Mo., 08.01.2018

Wie Bielefelds Abgeordnete den Start im Bundestag erlebt haben 100 Tage Volksvertreter

Plausch mit der Kanzlerin am ersten Sitzungstag: (von links) Claudia Roth, die Bielefelder Grüne Britta Haßelmann, Angela Merkel und CDU-Generalsekretär Peter Tauber.

Plausch mit der Kanzlerin am ersten Sitzungstag: (von links) Claudia Roth, die Bielefelder Grüne Britta Haßelmann, Angela Merkel und CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Foto: dpa

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Für die Bielefelder Bundestagsabgeordneten Dr. Wiebke Esdar (SPD) und Friedrich Straetmanns (Linke) ist alles neu, für Britta Haßelmann ist viel Routine. Aber auch die grüne Parlamentarierin hat in den ersten hundert Tagen nach der Wahl ihre ganz eigenen Erfahrungen sammeln müssen.

Die Vorstandsfrau

Das Büro an der Berliner Wilhelmstraße ist gerade bezogen. »Die Möbel sind endlich gekommen«, sagt Dr. Wiebke Esdar. Zwei kleine Räume hat sie jetzt zur Verfügung. »Nicht viel Platz für mich und vier Mitarbeiter«, sagt die Sozialdemokratin, die nicht nur Abgeordnete ist, sondern seit kurzem auch als Beisitzerin dem SPD-Bundesvorstand angehört . Ja, es habe schon eine ganz Weile gedauert, bis sich alles eingespielt habe, sagt Esdar.

Nur eine Wohnung hat sie immer noch nicht in Berlin. »Ich bin jetzt mit zwei Hausverwaltungen und einer WG im Gespräch.« Aber die Hausverwaltungen wollen Verträge für mindestens zwei Jahre abschließen. Und ganz sicher ist sich Esdar noch immer nicht, ob dieser 19. Bundestag tatsächlich vier Jahre Bestand haben wird.

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Eine Minderheits- oder eine geschäftsführende Regierung könnten auch bis 2019 im Amt bleiben, es dann Neuwahlen zusammen mit der Europawahl geben.

Dr. Wiebke Esdar

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»Eine Minderheits- oder eine geschäftsführende Regierung könnten auch bis 2019 im Amt bleiben, es dann Neuwahlen zusammen mit der Europawahl geben.« Nein, Befürworterin einer erneuten großen Koalition mit der CDU ist Esdar weiterhin nicht. Am Sonntag haben die Sondierungsgespräche begonnen. Sie findet es richtig, dass dann ein Sonderparteitag über die Aufnahme offizieller Koalitionsverhandlungen entscheidet. »Dann muss man sehen.«

»Sehen« muss sie auch, ob es mit ihrer Mitgliedschaft im Bildungsausschuss des Bundestages klappt. Nächste Woche fallen dazu die Entscheidungen. »Ich bin ganz optimistisch«, sagt die promovierte Psychologin, die den Wissenschaftsbetrieb von ihrer Tätigkeit an der Uni Bielefeld kennt.

Der Justiziar

Er ist einer von 26 Neuen in der 89-köpfigen Bundestagsfraktion der Linken. Die ersten Eindrücke vom Politikbetrieb in Berlin seien schon überwältigend gewesen, sagt Friedrich Straetmanns, der über die Landesliste knapp den Sprung ins Parlament geschafft hatte und nun der einzige Ostwestfale in seiner Fraktion ist. »Ostwestfälische Gelassenheit hilft auch, hier in Berlin durchzukommen«, meint der Richter, der bisher am Detmolder Sozialgericht tätig war.

Man müsse sich gelegentlich auch gegen altgediente Platzhirsche durchsetzen, hat Straetmanns gelernt. Er berichtet von einem ausführlichen Gespräch mit Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. »Alle müssen sich gegenseitig kennenlernen«, sagt er. Auch für Straetmanns geht es jetzt darum, in welchem Ausschuss er mitarbeiten wird. Der Rechtsausschuss wäre sein Favorit. Rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion möchte er gern werden. Das Amt als Justiziar der Fraktion bekleidet er schon.

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Ich war mir schon der Würde des Augenblicks bewusst, als ich das erste Mal den Plenarsaal betreten habe.

Friedrich Straetmanns

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Seine Büros hat er jetzt Unter den Linden bezogen, eine noble Adresse, an der auch Alt-Kanzler Gerhard Schröder residiert. »Ich war mir schon der Würde des Augenblicks bewusst, als ich das erste Mal den Plenarsaal betreten habe«, sagt Straetmanns. Erfreut ist er über das kollegiale Mitein­ander auch über Fraktionsgrenzen hinweg. Klar, dass der überzeugte Armine längst auch Mitglied des einzigen DSC-Fanclubs im Hohen Haus ist – gemeinsam mit Esdar und Hasselmann.

Die Managerin

»Ich bin eigentlich nicht der Balkon-Typ«, sagt die grüne Abgeordnete Britta Haßelmann. Der Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft gleich neben dem Reichstagsgebäude war so etwas wie das Sinnbild der am Ende gescheiterten Jamaika-Sondierungen. Als Erste Parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Fraktion war Haßelmann immer dabei. »Eine intensive viereinhalbwöchige Erfahrung«, sagt sie. Und: »Wenn man stundenlang in einem Raum sitzt und verhandelt, dann braucht man einfach mal frische Luft.« So einfach war das.

Die Verhandlungen waren es nicht. »Die Themen mussten vorbereitet, immer wieder Rücksprache mit der Fraktion genommen werden«, erzählt Haßelmann. Ein anstrengendes Geschäft, eine neue Erfahrung auch für die langjährige Abgeordnete.

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Und da werden heute die Backen aufgeblasen. Wie scheinheilig ist das denn?

Britta Haßelmann

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Neu ist für sie auch die Konfrontation mit der AfD. Viel Beifall gab es für ihre Rede zur Diätenerhöhung . Sie hielt der AfD vor, sie habe in den Beratungen auf Ebene der Geschäftsführer keine Bedenken angemeldet und auch keinen Antrag auf eine Debatte gestellt. »Und da werden heute die Backen aufgeblasen. Wie scheinheilig ist das denn?«

Der AfD gehe es oft um eine bewusste Verächtlichmachung des Parlaments. »Mit mir nicht«, sagt Haßelmann. In der kommenden Woche stellt sie sich als erste Geschäftsführerin ihrer Fraktion zur Wiederwahl. Sie will Managerin im turbulenter gewordenen Berliner Parlamentsbetrieb bleiben.

 

 

 

 

 

 

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