So reagieren Amerikaner in Bielefeld und Bielefelder in den USA auf den Wahlausgang
»Das ist ein gewaltiger Schock«

Bielefeld  (WB). Am Dien­stagabend sind sie nervös, aber im Prinzip noch optimistisch: die Bielefelder Mitglieder der Organisation »Democrats Abroad«, der »Vertretung« der US-Demokratischen Partei im Ausland. Am Mittwoch kommt für sie das böse Erwachen – wie auch für andere Amerikaner in Bielefeld.

Donnerstag, 10.11.2016, 12:51 Uhr aktualisiert: 10.11.2016, 13:00 Uhr
Der Optimismus, den (von links) Amanda, Mary und Marilyn zeigen, verpufft mit den ersten Hochrechnungen. Foto: Thomas F. Starke
Der Optimismus, den (von links) Amanda, Mary und Marilyn zeigen, verpufft mit den ersten Hochrechnungen. Foto: Thomas F. Starke

»Es ist ein Albtraum«, sagt Bea­trix Loghin, Vorsitzende der »Democrats Abroad«. Amerikaner, die in Bielefeld und der Region leben und Bielefelder, die die Daumen für Hillary Clinton gedrückt haben, treffen sich Dienstagnacht zur Wahlparty in der Neuen Börse an der Jöllenbecker Straße. Auf der Großleinwand ist der TV-Sender CNN eingestellt, eine Wand wird von einem überdimensionalen Hillary-Plakat dominiert.

Es gibt Original-Schilder aus denen im US-Wahlkampf propagierten Slogans wie »Stronger together« (Zusammen sind wir stark) oder »When they go low, we go high« (Wenn sie abrutschen, gehen wir nach oben). Anti-Trump-Cartoons werden belacht, Clinton-Button verkauft und Hillary-Burger geordert.

Die gute Stimmung hält aber nicht lange an. Beatrix Loghin: »Ich war aufgeregt, es sah meiner Meinung nach im Endspurt nicht mehr gut aus.« Für die Trump-Präsidentschaft hegt sie keine Hoffnungen: »Ich glaube, es wird schrecklich. Das Land rückt ganz nach rechts.« Endgültig nicht mehr an den Sieg Clintons geglaubt habe sie, als »Florida verloren war«. Nachts um 3.15 Uhr, nach den ersten verlässlichen Hochrechnungen, wird die Party aufgelöst.

»Rassismus, Hass, Ignoranz«

William Ward Murta, Musical-Kapellmeister am Theater Bielefeld, stammt aus dem US-Bundesstaat Arkansas. Dort war Bill Clinton Gouverneur. Murta, der seit 32 Jahren in Deutschland lebt, spricht von dem Wahlergebnis als einem »gewaltigen Schock«. Er sagt: »Ich bin zutiefst entsetzt, erschüttert und sehr besorgt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sich eine Mehrheit der Amerikaner so schnell und willig auf die Seite von Rassismus, Hass, Blindheit und Ignoranz stellt.«

Ähnlich äußert sich Chris Lee. Der 27-Jährige arbeitet in Bielefeld als Sprachlehrer und spielt als Center für die TSVE-Dolphins in der 1. Basketball-Regionalliga. »Ich habe schon vor der Wahl gedacht, dass der aktuelle Zustand meiner Heimat nicht mehr schlimmer werden kann – auch nicht mit Trump als Präsident«, sagt Lee.

Er stammt aus Dallas, der drittgrößten Stadt im Bundesstaat Texas. 2012 entschied sich Lee, die USA zu verlassen, um fortan in Europa zu leben: »In den USA herrscht an vielen Orten Rassismus, es gibt viele Waffen und noch mehr Probleme.«

Chris Lee selbst hat nicht gewählt. Trumps Triumph habe ihn letztlich nicht überrascht. »Obwohl ich niemanden kenne, der nicht für Hillary Clinton gestimmt hat«, sagt Lee. Die Reaktion seiner Freunde und der Familie in den USA sei eindeutig gewesen. Lee: »Viele von ihnen denken immer noch, dass das Ganze nicht real ist, sondern nur ein ganz schlechter Witz.«

»Kandidaten ungeeignet«

Auch Willie Robinson, Headcoach der Bielefeld Bulldogs, stammt aus den USA – direkt aus der amerikanischen Hauptstadt Washington. Das Problem sei gewesen, dass die Amerikaner die Wahl zwischen »zwei ungeeigneten Kandidaten« gehabt hätten. Hillary Clinton sei aus seiner Sicht aufgrund ihrer massiven politischen Fehler in der Vergangenheit nicht wählbar gewesen. Und Trump fehle es am »politischen Hintergrund«, sagt Robinson. Die Wahl war aus seiner Sicht auch eine Protestwahl gegen das »politische System« in den USA. Und der Wahlausgang sei jetzt nicht nur ein Problem für die USA, »sondern für die ganze Welt«.

Für Henning Rice, der per Briefwahl abgestimmt hat (das WESTFALEN-BLATT berichtete) kommt das Ergebnis »total überraschend«. Clinton habe doch bis zuletzt knapp in den Umfragen vorne gelegen. Rice: »Jetzt ist es wie beim Brexit: Keiner hat so wirklich vorher damit gerechnet, und jetzt muss mit den Konsequenzen umgegangen werden. Die Wahl wird wahrscheinlich einen Ruck durch Washington, die Wahllandschaft und die demokratische Partei nach sich ziehen, und das Land weiter spalten. Trump wird zeigen müssen, wie er mit den vielen Menschen und Bevölkerungsgruppen jetzt als Präsident umgeht, denen gegenüber er sich bisher unmöglich verhalten hat. Ich bin da sehr skeptisch.« Er hoffe, dass »der Spuk spätestens in vier Jahren vorbei ist«.

Armin Homann aus Bielefeld, der seit mehr als fünf Jahrzehnten in Chicago lebt, sieht die Trump-Wahl nicht nur negativ. Der 76-Jährige, der selbst kein US-Staatsbürger ist, im Gegensatz zu seinen drei Kindern, ist überzeugt: »Es kann nur besser werden.« Donald Trump sei gut für die US-Wirtschaft. Armin Homann: »Er weiß, was der normale Mensch braucht, um zufrieden zu sein – Arbeit.« Homann kritisiert heftig das Benehmen von Trump: »Das kann er sich als Präsident nicht leisten. Vor allem muss er sich eine andere Sprache angewöhnen.«

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