Der Soziologe wäre an diesem Freitag 90 geworden – Tagung an der Uni Bielefeld
Luhmanns Nachlass

Bielefeld (WB). Die Bielefelder Universität ehrt ihren wahrscheinlich berühmtesten Wissenschaftler: Der Soziologe Niklas Luhmann, geboren am 8. Dezember 1927 in Lüneburg, wäre an diesem Freitag 90 Jahre alt geworden. Das ist der Fakultät für Soziologie und dem Niklas-Luhmann-Archiv Anlass genug, das Vermächtnis des Gesellschaftsforschers im Rahmen einer Tagung zu würdigen.

Freitag, 08.12.2017, 13:46 Uhr aktualisiert: 08.12.2017, 16:27 Uhr
Großer Denker: der Soziologe Niklas Luhmann am 1. Februar 1993 in seinem Büro in der Universität Bielefeld. Foto: imago
Großer Denker: der Soziologe Niklas Luhmann am 1. Februar 1993 in seinem Büro in der Universität Bielefeld. Foto: imago

Veranstalter des Treffens am Freitag und Samstag sind Professor André Kieserling und Johannes Schmidt. Insgesamt werden zwölf Soziologen im X-Gebäude der Uni Bielefeld erwartet. In ihren Vorträgen setzen sie sich mit Luhmanns Systemtheorie im Allgemeinen auseinander und speziell mit seinen Thesen, die er schon 1975 notierte und die erst jetzt im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht werden. »Systemtheorie der Gesellschaft« (1132 Seiten, 49,95 Euro) erscheint nach der Tagung am 12. Dezember.

Die Publikation stammt aus dem Nachlass des Denkers, der 1998 in Oerlinghausen starb. »Das Buch ist das Ergebnis der Arbeit des Niklas-Luhmann-Archivs«, sagt André Kieserling. »Es ist das erste von vier Büchern, die wir innerhalb von 15 Jahren veröffentlichen wollen. Die Schriften von 1975 sind aber nicht die ältesten, es ist ein mittleres Buch.«

»Dieses alt-neue Buch ist sogar noch besser«

Von Luhmann heißt es, er sei der erste Professor der 1968 gegründeten Universität Bielefeld gewesen. Legendär ist sein Projektantrag. »Thema: Theorie der Gesellschaft. Laufzeit: 30 Jahre. Kosten: keine.« André Kieserling findet das gleichermaßen amüsant wie prophetisch: »Der Antrag ist auch scherzhaft zu verstehen, aber am Ende waren es tatsächlich fast 30 Jahre bis zur Veröffentlichung von ›Die Gesellschaft der Gesellschaft‹.«

Zwar hat dieses Opus Magnum den Status eines Vermächtnisses, aber Kieserling hält die frühe Version von 1975, die jetzt erstmals publik wird, nicht nur für ebenso gut. »Dieses alt-neue Buch ist sogar noch besser«, sagt der Professor, der an der Universität Bielefeld Allgemeine Soziologie lehrt.

Luhmanns Nachlass zeigt, wie viele weitgehend druckreife Fassungen seiner Systemtheorie er hinterlassen hat. »Wenn er eine Theorie fertig gestellt hatte, schrieb er die nächste. Sie lagen in seinem Schreibtisch«, sagt Kieserling. Auch die Werke aus den frühen 70ern haben die für Luhmann typische systematische Struktur. In fünf Kapiteln geht es um Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Religion und die Weltgesellschaft.

Luhmann war und ist nicht unumstritten

»In der Tat muß die Gesellschaft paradox konstituiert sein, weil es sonst Unwahrheit gar nicht gäbe.« Solch ein Satz ist Luhmann pur, er kommt in der neuen Publikation vor. Allen Referenten der Tagung ist »Systemtheorie der Gesellschaft« bereits bekannt, sie werden direkt Bezug darauf nehmen. Den Veranstaltern ist wichtig, dass nicht nur Luhmann-Jünger sprechen. Zu denen, die nicht jeder These der Systemtheorie folgen, gehört Professor Uwe Schimank von der Uni Bremen, der 1994 in Bielefeld habilitierte.

Luhmann war und ist nicht unumstritten. Hauptvorwurf seiner Kritiker: Das Individuum hat in der Theorie keine Bedeutung. »Und auch Gegner des Kapitalismus können wenig mit ihm anfangen«, sagt Kieserling und kündigt an, dass Luhmanns berühmter Zettelkasten – eine Sammlung von 90.000 Notizen mit Gedanken und Erkenntnissen – in etwa 15 Jahren komplett als Cyberlink zugänglich sein soll.

Was wäre heute von Niklas Luhmann zu erwarten? Den Prozess der europäischen Einigung sagte er schon 1992 ziemlich treffend voraus: »Es gibt mehr Vorteile und mehr Nachteile. Das ökonomische System wird profitieren, während das politische System die größere Anzahl an Nachteilen bekommt.«

Große Koalition sah er 1994 auch schon kommen

Und den Zustand der gefühlten Einheitsregierung als Große Koalition sah er 1994 auch schon kommen: als »Partei für Industrie und Arbeit«. Einer solchen Partei käme die Aufgabe zu, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Markt zu sichern und gleichzeitig die Massenkaufkraft zu stabilisieren. Das sei aber nur »als Große Koalition denkbar – ob nun in der Form einer gemeinsamen Regierung oder in der Form von aufgezwungenen Verständigungen«, befand Luhmann.

Das stelle die Opposition vor Schwierigkeiten »gegen ein solches Regime«. Luhmanns Prognose: »Politische Opposition ist nötig, denn es gibt Sorgen genug. Solche, die in den neuen sozialen Bewegungen zum Ausdruck kommen, Sorgen um Technikfolgen oder ökologische Probleme oder Sorgen, die mit Migrationsproblemen, mit zunehmender Gewaltbereitschaft, mit Ghettobildung in den Städten zu tun haben. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass diese Pro­bleme in absehbarer Zukunft an Dringlichkeit zunehmen werden.«

Aus diesen vor 23 Jahren geschriebenen Worten lässt sich ableiten, dass soziale Medien und die Folgen der Flüchtlingskrise den Doyen der Soziologie heute wohl am meisten beschäftigt hätten. Möglicher Buchtitel: »Die Identität der Gesellschaft«.

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