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Fr., 27.05.2016

Eine Iran-Reise geht zu Ende Offener, moderner, freier

Blick in den Basar in Teheran

Blick in den Basar in Teheran Foto: Bernhard Hertlein

Von Bernhard Hertlein

Teheran (WB).  Der Koffer mag vor der Reise noch so vollgepackt sein mit vorgeprägten Bildern. Am Ende sind viele neue hinzugekommen. Überraschende. Bestätigende. Ergänzende.

Bernhard Hertlein, Leiter der WESTFALEN-BLATT-Wirtschaftsredaktion berichtet aus dem Iran. Foto: Oliver Schwabe

Iranische Geschäftsleute, und nicht nur sie, wissen natürlich um die Bilder, die über ihr Land im Westen im Umlauf sind. Bilder, die guten Geschäften auch nach dem Wegfall der Sanktionen noch im Wege stehen könnten.

Und so zeigen sie, dass der Iran ganz anders ist. Viel offener. Viel moderner. Auch freier. Jedenfalls, so schränken sie ein, wenn man bestimmte Grenzen nicht überschreitet. Tabu ist Kritik an den Ayatollahs. Tabu die Kritik an der Religion allgemein.

Es gibt Muslime – und es gibt Sunniten

Ein Bild, das bleibt: In den Augen auch aufgeklärter Iraner gibt es Muslime – und es gibt die Sunniten. Der letzte Krieg mit dem Irak Saddam Husseins ist im Iran noch in guter Erinnerung. Damals fielen auch auf Teheran Bomben. Jetzt ist der Irak kein Gegner mehr. Derzeit gibt es im Mittleren Osten nur drei Vormachte: die Türkei, Saudi Arabien und der Iran.

Bilder… In Italien haben sie beim Staatsbesuch von Präsident Hassan Ruhani Statuen verhüllt. Im Iran verhüllen sich die Menschen selbst, jedenfalls die Frauen. Andererseits gibt es hier große Plakatwände, die moderne Kunst zeigen. Nichts Nacktes. Aber immerhin beispielsweise Kunst von Pablo Picasso. Das ist ein neues Bild.

Frauen erwidern Blicke selbstbewusst

Reise in den Iran

Bernhard Hertlein, Leiter der Wirtschaftsredaktion des WESTFALEN-BLATTES, berichtet in den kommenden Tagen von der Unternehmerreise in de Iran. Seine Berichte lesen Sie in der Zeitung und auf www.westfalen-blatt.de.

Ein falsches Bild nicht aus meinem, aber aus anderen Köpfen: »Mann« muss im Iran beim Anblick von Frauen die Augen senken. Das stimmt nicht. Jedenfalls nicht in Teheran. Frauen erwidern Blicke selbstbewusst.

Sie laufen auch nicht mit gesenktem Kopf durch die Straßen – und zwar nicht nur, weil das Kopftuch dazu zwingt, den Kopf gerade zu halten, da es sonst leicht verrutscht. Das Kopftuch, das vom Schah einst verboten worden ist. Und das 1979 zum Zeichen der Islamischen Revolution wurde. Alle müssen es tragen. Auch die Ausländerinnen. Ob Frau sich daran gewöhnt? Die Meinungen gehen auseinander.

Keine Ministerin

Ein neues Bild im Iran: Frauen in leitenden Positionen. Es handelt sich um einzelne Fälle, meist um Töchter erfolgreicher Unternehmer. Doch an der Spitze des Tisches sitzen bei den meisten Unternehmensbesuchen ein oder mehrere Männer. Es gibt im Iran keine Ministerin. Keine Richterin. Natürlich keine Priesterin.

Vergebens sucht man sie auch im Funktionärsbereich, wo die stoppelbärtigen Männer in schlecht sitzenden Anzügen immer das Bild bestimmen. Ja, das kann sich ändern. In welchem Zeitraum? Das ist der Augenblick, dass sich die Frauen in der deutschen Gruppe zu Wort melden. »Auch bei uns verdienen Frauen bei gleicher Arbeit oft noch nicht den gleichen Lohn…«

Kein Entwicklungsland

Ein neues Gefühl: Im Iran da bin ich Millionär. Für einen Euro bekommt man 38.000 Rial. So ist es leicht, Millionär zu sein. Die galoppierende Inflation war eine Folge der Sanktionen.

 Eines aber hat dieser Handelskrieg nicht erreicht: den Iran auf den Status eines Entwicklungslandes zurückzudrücken. Sicher gibt es Unternehmen wie jenen Zulieferer, der mit hohem Personalaufwand die Innenverkleidungen für Autotüren produziert. Er wäre, wenn alle Handelsbarrieren von einem auf den anderen Tag fielen, nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Betriebe produzieren auf Weltniveau

Doch es gibt, und das ist ein Bild, das während der Reise hinzugekommen ist, auch viele Betriebe, die auf Weltniveau produzieren. Unterm Strich, da sind sich die meisten Teilnehmer der Delegation einig, ist der Iran zumindest auf dem Weg zu einem Schwellenland. Die Reihe der BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China, muss womöglich in einigen Jahren um ein weiteres »I« ergänzt werden.

»Die Iraner wollen, dass sich ihre Wirtschaft entwickeln kann«, schreibt selbst die Nobelpreisträgerin und Regimekritikerin Shirin Ebadi in ihrem neuesten Buch »Until we are free«. »Sie wollen, dass die Regierung alles Geld, das sie ausgibt, ins Land investiert und nicht für den Kauf von Waffen für die Hisbollah im Libanon oder für die Truppen von Bashar al-Assad in Syrien.«

Ich glaube, wenn es nicht zu gefährlich wäre, ausgerechnet Shirin Ebadi zuzustimmen: Die meisten Iraner würden es tun.

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