Mo., 01.01.2018

BGW plant Verlagerung des Fachwerkhauses – Obere Denkmalbehörde noch nicht informiert Hof Kulbrock: Zukunft weiter ungewiss

Denkmalgeschütztes, reich verziertes Eichenholz: Dürfen diese für den Stadtbezirk Brackwede historisch bedeutsamen Balken des Hofes Kulbrock komplett nach Marienfeld gebracht werden? Oder wiegt schwerer, dass das im Jahre 1783 erbaute Fachwerkhaus in einem Stück erhalten bleibt – wenn auch nicht in Brackwede? Darüber müssen die Denkmalschutzexperten entscheiden.

Denkmalgeschütztes, reich verziertes Eichenholz: Dürfen diese für den Stadtbezirk Brackwede historisch bedeutsamen Balken des Hofes Kulbrock komplett nach Marienfeld gebracht werden? Oder wiegt schwerer, dass das im Jahre 1783 erbaute Fachwerkhaus in einem Stück erhalten bleibt – wenn auch nicht in Brackwede? Darüber müssen die Denkmalschutzexperten entscheiden. Foto: Markus Poch

Von Markus Poch

Bielefeld (WB). Darf ein Denkmal abgebaut und willkürlich verlagert werden? Laut Denkmalschutzgesetz NRW ist das zwar möglich, aber nur dann, wenn keine triftigen Gründe dagegen sprechen. Gibt es also triftige Gründe, weshalb der denkmalgeschützte Deelenbalken des 234 Jahre alten Hofes Kulbrock in Brackwede bleiben muss? »Oh ja«, sagen der örtliche Heimatverein und etliche heimatverbundene Bürger. Die Stadt Bielefeld ist jedoch anderer Meinung.

Nach jüngst erteilter Abbruchgenehmigung durch das Bauamt geht das Ringen um den seit fast zwei Jahren leer stehenden Hof Kulbrock, Brackwedes älteste erhaltene Hofstelle, Von-Möller-Straße 23 a, in die nächste Runde: Im Frühjahr 2018 würde die Bielefelder Wohnungsbaugesellschaft BGW als Eigentümerin des historischen Gebäudes das 3268 Quadratmeter große Gelände gerne geräumt sehen, um dort einen Komplex mit 12 bis 18 Sozialwohnungen zu errichten.

Handelseinig mit Bessmann

Zu diesem Zweck war die BGW, wie berichtet, im Sommer 2017 mit dem Marienfelder Bekleidungsunternehmer Volker Bessmann handelseinig geworden. Er bekam das bis auf den Deelenbalken nicht geschützte Gebäude geschenkt – unter der Voraussetzung, dass er den Hof auf eigene Kosten komplett demontiert und samt Deelentorgebälk vom Grundstück beseitigt. Bessmann, der sein Firmen- und Verkaufsgelände in Marienfeld bereits mit mehreren Fachwerkhäusern schmückt, stimmte dieser Abmachung gerne zu.

Anfang 2018 will BGW-Chefin Sabine Kubitza mit ihm einen Zeitplan zu Abbau und Abtransport nach Marienfeld aufstellen. Doch im Augenblick steht noch nicht einmal fest, ob der denkmalgeschützte Deelenbalken überhaupt transloziert werden darf. Auf die Auslegung der triftigen Gründe kommt es an.

Aus Sicht des Bielefelder Bauamtes und der angegliederten Untere Denkmalbehörde ist die Sachlage klar: »Das klingt zwar blöd, aber für uns ist Hof Kulbrock ein Gebäude wie jedes andere auch«, sagte Bauamtsleiter Dieter Ellermann dem WESTFALEN-BLATT auf Anfrage. »Wir sehen keine Gesetzesgrundlage, die einer Translozierung des Hauses entgegen spricht. Sie können sich darauf verlassen, dass wir das denkmalrechtlich von allen Seiten abgeklopft haben.«

In der Oberen Denkmalbehörde Münster, einer Abteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), die bei solchen Angelegenheiten ein Wörtchen mitzureden hat, weiß man allerdings von nichts. Mit ihr ist der von der Stadt Bielefeld, von der BGW und Bessmann geplante, rückstandslose Abtransport des Hofes Kulbrock nach Marienfeld bislang nicht besprochen worden. Die Denkmalexperten aus Münster würden von Bielefeld zwar gelegentlich beratend hinzu gezogen, erklärt Ellermann. Münster sei für ihre Belange aber keine »Bauaufsichtsbehörde«.

