Mo., 05.03.2018

Wissenschaftler begleitet Arbeitszeitmodell einer Bielefelder Digitalagentur Fünf-Stunden-Tag wird erforscht

Unternehmer Lasse Rheingans hat in seiner Bielefelder Digitalagentur den Fünf-Stunden-Tag von 8 bis 13 Uhr eingeführt. Auf Monitoren in den Büros läuft der Countdown bis zum Feierabend. Das Arbeitszeitmodell wird jetzt wissenschaftlich begleitet.

Unternehmer Lasse Rheingans hat in seiner Bielefelder Digitalagentur den Fünf-Stunden-Tag von 8 bis 13 Uhr eingeführt. Auf Monitoren in den Büros läuft der Countdown bis zum Feierabend. Das Arbeitszeitmodell wird jetzt wissenschaftlich begleitet. Foto: Oliver Schwabe

Von Oliver Horst

Bielefeld (WB). Der von einer Bielefelder Digitalagentur im Herbst 2017 eingeführte Fünf-Stunden-Tag wird zum Fall für die Wissenschaft. Professor Sascha Armutat, an der Fachhochschule Bielefeld Experte für Arbeitsorganisation und Personalwesen, wird das außergewöhnliche Arbeitszeitmodell unter die Lupe nehmen.

Lasse Rheingans (37) hat mit der Übernahme der Digitalagentur im Oktober vergangenen Jahres einen radikalen Schritt verbunden: aus der 40- wurde eine 25-Stunden-Woche. Die zwölf Mitarbeiter arbeiten jetzt montags bis freitags statt acht nur noch fünf Stunden – immer von 8 bis 13 Uhr. Bei vollem Lohnausgleich und Urlaub – und mit Gewinnbeteiligung. Den zunächst bis Ende Februar angelegten Test hat Rheingans bis Ende August verlängert: »Es gibt keinen Anlass für grundlegende Veränderungen. Die Entscheidung habe ich erst für mich getroffen und dann im Team diskutiert. Alle ziehen mit und finden das Konzept nach wie vor super.«

Alles meiden, was ablenkt

Die Mitarbeiter seien zufrieden mit dem Modell, das ihnen drei Stunden mehr Freizeit mitten am Tag zugestehe – und konzentriertes Arbeiten abverlangt. Die Projektberater, Mediengestalter und IT-Experten sollen möglichst alles meiden, was ablenkt: Das Handy sollte besser in der Schublade liegen, Privatgespräche auf die Zeit nach der Arbeit vertagt und Raucher- oder Kaffeepausen auf das Mindeste reduziert werden. »Das Privat­leben wird für fünf Stunden abgeschaltet«, sagt Rheingans.

»Von Dauerdruck ist aber gar keine Rede. Im Gegenteil: Meine Mitarbeiter können sich wesentlich länger erholen. Das funktioniert gut.« Die viermonatige Testphase habe ihm großen Erkenntnisgewinn gebracht, sagt der Medienwissenschaftler: »Das Modell hat eine Lupenfunktion. In fünf Stunden wird vieles offenbar, was bei acht Stunden sonst verborgen bleibt: wo fehlen Kompetenzen, wo laufen Prozesse nicht, wo ist die Arbeitsbelastung ungleich.«

Darauf habe er reagiert, Abläufe geändert, »und zwei neue Leute eingestellt, um die fehlenden Kompetenzen abzudecken«. Eine weitere Neuerung ist neben dem freitäglichen gemeinsamen Mittagessen eine zweite Zusammenkunft pro Woche nach der Arbeit, »um dem großen Besprechungsbedarf« Rechnung zu tragen.

Für Bewertung noch zu früh

Ansonsten gelte weiter wie gehabt die Maxime, dass Projekte fristgerecht erledigt werden müssen. Das heißt, dass im Zweifelsfall Arbeitsstunden hinten dran gehängt werden. »Auch wenn jemand gerade gut im Flow ist, bleibt er länger, aber meist nur bis 14 Uhr«, betont Rheingans. Bislang laufe es geschäftlich gut. »Auch die Kunden tragen das Projekt mit. Es gab nur zwei Anfragen, bei denen ich am Ende das Gefühl hatte, dass es nicht zu einer Zusammenarbeit gekommen ist, weil sich die Kunden wegen des Fünf-Stunden-Modells bei uns nicht gut aufgehoben gefühlt haben.«

Für eine abschließende Bewertung des Konzepts sei es aber noch zu früh. »Dafür fehlt gerade auch nach der Übernahme des Unternehmens der Überblick zur Entwicklung von Umsatz, Krankenstand und Zufriedenheit.«

Da kommt Rheingans auch das Interesse von Professor Armutat gelegen. Er beobachtet das Projekt »mit einer Grundhaltung aus Neugierde und gesunder wissenschaftlicher Skepsis«. Der Wirtschaftswissenschaftler will die Folgen des Konzepts untersuchen. »Was bleibt bei der Verdichtung der Arbeitszeit auf der Strecke? Welche Folgen hat das für Mitarbeiter? Inwieweit verlagern sich Tätigkeiten oder der Austausch mit Kollegen in die Freizeit? Wie kommt ein solches Konzept bei Kunden an? Und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit das Modell aufgeht? – Das sind Fragestellungen, denen wir nachgehen wollen.«

Experimente wagen

Hierfür plant Armutat in Zusammenarbeit mit einem Coach Gespräche mit den Mitarbeitern. Das Projekt könnte auch Thema einer Bachelorarbeit werden, sagt der FH-Professor. »Es geht einher mit der Diskussion um die Arbeitswelt der Zukunft. Dabei ist es grundsätzlich wichtig, Experimente zu wagen, um zu schauen, was in der Praxis passiert und Lernerfahrungen zu machen.«

Das sieht Rheingans ähnlich: »Unser Fünf-Stunden-Modell ist ein Ansatz in einer Zeit, in der die Leute anders, sinnstiftend arbeiten wollen. Sie wollen nicht Zeit gegen Geld tauschen. Das große bundesweite Interesse an unserem Projekt zeigt, wie bedeutend das Thema ist. Und wir können einen wichtigen Impuls geben.«

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