Di., 19.12.2017

Letzter spektakulärer Ausgrabungsfund: Archäologen analysieren nun Gegenstände Bankhaus-Lampe-Baustelle: seltene Gussformen entdeckt

Von Mai bis Mitte November wurde auf der Baustelle des Bankhauses Lampe gegraben.

Von Mai bis Mitte November wurde auf der Baustelle des Bankhauses Lampe gegraben. Foto: Bernhard Pierel/Archiv

Von Stefan Biestmann

Bielefeld (WB). Nach sechsmonatigen Ausgrabungen auf der Baustelle des Bankhauses Lampe am Alten Markt haben die Archäologen jetzt nach eigenen Angaben die Sichtung der Ergebnisse abgeschlossen. Letzter Fund sind zwei 500 Jahre alte seltene Gussformen aus Ton.

»Der wissenschaftliche Wert ist ausgesprochen hoch«, sagt Dr. Julia Hallenkamp-Lumpe, Archäologin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Nach den Grabungen von Mai bis November in Bielefeld nimmt der LWL Münster nun zusammen mit naturwissenschaftlichen Laboren eine Analyse aller Funde vor, um neue Erkenntnisse zur Bielefelder Stadtgeschichte zu sammeln.

Erst beim Reinigen der Funde seien die Fragmente der Gussformen gefunden worden. »Zunächst sahen die wie Scherben aus«, berichtet Julia Hallenkamp-Lumpe. Zudem sei es etwas Besonderes, dass die Gussformen aus Ton seien. »Denn Ton ist viel empfindlicher als Stein«. Grabungsleiter Dr. Bernhard Sicherl vermutet, dass man mit den Gussformen im 15. Jahrhundert kleine Relieftafeln aus Gold oder Silber gegossen hat. Deshalb liegt nahe, dass damals ein Goldschmied am Alten Markt gearbeitet habe. »Mit Hilfe naturwissenschaftlicher Analysen wollen wir nun klären, ob und welche Metallreste sich in den Reliefs der Gussformen nachweisen lassen«, sagt Sicherl. Dies könne mehrere Monate dauern, heißt es.

Gussform mit Kreuzigungsszene

Eine der Gussformen besteht aus zwei Fragmenten. »Sie ist etwa 5,5 Zentimeter breit, die erhaltene Länge ist sechs Zentimeter«, sagt Julia Hallenkamp-Lumpe. Zu sehen ist auf der Gussform eine Kreuzigungsszene: Es zeigt Christus am Kreuz – im Beisein von Maria und Johannes. »Das ist ein Zeugnis spätmittelalterlichen Kunsthandwerks«, meint Julia Hallenkamp-Lumpe. Es sei in der damaligen Zeit durchaus üblich gewesen, religiöse Motive wie die Kreuzigungsszene zu nutzen – zum Beispiel auch in Druckgrafiken oder in Kirchen.

Das Motiv auf der zweiten gefundenen Gussform ist noch nicht ganz entschlüsselt. »Zu sehen sind darauf ein Pflanzenfragment und ein Fuß – vermutlich ein Menschenfuß«, berichtet Julia Hallenkamp-Lumpe.

Wie bereits berichtet, waren auf der Baustelle des Bankhauses Lampe Siedlungsspuren aus der Bronzezeit gefunden worden. So wird derzeit auch Holzkohle aus einer Siedlungsgrube analysiert. Sie enthielt Keramik, die aus der Bronzezeit stammen könnte. Jetzt untersuchen Experten an der Uni Köln, ob die Kohlereste tatsächlich bis zu 3000 Jahre alt sind. »Wenn ja, wäre hier erstmals in Ostwestfalen-Lippe ein gesicherter bronzezeitlicher Siedlungsrest erfasst worden«, erklärt Dr. Sven Spiong, Leiter der LWL-Archäologie-Außenstelle Bielefeld.

»Gehobenes soziales Milieu« am Alten Markt

Untersucht werden aktuell auch tausende Keramikscherben. »Sobald alle Befunde datiert sind, erstellen wir Übersichtspläne, die die Entwicklung des Stadtteils am Alten Markt darstellen«, berichtet Archäologin Eva Manz. »Auf diese Weise können wir erkennen, wie die Menschen das Gelände zu unterschiedlichen Zeiten aufgeteilt und genutzt haben.«

Gefundene Tierknochen und Austernschalen sollen Auskunft über Essgewohnheiten im Mittelalter und in der Neuzeit geben. Fragmente kostbarer Trinkgläser ließen zudem auf ein »gehobenes soziales Milieu« am Alten Markt schließen. Ein entdecktes tönernes kleines Jesuskind erzähle davon, wie die Bielefelder ihren Glauben zuhause ausübten. Es sei geplant, die wissenschaftlichen Ergebnisse auszustellen, teilt der LWL mit. »Aber wann das sein wird, ist noch offen.«

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