Mo., 26.03.2018

Erstmaliger breiter Konsens soll Gedenken an Stalag 326 zum Projekt für ganz OWL machen Ein langer Weg

Szene aus dem bislang einzigen, jetzt in Russland aufgetauchten Film über das Stalag 326. Der tonlose, etwa dreiminütige Film wurde am Samstag erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt.

Szene aus dem bislang einzigen, jetzt in Russland aufgetauchten Film über das Stalag 326. Der tonlose, etwa dreiminütige Film wurde am Samstag erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt.

Von Bernd Bexte

Bielefeld/Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Was 70 Jahre umstritten war, wird jetzt von einem breiten Konsens getragen: »Die Gedenkstätte am ehemaligen Stammlager 326 Stukenbrock soll ein Projekt der ganzen Region werden«, betont Landtagspräsident André Kuper (CDU).

Am Wochenende wurden dazu auf einem wissenschaftlichen Symposium an der Uni Bielefeld entscheidende Weichen gestellt. Auch wenn der Grundsatz Sorgfalt vor Eile gilt – der Zeitplan ist ehrgeizig. Bereits Ende des Jahres soll, wenn alles nach Plan läuft, ein fertiges Konzept vorliegen, um Fördermittel des Bundes einzuwerben. Diese könnten bis zu 50 Prozent der Kosten abdecken. »Vier bis acht Jahre«, definiert der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Günter Garbrecht einen groben Zeitplan bis zur Eröffnung der erweiterten Gedenkstätte von dann nationaler Bedeutung. 1500 zusätzliche Quadratmeter würden benötigt. Hier böte sich unter anderem die noch vorhandene, zum größten Teil leer stehende ehemalige Entlausungsstation an.

Gute Vorzeichen

»Entscheidend ist, dass wir den Konsens erhalten«, mahnt der heimische CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok. Die Vorzeichen sind gut: Nicht mehr ob, sondern nur noch wie eine Gedenkstätte mit nationaler Bedeutung in Stukenbrock Realität werden soll, steht zur Diskussion. Das war nicht immer so: »Früher war doch jeder verdächtig, der auf die UdSSR zuging«, erinnerte ein Teilnehmer am Samstag beim wissenschaftlichen Symposium zum Thema »Wehrmachtslager für sowjetische Kriegsgefangene im Dritten Reich« an Debatten während der Zeiten des Kalten Kriegs. Jetzt seien die Signale aus der gesamten Region positiv, sagte Kuper – etwa durch Zustimmung aus den Kreistagen für das Projekt.

Oliver Nickel, Geschäftsführer der Dokumentationsstätte Stalag 326

Ein Lenkungskreis unter Leitung von Kuper, dem unter anderem Brok und Garbrecht angehören, will die weiteren Schritte zur Umsetzung angehen. Es geht um die Finanzierung des Ausbaus der bestehenden Gedenkstätte, etwa die Erweiterung um Unterkünfte für Besuchergruppen, die dafür notwendige Klärung von Grundstücksfragen, um die inhaltliche Ausgestaltung des Gedenkens und nicht zuletzt die Professionalisierung der Trägerschaft. Derzeit leisten vor allem Ehrenamtliche die Arbeit vor Ort.

Finanzielle Unterstützung benötigt

»Wir brauchen auch die finanzielle Unterstützung der Kommune, ebenso von Sponsoren aus der Wirtschaft«, fordert Kuper. Er ist aber Realist: »Was in 70 Jahren nicht geklappt hat, werden wir nicht in sieben Monaten schaffen.«

Nicht nur die Schicksale der geschätzt bis zu 60.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Zweiten Weltkrieg in Stukenbrock hinter Stacheldraht ums Leben kamen, stehen im Mittelpunkt. Zwei weitere Phasen gelte es, wissenschaftlich aufzuarbeiten: Die spätere Nutzung als Internierungslager von NS-Tätern sowie ab 1948 als Sozialwerk Stukenbrock für Heimatvertriebene. Kuper spricht von einem »Erinnerungsbogen«, einem »Dreiklang«. »So etwas ist einmalig«, ergänzt Brok. »Keines der drei Themen sollte priorisiert werden.« Eine Tagung zur historischen Einordnung des Sozialwerkes ist bereits für das Jahresende geplant.

Als neuer Unterstützer konnte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gewonnen werden: Deshalb war LWL-Chef Matthias Löb am Wochenende nach Bielefeld gekommen. Der LWL könne sein Know-how einbringen, sicherte Löb zu. »Es geht beispielsweise um Interviews mit Zeitzeugen«, erläutert Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte 326 in Stukenbrock. Oder aber um archäologische Forschungen – viele der Kriegsgefangenen hatten sich mangels Unterkünften anfangs mit Erdhöhlen eine notdürftige Zuflucht verschafft.

Einzig bekannte Film aus dem Stalag

Historiker Nickel konnte am Samstag mit einer kleinen Sensation aufwarten. Er zeigte den bislang einzig bekannten Film aus dem Stalag, eine etwa dreiminütige, tonlose Aufnahme eines NS-Kameramanns vom inszenierten Alltag im Kriegsgefangenenlager. »Dieser Film ist jetzt in Russland aufgetaucht.«

Hoffnung macht der Gruppe um Kuper der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Darin werde die Förderung von Gedenkstätten für bislang vernachlässigte Opfergruppen explizit erwähnt, ebenso die Förderung entsprechender »authentischer Orte«. Kuper hat Kontakt zu Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) aufgenommen. »Denn ohne Bundesförderung werden wir es nicht schaffen.« Er hofft auf eine Antwort Grütters bis zum nächsten Treffen der Lenkungsgruppe am 7. Mai.

Auch das Förderprogramm Regionale 2022, für das OWL bekanntlich den Zuschlag erhalten hat, könne bei der Umsetzung helfen. Vor Ort gebe es bereits Ideen, etwa die Einrichtung eines »Gedächtnispfades« von der jetzigen Polizeischule zum Ehrenfriedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen. Auch die Sichtbarmachung des Weges, den die Rotarmisten nach ihrer Ankunft am Bahnhof Hövelhof in das Lager zurücklegen mussten, gehört dazu.

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