Do., 14.12.2017

Industriedesigner aus Löhne arbeitet an zukunftsweisendem Projekt Schwimmende Äcker

Von Dietmar Kemper

Bielefeld/Löhne (WB). »Wir können auf dem Wasser eine komplette vegetarische Mahlzeit anbauen«, sagt Sören Knittel. Schwimmende Äcker hält der Industriedesigner für eine sinnvolle Weiterentwicklung der traditionellen Landwirtschaft.

»Man braucht keine Pestizide zur Neutralisierung des Bodens oder zur Schädlingsbekämpfung. Schnecken und Käfer können die Felder auf dem Wasser nicht erreichen«, sagte Knittel gestern dem WESTFALEN-BLATT. Während an Land in vielen Regionen der Welt das Wasser knapp sei, sei auf Süßwasserflächen die Bewässerung von Äckern kein Problem. Weil Wasser 70 Prozent der Erdoberfläche bedeckt, bietet dieses Element nach Überzeugung des Experten aus Löhne genügend Raum, um zusätzliche, gesunde Lebensmittel für die Weltbevölkerung zu erzeugen. An Land seien viele Felder überdüngt.

Sören Knittel (rechts) mit Martin Hubers Foto: Floating Food Farm

Zusammen mit dem Niederländer Martin Hubers und dessen Stiftung SDE (Stichting Drijvende Eilanden) arbeitet der Mitarbeiter der Firma Nexus Product Design in Bielefeld vor Ort in Holland an dem Projekt »Floating Food Farm«. Die dahinterstehenden Teammitglieder wurden Anfang Dezember von der Bundesregierung als »Kultur- und Kreativpiloten« ausgezeichnet und erhalten jetzt zusätzliche Unterstützung durch andere Experten auf dem Gebiet. So soll die Idee einen weiteren Schub bekommen.

Martin Hubers lässt in den Niederlanden in Behindertenwerkstätten schwimmende Objekte bauen, zum Beispiel Fahrradwege. Schließlich kam er auf die Idee mit den schwimmenden Äckern. Knittel, der das Nexus Product Design-Büro in Aerdt, einem Ort zwischen Arnheim und Nimwegen, leitet, lernte ihn kennen »und da kamen wir als Designer mit ins Boot und haben Konzepte aufgebaut und Entwürfe gemacht«.

Holland lebt schon immer mit dem Wasser

Holland lebt schon immer mit dem Wasser – kein Wunder, dass dort schon länger an schwimmenden Siedlungen auf Pontons geforscht wird. In Amsterdam sind sie schon Realität. Jetzt also schwimmende Äcker. Sie böten sich dort an, wo eine Verbindung zum Wasser bestehe, in Hafenstädten etwa oder in Regionen mit vielen Gewässern und Kanälen wie der Mecklenburgischen Seenplatte, erläutert Knittel. Schwimmende Felder könnten auch in Offshore-Windparks, in wiederbelebten Hafenbecken oder in gefluteten ehemaligen Kohleabbaurevieren angesiedelt werden, meint er.

Wie eine schwimmende Landwirtschaft aussehen könnte, soll ein 2000 Quadratmeter großer Prototyp zeigen, den die Beteiligten im niederländischen Lobith an der Grenze zu Deutschland anlegen und der 2018 fertig sein soll. Standort ist eine Sandgrube am Rhein. In der Region soll das Projekt nebenbei den Tourismus ankurbeln. Um herauszufinden, was sich alles auf dem Wasser anbauten lässt, arbeiten Knittel und seine Mitstreiter mit der Universität in Wageningen zusammen. Demnach eignen sich zum Beispiel Blattsalat, Bohnen, Cherrytomaten, Erbsen, Zucchini und Soja. Dagegen kommen Kartoffeln nicht infrage. »Die Knolle darf nicht im Wasser hängen, Kartoffeln würden verfaulen«, erklärt Sören Knittel. Schwimmende Äcker sind zum Beispiel zehn Meter breit und 20 Meter lang, bestehen aus Parzellen mit Löchern für die Pflanzen, deren Wurzeln im mit Nährstoffen angereicherten Wasser hängen. Die einzelnen Felder werden über Wege miteinander verbunden, hinzu kommen Gebäude, beispielsweise für Arbeitsgeräte. Damit der Acker nicht wegschwimmt, werden an allen vier Ecken Pfeiler in den Boden gerammt. Vor dem Anschauungsobjekt in Lobith gab es bereits einen kleinen Feldversuch auf einer Fläche von vier Quadratmetern. Er endete mit einem Erntefest.

Welche Risiken gibt es?

Welche Risiken würde die Landwirtschaft auf dem Meer mit sich bringen? Ein Hochwasser sei jedenfalls keines, antwortet Knittel: »Es würde die Farm nur höherlegen.« Allerdings sollten schwimmende Äcker nicht die Routen der boomenden Containerschifffahrt berühren.

Der 33-Jährige sieht in schwimmenden Feldern nicht allein Produktionsstandorte für die Landwirtschaft der Zukunft. Sie seien auch eine grüne Lunge für die Bevölkerung der Städte, die immer voller würden. Ein nahes Gegengewicht zu Auto- und Industrieabgasen also. Darüber hinaus eigneten sich schwimmende Felder als Unterrichtsort für Schulen.

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