des 31-Jährigen sei auf dem Weg aus der Klinik Rosenhöhe ins Polizeipräsidium verschwunden, obwohl damit ein exakter Nachweis der Tatwaffe hätte geführt werden können. Schulze: »Das ist lächerlich, die Polizei hat versagt.«

Diese Ermittlungen seien demnach der Hauptverhandlung vorbehalten gewesen, in der die Wahrheit nicht mehr aufzuklären gewesen sei. Schulze, Kraft und Peterhanwar bejahten einen Tötungsvorsatz, plädierten auf eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags.

Hatte sich Besar Nimani bis dahin wieder beruhigt, so rastete er während der Plädoyers der Verteidiger Rainer Pielsticker und Dr. Carsten Ernst vollends aus. Pielsticker hätte die Nebenkläger lieber auf der Anklagebank gesehen, sein Mandant sei das Opfer. Ernst hingegen unterstellte dem Boxer »Lügen« und »Märchen«, mochte sich nicht vorstellen, wie er »in freier Wildbahn« agiere. Beide plädierten auf Freispruch vom Vorwurf des versuchten Totschlages. Besar Nimani hielt im Gericht danach ein DIN-A-4-Blatt hoch, auf dem die Worte »Schwarz-Rot-Gold: Einigkeit und Recht ? und Freiheit« standen. Auf Nachfrage Ernsts hatte er zudem gesagt, »Wenn es anders gelaufen wäre, wäre A. heute nicht hier«.

Kammervorsitzende Jutta Albert verwies den Boxer danach aus dem Saal. Vor der Tür beschimpfte Nimani den Angeklagten als »Vergewaltiger«. – Das Urteil soll heute um 11.30 Uhr verkündet werden, unter massivem Polizeischutz.

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