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Do., 11.02.2016

Ärzte sollen Krebstumor unkontrolliert aufgeschnitten haben – Gericht will Vergleich EvKB soll Patientin 150.000 Euro zahlen

Das Evangelische Krankenhaus bedauerte gestern die Fehlbehandlung der heute 40-jährigen Patientin. Man stehe »einer schnellen Lösung nicht im Weg«, sagte Klinik-Sprecher Jens Garlichs nach dem Prozess vor der 4. Zivilkammer des Landgerichts.

Das Evangelische Krankenhaus bedauerte gestern die Fehlbehandlung der heute 40-jährigen Patientin. Man stehe »einer schnellen Lösung nicht im Weg«, sagte Klinik-Sprecher Jens Garlichs nach dem Prozess vor der 4. Zivilkammer des Landgerichts. Foto: Thomas F. Starke

Von Uwe Koch

Bielefeld (WB). Das Evangelische Krankenhaus Bielefeld (EvKB) wird mit einer der größten Schadensersatzforderungen an einen Patienten konfrontiert: Das Landgericht Bielefeld will einer Frau (40) 150.000 Euro in einem Vergleich zusprechen, weil die Ärzte einen Krebstumor unkontrolliert aufgeschnitten haben.

Zu einem Urteil soll es nach Ansicht der 4. Zivilkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Dr. Matthias Windmann auch nicht mehr kommen: Eine lange Beweisaufnahme würde die 40-jährige Bielefelderin wohl kaum noch erleben. Sie ist todkrank, hat schlimmstenfalls nur noch wenige Wochen zu leben.

Die Gynäkologin der Patientin hatte im November 2008 eine Zyste am rechten Eierstock der Frau diagnostiziert. Zysten sind meist gutartig, können in seltenen Fällen aber gesundheitsgefährdend sein. Darauf hatte die Frauenärztin auch in ihrer Überweisung in das Klinikum des EvKB hingewiesen. Am 28. November 2008 wurde die Frau aufgenommen, drei Tage später folgte durch eine Oberärztin der Eingriff mit den »dramatischen Folgen« (Windmann).

Gewebe am Eierstock punktiert

Ohne eine Computertomographie (CT), ohne eine Magnetresonanztomograhpie (MRT) und vor allem ohne Nachweis von Tumormarkern wurde das Gewebe am Eierstock punktiert. Das heißt die Ärztin schnitt in die vermeintliche Zyste hinein. Eine histologische Untersuchung des Gewebes brachte dann die »fürchterliche Gewissheit«: Es handelte sich um ein Krebsgeschwür.

Nur wenige Tage später wurde dann auch festgestellt, dass das Karzinom die Krebszellen in das kleine Becken und in die Bauchhöhle gestreut hatte. Für die Bielefelderin folgten seither acht Jahre der stetigen Nachbehandlung in verschiedenen Kliniken, Chemotherapien, erfolglose Operationen. Nach derzeitiger ärztlicher Einschätzung hat sie nur noch kurze Zeit zu leben.

»Die Eröffnung eines nicht gutartigen Tumors ist verboten«

Der renommierte Aschaffenburger Sachverständige Professor Dr. Alexander Teichmann fällte über den Eingriff ein vernichtendes Urteil: Schon die Diagnose im EvKB sei »fehlerhaft« gewesen. »Es stand auch eine bösartige Erkrankung im Raum.« Mindestens Tumormarker hätten geprüft werden müssen.

Die Operation bezeichnete Teichmann in seinem schriftlichen Gutachten als »groß fehlerhaft«: »Die Eröffnung eines nicht gutartigen Tumors ist verboten.« Der Sachverständige folgerte, man habe eine »heilbare Erkrankung in eine unheilbare« verwandelt.

Bielefelderin forderte 350.000 Euro Schmerzensgeld

Die Bielefelderin hatte die Klage erst kürzlich eingereicht. Sie forderte 350.000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz. Die 4. Zivilkammer des Landgerichts sondierte den Fall mit jedem Richter und setzte den Prozess nun wegen der dramatischen Gesundheitsentwicklung sofort an. Dr. Matthias Windmann: »Der Fall ist in seiner Tragik herausragend.« Daher sei eine langwierige Beweisaufnahme mit einem Urteil in einigen Monaten nicht ratsam.

Ausgeschlossen sei dann auch eine Berufung nicht. Es sei im höchstem Maß zweifelhaft, ob die Frau das Ende des Rechtsstreits erlebe. Windmann riet zu einem Vergleich, der den Parteien in den nächsten Tagen zugesandt werden soll. Als Vergleichssumme nannte das Gericht die Zahlung von 150 000 Euro durch das EvKB.

Die Patientin hält dieses Angebot für akzeptabel. EvKB-Sprecher Jens Garlichs erklärte gestern für das Klinikum das »Bemühen um eine schnelle Lösung«. Die Klinik »bedauert das Schicksal, es tut uns sehr leid«. Es habe in der Behandlung Fehleinschätzungen gegeben. Jens Garlichs: »Wir werden einem Vergleich nicht im Wege stehen.« Az. 4 O 45/14

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