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So., 19.11.2017

Wie OWL mit der NS-»Euthanasie« umging – Gedenken in Lemgo »Widerstand an der Grenze zur Kollaboration«

Blick in die Sonderschule in Eben-Ezer (1937), rechts Lehrer Herbert Müller, von 1939 bis 1969 Anstaltsleiter. Die Schule wurde als »Sammelbecken für Schwachsinnige« bezeichnet, Schüler wurden zwangssterilisiert.

Blick in die Sonderschule in Eben-Ezer (1937), rechts Lehrer Herbert Müller, von 1939 bis 1969 Anstaltsleiter. Die Schule wurde als »Sammelbecken für Schwachsinnige« bezeichnet, Schüler wurden zwangssterilisiert. Foto: Eben-Ezer

Von Bernd Bexte

Lemgo  (WB). Von der Obhut des Heimes in den staatlich verordneten Tod: Auch hunderte behinderte Menschen aus OWL wurden Opfer der  »Euthanasie« der Nazis – trotz (versuchten) Widerstandes vor Ort. In Lemgo wird ihrer jetzt gedacht.

Zum Beispiel Karoline Uhle. 1904 in Westheim (Kreis Büren, heute Marsberg) geboren, lebt sie seit 1916 in der evangelischen Pflegeeinrichtung Eben-Ezer in Lemgo. Diagnose: »Schwachsinn«. Hier ist die junge Frau vor allem in der Schälküche beschäftigt. Bis zum 8. April 1937: Dann wird sie mit 63 anderen Eben-Ezer-Patienten in die staatliche Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt nach Warstein verlegt. Später sollen die 34 Frauen und 30 Männer sogenannten Zwischenanstalten überstellt werden, bis ihnen spätestens in einer der sechs Tötungsanstalten des Reiches der »Gnadentod« droht.

Die Betroffenen ahnen ihr Schicksal: »Ihr wollt uns kaputt machen«, sind Äußerungen von Patienten auf dem Weg in die berüchtigte Tötungsanstalt Hadamar (Hessen) überliefert. »Ungeheilt« steht in ihren Patientenakten. »Unheilbar« bedeutet das für die Nazis, was ihrem Weltbild entsprechend einem Todesurteil gleichkommt. Am 16. November 1944 stirbt Karoline Uhle in Hadamar. Offizielle Todesursache: »Lungenentzündung«.

36 Menschen der Eben-Ezer-Gruppe Opfer

36 Menschen der Eben-Ezer-Gruppe sind laut aktuellen Forschungen nachweislich Opfer der »Euthanasie« geworden. Ihre Verlegung aus Lemgo jährt sich in diesem Jahr zum 80. Mal. Dort wird ihrer jetzt gedacht (siehe »Stele mit Namen erinnert an Opfer aus Lemgo«).

Heinrich Bax, einst Förderschullehrer in Oerlinghausen, hat in vielen Archiven recherchiert. Was bislang nur eine »beunruhigende Vermutung« (Zitat aus einer Eben-Ezer-Festschrift von 1987) war, ist nun Gewissheit. »Allein 21 der 64 Patienten aus Lemgo wurden wohl in Hadamar ermordet«, sagt Bax – vergast mit Kohlenmonoxid, durch Medikamenteneinsatz oder Mangelernährung getötet. Zwölf weitere sterben bereits in Warstein. »Heute morgen Exitus«, heißt es lapidar in der Akte von Otto Schlüter, der nur 24 Jahre alt wird.

Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Historiker an der Uni Bielefeld, hat zum Thema NS-»Euthanasie« in OWL geforscht. Neue Ergebnisse trug er am Freitag auf der Tagung »Gegen das Vergessen« in der diakonischen Einrichtung Eben-Ezer vor. Sein Urteil: Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld sind damals ein »Zentrum der Obstruktion«, also ein Hort des Widerstandes, dem sich auch Eben-Ezer sowie der Wittekindshof in Bad Oeynhausen als weitere Einrichtungen der Inneren Mission zumindest teilweise anschließen.

Friedrich von Bodelschwingh hoffte auf nahes Kriegsende

Obwohl in Bethel Patienten zwangssterilisiert werden, weigert sich Friedrich von Bodelschwingh im Juni 1940 zunächst, von den Nazis zugesandte Meldebögen zur Vorbereitung des Massenmordes auszufüllen. »Er hoffte wohl auf ein nahes Kriegsende und damit auf das Ende des ›Euthanasie‹-Programmes«, sagt Schmuhl. Das Kalkül des Bethel-Chefs: Der NS-Staat werde eine offene Konfrontation vermeiden, schließlich handele es sich bei der Mordaktion um eine Geheime Reichssache.

Auch Eben-Ezer verweigert sich, am Wittekindshof füllt man pflichtgetreu 1250 Meldebögen aus, hält sie aber zurück. Zwischen den drei Anstandsleitungen besteht ein »loser Informationsaustausch« – mit offenen Worten. So schreibt Eben-Ezer-Leiter Herbert Müller an seinen Kollegen vom Wittekindshof, Pastor Theodor Brünger, man wolle »den Kranken ein Anwalt sein«.

All das führt zu einem moralischen Dilemma: »Es war ein teilnehmender Widerstand an der Grenze zur Kollaboration«, meint Schmuhl. Denn schon im September 1940 folgt Bethel dem Geheiß des NS-Staates und füllt 4000 Patienten-Meldebögen aus, überlässt einer ärztlichen Kommission aus Berlin die Begutachtung der Patienten. »Friedrich von Bodelschwingh wollte erneut Zeit gewinnen«, urteilt Schmuhl. Die Kommission selektiert auch andernorts. »Was wird nun kommen?«, schreibt Wittekindshof-Leiter Theodor Brünger mit großer Sorge an Bodelschwingh, nachdem die Abordnung aus Berlin Patienten in Bad Oeynhausen untersucht hat.

Programm wird 1941 gestoppt

Ende August 1941 stoppt Adolf Hitler offiziell das »Euthanasie«-Programm. Der Widerstand in der Bevölkerung gegen die »Vernichtung unwerten Lebens« (NS-Jargon), angestachelt durch die Predigten des Münsterschen Kardinals Clemens Graf von Galen, erscheint ihm offenbar zu gefährlich. Dezentral und im Verborgenen, meist durch Nahrungsentzug, geht das Morden jedoch weiter.

Im Herbst 1941 wird der Wittekindshof zum großen Teil geräumt. »958 von 1326 Patienten wurden abtransportiert. 358 starben in der Folgezeit mit Sicherheit«, bilanziert Schmuhl. Bethel und Eben-Ezer bleiben verschont. Dem »Euthanasie«-Programm der Nazis fallen mehr als 70.000 Menschen zum Opfer.

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