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Mo., 06.10.2014

Internationales Akademikertreffen in Bielefeld Jesiden ringen um Anerkennung

Von Uta Jostwerner

Bielefeld (WB). Was versteht man unter Jesidentum? Woher kommen die Jesiden – sie selbst nennen sich Eziden –, woran glauben sie? Welche Auswirkungen hat die Bedrohung durch den IS, und wie können sich Verfolgte in der Diaspora integrieren?

Das waren die Themen bei der zweiten Konferenz der »Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen« (GEA) am Wochenende in Bielefeld. Mehr als 500 Delegierte aus dem In- und Ausland nahmen an den Symposien im Neuen Rathaus teil. Tagungssprache war Deutsch – Dolmetscher übersetzten bei Bedarf ins Kurdische.

»Soweit die Geschichte der Eziden sowie ihrer Religion durch historische Quellen erschlossen werden kann, ist sie eine Geschichte von systematischen Vernichtungsfeldzügen, Strafexpeditionen und religiöser, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entrechtung«, berichtete Dr. Sefik Tagay, Vorsitzender der Gesellschaft. Jesiden wurden häufiger in der Geschichte als Häretiker und Gottlose gebrandmarkt und verfolgt – bis heute.

Der von den Terroristen des Islamischen Staates (IS) seit Anfang August an den Jesiden im Nordirak verübte Genozid reihe sich in die von Vernichtung, Verfolgung und Vertreibung geprägte Geschichte ein, konstatierte Tagay. Er sprach auch die Herausforderungen des Lebens in modernen Gesellschaften an, etwa in Bezug auf die religiösen Praktiken oder das Finden eines Ehepartners in der Diaspora. »Eziden dürfen nur innerhalb ihrer Kaste heiraten. Das hat in Kurdistan lange Zeit funktioniert. Die Frage ist, ob wir uns öffnen und Mischehen zulassen sollen und wie wir mit den Konflikten innerhalb der Generationen umgehen«, sagte Tagay.

Aktuell leben etwa 100 000 Jesiden in Deutschland. Sie müssen sich vielen Veränderungen stellen. Diese wissenschaftlich zu beleuchten, war unter anderem Gegenstand der Tagung, bei der auch zwei Ehrenpreise vergeben wurden. Dr. Herbert Schnoor (SPD), ehemaliger NRW-Innenminister, erhielt den Preis, weil er sich in seiner Amtszeit für das Bleiberecht der Jesiden eingesetzt hatte. Ausgezeichnet wurde posthum auch der Orientalist Professor Dr. Dr. Gernot Wießner (Göttingen) für sein Engagement für die Jesiden.

Bielefeld war erneut Gastgeberstadt, denn mit 8000 Jesiden gibt es hier Deutschlands zweitgrößte Jesidengemeinde nach Celle. Die GEA wurde 2012 gegründet. »Wir hegen die Hoffnung, dass ihr Akademiker aus aller Welt beitreten werden«, sagt Sefik Tagay. Ziel der Gesellschaft sei es, abgesehen von der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte die Jesiden in der Welt bekannter zu machen und die Vorurteile gegen sie abzubauen.

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