Bedeutendes Torgestell

Immerhin weiß man in Münster von der Existenz des Deelenbalkens, der seit 1992 als »bedeutendes Torgestell« unter Denkmalschutz steht. In der Oberen Denkmalbehörde gelten die reich verzierten Eichenbalken aus Brackwede als Objekt, an dessen »Erhaltung und Nutzung gemäß Paragraf 2.1 Denkmalschutzgesetz NRW aus wissenschaftlichen, insbesondere ortsgeschichtlichen und volkskundlichen Gründen ein öffentliches Interesse« besteht. »Wenn dieser Teil des Hofes weggebracht werden soll, muss dazu die denkmalrechtliche Genehmigung eingeholt werden«, betont LWL-Sprecher Markus Fischer auf Anfrage. Derzeit liege in der Sache von der Stadt Bielefeld noch keine Nachricht beziehungsweise Bitte um Abstimmung zu einem Entscheidungsvorschlag vor.

»Wir gehen davon aus, dass die Stadt Bielefeld uns im weiteren Verfahren zum Umgang mit diesem Torgestell beteiligen und über den Verbleib des Torgestells bei Abtragung des Hofhauses mit uns eine Abstimmung herbeiführen wird«, schreibt Barbara Seifen, Referatsleiterin Praktische Denkmalpflege beim LWL, an den pensionierten Grafiker Hans-Georg Baumeister.

Fahrlässig und willkürlich

Der 72-jährige Gütersloher, einst Sanierer der Wassermühle Deppendorf, hatte sich kürzlich mit einem Fragenkatalog besorgt an die Obere Denkmalbehörde gewendet. Er befürchtete, die Stadt Bielefeld und die BGW könnten im Umgang mit dem für Brackwede bedeutenden Hofgebäude Kulbrock fahrlässig, vielleicht sogar willkürlich umgehen, um Fakten zu schaffen. Baumeister war es auch, der sich schon im Frühjahr 2017, um den Hof zu retten, als Käufer angeboten hatte, was die BGW jedoch ablehnte.

»Die Stadt Bielefeld, die BGW oder Bessmann können das ganze Haus abbauen, aber der denkmalgeschützte Deelenbalken muss an seinem Ort stehen bleiben. Dass er abtransportiert werden darf, steht noch lange nicht fest«, argumentiert Baumeister. »Basis-Entscheidungen dieser Art kann Bielefeld nicht alleine treffen. Auch eine Stadt muss sich an Gesetze halten. An einer Abstimmung mit Münster führt kein Weg vorbei.«

Für den Erhalt zumindest des Deelentorgebälks in Brackwede hatte sich zuletzt auch Brackwedes Heimatkenner Karl Beckmann als Stimme des Heimatvereins eingesetzt. Ein erstes, detailliertes Schreiben voller triftiger Gründe zum Verbleib des Denkmals im Stadtbezirk, das er bereits im Juli an die Untere Denkmalbehörde aufgesetzt hatte, blieb bis heute unbeantwortet.

»Missachtung des Bürgers«

Ein zweites Schreiben, das er im November direkt an Oberbürgermeister Pit Clausen adressierte, wurde jetzt stellvertretend von einer Sachbearbeiterin negativ beantwortet, ohne auf Beckmanns Argumente einzugehen. »In der Sache ist gar keine Antwort erfolgt«, sagt der 81-Jährige enttäuscht. »Ich finde das Verhalten der Amtsleitung ungehörig und inakzeptabel. Ich sehe es als Missachtung des Bürgers und als Missachtung des Heimatvereins.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5388556?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F