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Fr., 05.08.2016

Kripo findet Verursacher nicht – Staatsanwältin: »Tragischer Fall« Bethel: Baby soll an Überdosis gestorben sein

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Bielefeld.

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Auf der Neugeborenen-Intensivstation in Bielefeld-Bethel ist ein Baby laut Obduktionsbericht an der hundertfachen Dosis eines Medikaments gestorben. Niemand will ihm das Mittel gegeben haben.

»Das ist ein unheimlich tragischer Fall«, sagte Staatsanwältin Stefanie Jürgenlohmann am Donnerstag. Zusammen mit der Kripo Bielefeld hat sie mehr als ein Jahr lang gegen vier Kinderkrankenschwestern ermittelt, die am Todestag Dienst hatten. »Aber wir haben nichts in der Hand, um jemandem die Tat nachzuweisen.«

Das dreieinhalb Wochen alte Kind sei am 10. Januar 2015 auf der Intensivstation gestorben und von Rechtsmedizinern der Uni Münster obduziert worden. Außerdem sei ein Kinderkardiologe mit einer Expertise beauftragt worden. Jürgenlohmann: »Die Rechtsmediziner sind zu dem Ergebnis gekommen, dass das Kind an einer erheblichen Überdosis eines Herzmittels gestorben ist.«

Weit mehr als Hundertfache der verschriebenen Dosis

Von der Arznei sollte der Junge pro Tag einen Tropfen bekommen. Laut Rechtsmedizin erhielt er am Tag seines Todes aber mehr als 3,4 Milliliter – weit mehr als Hundertfache der verschriebenen Dosis. Diese Menge fehlte auch in dem Fläschchen, das für jeden Mitarbeiter und Besucher der Station frei zugänglich vor dem Zimmer abgestellt war.

Im Mai stellte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ein, weil kein Beschuldigter gefunden werden konnte. Nach einer Beschwerde der Eltern wird der Fall jetzt wieder aufgerollt.  Nun wird auch geprüft, ob ein Organisationsverschulden der Klinikverantwortlichen vorliegt.  Jürgenlohmann: »Die Frage ist, ob dieses Medikament einfach so offen aufbewahrt werden durfte.«

Prof. Dr. Eckard Hamelmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, die weit über Bielefeld hinaus einen guten Ruf hat: »Wir bedauern den Tod des Kindes sehr und haben der Familie unser Mitgefühl ausgesprochen.«

Vorfall vor fünf Jahren

Die Fragen des WESTFALEN-BLATTES, ob es richtig gewesen sei, ein potenziell tödliches Medikament frei zugänglich aufzubewahren, und ob das heute auch noch so gehandhabt werde, beantwortete das Krankenhaus am Donnerstag nicht.

Vor fünf Jahren war in der Kinderklinik ein neuneinhalb Monate altes Kind gestorben, weil ein Arzt im Praktikum ihm versehentlich Hustensaft gespritzt hatte. Das Landgericht Bielefeld, das den Arzt zu 1800 Euro Strafe verurteilte, sprach von einem Organisationsverschulden der Klinik.

Was die Eltern des toten Kindes sagen, lesen Sie am Freitag, 5. August, im WESTFALEN-BLATT.

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