So., 11.02.2018

Prof. Dr. Jörg Hacker über Tierversuche und den Wert von Fakten Wie glaubwürdig ist Wissenschaft?

Bielefeld (WB). In Berlin gibt es mehr Lobbyisten als Abgeordnete. Es gibt aber auch fakten- und wissenschaftsbasierte Politikberatung. Wie wissenschaftliche Institutionen zur Meinungsbildung beitragen, hat Prof. Dr. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, in einem Vortrag an der Universität Bielefeld erläutert. Sabine Schulze hat mit ihm gesprochen.

Herr Prof. Hacker, in populistischen Zeiten scheint es leicht, Wissenschaft zu verunglimpfen. »Experten« und »das Volk« werden gerne als Gegenpole dargestellt, teilweise macht sich ein Anti-Intellektualismus breit, der den differenzierten Diskurs scheut. Ist die Wissenschaft tatsächlich in einer Glaubwürdigkeitskrise?

Hacker: Ein bisschen schon. Dagegen hilft nur Transparenz. Es ist wichtig, Fakten und Erkenntnisse verständlich darzustellen und auch zu erklären, wie sie zustandekommen. Dazu gehört zu verdeutlichen, dass in manchen Bereichen Unsicherheiten bleiben und Erkenntnisse oft nur vorläufig sind: Denn das ist der Wissenschaft immanent, die Dinge entwickeln sich. Und: Es ist nötig, auch Nicht-Wissen zuzugeben.

 

Aktuell diskutieren wir über Tests mit Affen oder das Klonen von Primaten. Wird gemacht, was machbar ist? Werden Grenzen verschoben?

Hacker: Ohne jetzt diesen Versuch mit den Affen bewerten zu wollen: Es gibt Bereiche, in denen wir ohne Tierversuche nicht auskommen, in denen Simulationen oder das Arbeiten mit Gewebe nicht reichen. Dafür müssen wir Verständnis wecken. Experimente ohne wissenschaftlichen Nährwert allerdings konterkarieren dies. Was die chinesischen Klonexperimente angeht, denke ich, dass China sich damit zu Wort melden will als potenter Partner, als Großmacht in den Lebenswissenschaften. Um Risiken frühzeitig zu erkennen, haben die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Leopoldina den Gemeinsamen Ausschuss zum Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung gegründet.

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Wichtig ist auch, Forschungsfinanzierung offenzulegen.

Prof. Dr. Jörg Hacker

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Sehen Sie einen Legitimationszwang für Wissenschaftler?

Hacker: Grundsätzlich ist es gut, wenn Wissenschaft sich legitimieren muss und darüber informiert, warum sie etwas tut. Denn natürlich gibt es Fälle von Missbrauch: Ich kann wissenschaftliche Erkenntnisse auch nutzen für militärische Zwecke oder ungesetzliches Handeln. Vor fünf Jahren etwa haben wir darüber diskutiert, dass im Labor Viren hergestellt wurden, die sich besonders gut vermehren. Wichtig ist auch, Forschungsfinanzierung offenzulegen. Hier allerdings ist in unserem Forschungssystem etwas verrutscht: Wir arbeiten zu viel mit Drittmitteln, weil die Hochschulen unterfinanziert sind.

 

Kommen wir zur Politikberatung: Sie stehen der deutschen Nationalakademie vor. Denken Sie, dass die Wissenschaft genug von der Politik gehört wird?

Hacker: Ich denke, dass Politiker gerne auf wissenschaftliche Informationen und Beratung zurückgreifen – auf jeden Fall heute mehr als noch vor zehn Jahren. Es gibt in der Gesetzgebung auch vieles, in dem eine wissenschaftliche Komponente enthalten ist – ob es um die Gentechnologie geht oder um Energieversorgung. Da geht es nicht nur um technische Fragen, sondern auch um Konsequenzen, die berücksichtigt werden sollten.

 

Verschaffen sich auch die Akademien genug Gehör?

Hacker: Ja, wir tragen Themen auch aus der Wissenschaft heraus in die Politik und zeichnen davon dann ein differenziertes Bild. Daraus resultieren oft Handlungsempfehlungen für die Politik.

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Wichtig ist natürlich, dass die letzte Entscheidung bei der Politik bleibt.

Prof. Dr. Jörg Hacker

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Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, beklagt populistische Strömungen – und warnt zugleich vor einer Szientokratie, vor einer Herrschaft der Wissenschaft.

Hacker: Wichtig ist natürlich, dass die letzte Entscheidung bei der Politik bleibt: Nur die ist durch Wahlen legitimiert. Wichtig ist aber auch, dass Wissenschaftler ihre Positionen nicht nur im stillen Kämmerlein diskutieren.

 

Nun haben auch Wissenschaftler Überzeugungen und Meinungen, die vielleicht in ihre Interpretation einfließen...

Hacker: Ich denke, sie sollen zunächst Fakten benennen, und ich finde es auch richtig, diese zu interpretieren, in einen Zusammenhang zu stellen und sich zu normativen Fragen zu äußern. Allerdings muss man dann auch sagen, wenn es noch andere Wege oder Interpretationen gibt.

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