Jürgen Thannhäuser (64) fotografiert für das deutschlandweite Grabstein-Projekt
Familienforschung auf dem Friedhof

Bielefeld (WB). Jürgen Thannhäuser war erst 20 Jahre alt, als sein Vater Richard 1973 starb. Dessen Grab ist längst abgeräumt; kein Foto erinnert an die Ruhestätte, die viele Jahre lang Ort des Gedenkens war. Ein Versäumnis, wie Thannhäuser heute weiß. Mit seiner ehrenamtlichen Arbeit hilft er dabei, Gräber anderer Menschen so zu dokumentieren, dass Bilder und weitere Daten dauerhaft erhalten bleiben.

Donnerstag, 09.11.2017, 00:00 Uhr
Jürgen Thannhäuser dokumentiert nicht nur die Grabsteine auf den in der Laufzeit begrenzten Grabstellen, sondern auch die auf Dauer angelegten Ehrenfelder wie das für die getöteten Soldaten auf dem evangelischen Friedhof in Brackwede. Foto: Peter Bollig
Jürgen Thannhäuser dokumentiert nicht nur die Grabsteine auf den in der Laufzeit begrenzten Grabstellen, sondern auch die auf Dauer angelegten Ehrenfelder wie das für die getöteten Soldaten auf dem evangelischen Friedhof in Brackwede. Foto: Peter Bollig

Immer mit einer kleinen Fotokamera ausgerüstet, ist Jürgen Thannhäuser (64) seit 2015 auf Friedhöfen unterwegs und lichtet flächendeckend die Grabsteine ab. Der Rentner aus Brackwede arbeitet so für den Verein für Computergenealogie, der vor zehn Jahren das Grabstein-Projekt ins Leben gerufen hat. Der Verein dokumentiert deutschlandweit die Fotos von Grabsteinen und stellt sie ins Internet, dazu die Vor-, Nach- und Geburtsnamen, das Geburts- und Sterbejahr der Verstorbenen.

Ehrenfelder dokumentiert

Das gemeinnützige Projekt möchte das Andenken an die Verstorbenen über die Laufzeit der Grabstelle hinaus ermöglichen, wie Jürgen Thannhäuser erläutert. Ziel sei es aber auch, einen kulturgeschichtlichen Beitrag zu leisten und die erfassten Daten der Familienforschung zur Verfügung zu stellen. Thannhäuser berichtet von Nutzern der Datenbank, die dort Verwandte entdeckt und erfahren hätten, wo sie bestattet worden seien.

Die meisten Friedhofsordnungen und ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2015 erlauben es dem Verein, Fotos und Daten im Internet zu veröffentlichen. Jürgen Thannhäuser stellt aber auch klar, dass auf Verlangen der Angehörigen Bilder von Grabsteinen im Internet wieder gesperrt würden. »Außerdem respektieren wir das Trauerjahr und geben Bilder erst frei, wenn das erste Jahr nach der Bestattung vergangen ist«, sagt der 64-Jährige. Die Resonanz auf diese Arbeit sei in der Regel positiv. Immer wieder werde er auf den Friedhöfen angesprochen, wenn er mit der Kamera unterwegs sei. Und wenn er von dem Projekt berichte, sei das Interesse daran zumeist groß.

Etwa 30 Friedhöfe hat der Brackweder für den 3700 Mitglieder starken Verein für Computergenealogie bereits erfasst. Auf kleineren Friedhöfen reicht schon mal ein Nachmittag, um alle Grabsteine zu fotografieren, auf anderen ist er dafür zehn Tage unterwegs. Noch zeitintensiver seien anschließend die Bildbearbeitung am Computer und das Erfassen der Daten, bevor der jeweilige Friedhof komplett ins Internet gestellt werden kann.

Eine große Aufgabe hat er dabei noch vor sich: Als nächstes will er den Sennefriedhof erfassen, einen der größten Friedhöfe Deutschlands. Dort habe er bereits die Ehrenfelder für Soldaten, die Opfer der Luftangriffe, die Opfer des Nationalsozialismus und der ausländischen Kriegstoten dokumentiert. Aufgrund der Größe dieses Friedhofs würden dann auch einzelne Bereiche ins Internet gestellt.

4300 Friedhöfe sind schon erfasst

Auf das Grabstein-Projekt gestoßen war Jürgen Thannhäuser durch seine eigene Ahnenforschung, die ihn mit seinem Bruder Thomas und seiner Mutter Lieselotte 2004 in die früheren deutschen Ostgebiete nach Polen führte, die Heimat seiner Eltern. Sie erfassten in Garki und vier weiteren Orten die desolaten Begräbnisstätten. Als er 2015 von dem Grabsteinprojekt erfuhr, bot er dem Verein für Computergenealogie seine Dokumentation an – und ließ sich gleich als Mitarbeiter in Bielefeld anwerben. »Das kam mir sehr gelegen, so komme ich an die frische Luft«, sagt Jürgen Thannhäuser, der als Elektriker und Konzernbetriebsrat bei den Möllerwerken beschäftigt war, bis er Anfang 2017 in Pension ging, und der sich zudem im Brackweder Heimatverein engagiert.

Das Grabstein-Projekt habe bereits etwa 4300 Friedhöfe in Deutschland und früheren deutschen Gebieten im Osten dokumentiert, sagt der 64-Jährige, der durch seine Friedhofsbesuche auch einen Einblick in die Veränderungen der Begräbniskultur erhält. »Es gibt«, stellt Thannhäuser fest, »auf Bielefelds Friedhöfen inzwischen immer mehr Baumbestattungen.«

http://grabsteine.genealogy.net

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