So., 17.12.2017

Bielefelder Digitalagentur reduziert Arbeitszeit bei vollem Lohn Es lebe der Fünf-Stunden-Tag

Nach fünf Stunden schickt Lasse Rheingans die zwölf Mitarbeiter seiner Bielefelder Digitalagentur in den Feierabend. Auf einem Monitor an der Wand läuft auch der Countdown für den Arbeitstag zwischen 8 und 13 Uhr.

Nach fünf Stunden schickt Lasse Rheingans die zwölf Mitarbeiter seiner Bielefelder Digitalagentur in den Feierabend. Auf einem Monitor an der Wand läuft auch der Countdown für den Arbeitstag zwischen 8 und 13 Uhr. Foto: Oliver Schwabe

Von Oliver Horst

Bielefeld (WB). Fünf statt acht Stunden arbeiten am Tag, immer nur von 8 bis 13 Uhr – und das bei vollem Lohn und Urlaub: Eine Bielefelder Digitalkommunikationsagentur testet seit sechs Wochen ein außergewöhnliches Arbeitszeitmodell.

Lasse Rheingans (37) hat nach der Übernahme der »Agentur Überblick« Mitte Oktober umgesetzt , was ihn schon länger umtrieb: Auf die Umbenennung in »Rheingans Digital Enabler« folgte für die zwölf Mitarbeiter der radikale Schritt von der 40- zur 25-Stunden-Woche. »Mit konzentrierter Arbeit lässt sich in fünf Stunden das gleiche Ergebnis erzielen wie am Achtstundentag, bei dem Zeit verplempert wird«, sagt der Medienwissenschaftler.

Seiner Belegschaft schlug er einen Test zunächst bis Ende Februar vor. Die Reaktionen hätten von ungläubigem Staunen bis zu Freudentränen gereicht. Sein Team habe sofort Bereitschaft gezeigt, den Versuch zu starten. »Alle ziehen es konsequent durch und sind mit Spaß dabei«, sagt Rheingans. »Das Ganze ist kein Dogma. Wir probieren es, sind flexibel und tauschen uns jeden Freitag beim gemeinsamen Mittagessen aus, sprechen dann auch über die Herausforderungen oder mögliche Anpassungen.«

Disziplin und Organisation notwendig

Damit das Fünf-Stunden-Modell funktioniert, brauche es eine entsprechende Kultur für motivierte und zufriedene Mitarbeiter, aber auch Disziplin, Organisation und eine gute interne Kommunikation. Für den Teamgeist strich der Chef individuelle Zielvereinbarungen. Die Hälfte des Jahresgewinns wird unter allen aufgeteilt.

Für die Projektberater, Mediengestalter und IT-Experten bedeutet der neue Arbeitsrhythmus vor allem, möglichst alles zu meiden, was ablenkt: Das Handy sollte besser in der Schublade verschwinden, Privatgespräche auf die Zeit nach der Arbeit vertagt und Kaffee- oder Raucherpausen auf das Mindeste reduziert werden. »Das Privatleben wird für fünf Stunden abgeschaltet«, sagt Rheingans. Dafür gebe es im Gegenzug drei wertvolle Stunden mehr Freizeit – mitten am Tag.

Das Miteinander der Mitarbeiter komme in seinem Team, das auch privat miteinander vernetzt sei, trotzdem nicht zu kurz, sagt der Chef. »Viele gehen mittags nach der Arbeit noch zusammen essen, treffen sich am Nachmittag zum Sport oder unternehmen abends etwas gemeinsam.«

Takt ist eine Herausforderung

Für die Mitarbeiter ist der neue Takt eine Herausforderung. »Man muss sich daran gewöhnen, strukturierter und fokussierter zu arbeiten«, sagt Projektleiterin Sarah Büker (29). »Die Kür ist, sich von der Umgebung nicht ablenken zu lassen.« Der Druck sei durch die auf fünf Stunden komprimierte Arbeit aber nicht gewachsen. »Die Deadlines für die Projekte sind schließlich die selben.« Auch Mediengestalter Mark Mühlberger (23) sagt, dass »man den Arbeitstag genau planen und sich realistische Ziele setzen muss«. Mehr Freizeit zu haben, sei ein großer Gewinn. Beide rechnen damit, dass nach dem Ende der Testphase ein »Mittelding« zwischen 25- und 40-Stundenwoche greift. »Für große Projekte könnten wir auch sieben Stunden am Stück intensiv arbeiten«, sagt Mühlberger.

Über allem steht am Ende die Kundenzufriedenheit und Termintreue, betont auch Rheingans. »Wenn es nötig ist, wird am Nachmittag gearbeitet, um ein Projekt pünktlich abzuschließen.« Flexible Lösungen gebe es auch für Nachmittagstermine mit Kunden, die bislang viel Interesse und Verständnis für das Arbeitszeitmodell zeigten. Für Notfälle gibt es ein digitales Supportsystem. Und der Chef selbst ist länger im Dienst: »In den letzten Wochen arbeite ich wegen der Übernahme eher zwölf Stunden – aber über den Tag verteilt«, sagt der Vater zweier Töchter (6/9). »Ich glaube aber, dass ich bald auch unter acht Stunden am Tag schaffen kann.«

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