Evangelische Kirchengemeinde Jöllenbeck reagiert auf Nazi-Nähe des Namensgebers
Johannes-Kuhlo-Haus ist umbenannt

Bielefeld (WB). Das Johannes-Kuhlo-Haus der evangelischen Kirchengemeinde Bielefeld-Jöllenbeck ist umbenannt. Es heißt nun schlicht Evangelisches Gemeindehaus Jöllenbeck. Diese Entscheidung hat jetzt das 15-köpfige Presbyterium der Gemeinde getroffen.

Mittwoch, 08.06.2016, 13:18 Uhr aktualisiert: 08.06.2016, 13:23 Uhr
Die beiden Pfarrer Dr. Andreas Kersting (links) und Jürgen Michel sowie die Presbyteriumsmitglieder (von links) Cornelia Vollmer-Sudeck, Nicole Delbrügge und Karola Strunk vor dem Gemeindehaus, das nun Evangelisches Gemeindehaus Jöllenbeck heißt. Foto: Uffmann
Die beiden Pfarrer Dr. Andreas Kersting (links) und Jürgen Michel sowie die Presbyteriumsmitglieder (von links) Cornelia Vollmer-Sudeck, Nicole Delbrügge und Karola Strunk vor dem Gemeindehaus, das nun Evangelisches Gemeindehaus Jöllenbeck heißt. Foto: Uffmann

»Die Entscheidung ist einstimmig gefallen und gilt seit dem Beschluss am 1. Juni«, erklärt Pfarrer Dr. Andreas Kersting. In den kommenden Wochen soll nun das Namenschild an dem Haus an der Schwagerstraße 14 entfernt werden, im Eingangsbereich des Hauses soll eine Informationstafel mit Fakten zu dessen Geschichte und seinem früheren Namensgeber angebracht werden.

Hintergrund der Entscheidung ist die Nähe des Namensgebers Johannes Kuhlo zu den Nationalsozialisten, die seit November in der Gemeinde diskutiert worden war (diese Zeitung berichtete). Johannes Kuhlo (1856 bis 1941) gilt als wichtige Person der evangelischen Posaunenchor-Bewegung. »Er war jedoch bis zum Lebensende ein Anhänger Hitlers und hat in seinen Veröffentlichungen antisemitisch und antijudäisch agiert«, erklärt Kerstin. »Seine Monarchie- und Kaisertreue geht bruchlos über in die Huldigung Adolf Hitlers«, so Pfarrer Jürgen Michel.

Dies sei durch die zwei Fachvorträge deutlich geworden, die die Gemeinde im Januar und im April zur Biographie von Johannes Kuhlo veranstaltet hatte. Gehalten worden waren diese von Friedhelm Wittenberg, ehemalige Vorsitzender des CVJM in Jöllenbeck und Wissenschaftler, der über Juden in Bielefeld und die »Arisierung« von Unternehmen geschrieben hat, sowie von Reinhard Neumann, Wissenschaftler an der Diakonie-FH in Bethel.

Die Vorträge seien Grundlage für die jetzige Entscheidung gewesen, so Kersting. Außerdem habe es am 1. Mai eine Gemeindeversammlung mit etwa 90 Teilnehmern gegeben, bei der »breit und auch kontrovers, aber sehr sachlich« diskutiert worden sei, so der Pfarrer. Schließlich habe im Presbyterium große Einigkeit darüber bestanden, dass Johannes Kuhlo keinen uneingeschränkten Vorbildcharakter habe. »Die Entscheidung, den Namen des Hauses zu ändern, war somit folgerichtig und notwendig.« Dabei gehe es nicht darum, ein endgültiges Werturteil über das Leben von Johannes Kuhlo zu fällen. Dessen große Verdienste für die evangelische Posaunenbewegung würden weiter respektiert.

Warum das Gemeindehaus nach der Errichtung 1978 nach Johannes Kuhlo benannt worden sei, sei heute nicht mehr nachzuvollziehen, schriftlichen Vermerke gebe es kaum dazu, sagt Andreas Kersting. Vieles über die Biographie Kuhlos sei jedoch erst im Laufe der 80er Jahre bekannt geworden, nachdem dessen Familie Dokumente aus seinem Nachlass zur Verfügung gestellt habe.

Ordiniert worden war Kuhlo 1882 in Hüllhorst, er heiratetet die Schildescher Pfarrerstochter Anne Siebold. 1892 wurde er in Bethel Vorsteher der Diakonenanstalt Nazareth. Gemeinsam mit dem Bielefelder Instrumentenbauer Ernst David entwickelte er das nach ihm benannte Kuhlohorn. Auf ihn geht auch die Klavierschreibweise für Bläsernoten zurück, die das Zusammenspiel von Gemeindegesang, Orgel, Chor und Bläsern erleichtern. Kuhlo wurde 1932 NSDAP-Mitglied, von 1933 an war er kurze Zeit Reichsposaunenführer. In persönlichen Schreiben trat er für Adolf Hitlers Wahl ein, blies für ihn auf dem Obersalzberg und nahm eine Posaunenfassung des Horst-Wessel-Liedes in seine Notensammlung auf.

 

 

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