Mo., 09.04.2018

Michael Grunert leiht dem Innersten des Zwangsarbeiters Matuszek eine Stimme Die Seele weint

Haben sich nach dem Stück noch lange unterhalten: (von links) Drehbuchautorin und Regisseurin Regina Berges, Ferdinand Matuszeks Lebensgefährtin Elfriede Bloch, die Autoren der Matuszek-Biografie, Friedhelm Schäffer und Oliver Nickel, und Schauspieler Michael Grunert.

Haben sich nach dem Stück noch lange unterhalten: (von links) Drehbuchautorin und Regisseurin Regina Berges, Ferdinand Matuszeks Lebensgefährtin Elfriede Bloch, die Autoren der Matuszek-Biografie, Friedhelm Schäffer und Oliver Nickel, und Schauspieler Michael Grunert. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Stille. Die 70 Zuschauer kämpfen mit dem Kloß im Hals. Darf man klatschen nach diesen ergreifenden Einblicken in die Seele eines Zwangsarbeiters? Nein, aber man darf sich erheben und sich mit lang anhaltendem Applaus vor der Leistung des Schauspielers Michael Grunert verneigen.

Der Schauspieler Michael Grunert fasst das Unfassbare in Worte, verschafft dem Innersten des polnischen Zwangsarbeiters Ferdinand Matuszek eine Stimme, lässt die Kluft zwischen Glück und Schuldgefühlen sichtbar werden. Foto: Tom Dombrowski

»Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht« hatte am Samstag im Theaterlabor Tor 6 in Bielefeld Premiere . Ausverkauft mit 70 Premierengästen, 20 mussten vertröstet werden auf Sonntag oder auf Freitag, 13. April, wenn das Stück von Regina Berges und Michael Grunert noch einmal ab 20 Uhr gezeigt wird. Einen Termin für eine Aufführung in Schloß Holte-Stukenbrock gibt es auch: Mittwoch, 16. Mai. Zeit und Ort stehen noch nicht fest.

Berges und Grunert haben Szenen aus der Biografie des polnischen Zwangsarbeiters Ferdinand Matuszek zur Grundlage genommen, das Grauen des Krieges damals und im Spiegel die aktuelle Lage zu zeigen. Im Januar 2015 haben Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag 326, und Friedhelm Schäffer das Buch über den ehemaligen Kriegsgefangenen Ferdinand Matuszek vorgestellt, im Juni 2015 den Film gezeigt, der im Oktober 2012 entstanden war. Der Film wird als Schulungsfilm in der Dokumentationsstätte Stalag 326 gezeigt. Der Titel des Buches »Ich hatte nichts gegen Deutsche, nur gegen Faschisten«, ist ein Zitat von Ferdinand Matuszek. Die Autoren sind 2016 mit dem Mindener Geschichtspreis ausgezeichnet worden.

Kennen sich von der Aufführung des Drei-Schulen-Theaters in Schloß Holte-Stukenbrock: Theaterpädagoge Canip Gündogdu und die Lebensgefährtin des verstorbenen Ferdinand Matuszek, Elfriede Bloch. Foto: Monika Schönfeld

Ferdinand Matuszek wurde die Heimat gestohlen, die Kindheit geraubt. Er hatte Glück. Glück? Ja, er ist ein Glückspilz, vier seiner Freunde sterben, er selbst wird am Bein verletzt. Erwachsene Kriegsgefangene gehen an Hunger zugrunde oder werden einfach erschossen. Der 15-jährige Matuszek, der auf dem Hof Körtner in Rehme arbeitet, hat genug zu essen, wird gut behandelt. Er hat Glück. »Doch das Herz, das schmerzt, die Seele weint.«

Sprachlos macht Michael Grunert das Publikum, als er zeigt, wie die Nazis die Kinder von den Müttern trennen, die Schreie hat Matuszek bis zu seinem Tod in den Ohren. Und dazu spielt die Blaskapelle.

Den Namen Piotr Ponomorow kannte Matuszek am 14. Dezember 1944 noch nicht. Er hatte dem Kriegsgefangenen an der Weserhütte in Minden gesagt, er könne die liegen gebliebenen Kartoffeln vom Feld aufsammeln. Ein SS-Mann erschoss den Russen. Der Schauspieler legt sein Gesicht auf Steine. Schuld. Schuldgefühle plagen ihn auch, als er den Gewehrkolben im Gesicht des Juden sieht, dem er sein Brot gegeben hat. »Hätte ich etwas tun können?« Zweifel eines Menschen, der Opfer war und sich doch schuldig fühlt. Nach dem Krieg hat Matuszek keinen Anspruch auf Wiedergutmachung. »Sie hatten es ja gut bei den Bauern«, wird ihm gesagt. Ja. »Ich bin und war ein Glückspilz.« 

Die Mitglieder des Drei-Schulen-Theaters gehörten zu den Premierengästen: (von links) Karolin Kronauer, Delia Kornelsen, Canip Gündogdu, Elfriede Bloch, Gaye Mutluay und Edona Hasani. Foto: Monika Schönfeld

Regina Berges und Michael Grunert setzen auf das karge Bühnenbild von Ralf Bensel. Ein Tisch, ein Stuhl, Stacheldraht, Kartoffeln, Steine und ein Schälmesser. Die Wand im Hintergrund dient als Leinwand, zeigt Matuszeks Ausweis, Bilder seiner späteren Frau, es werden Bilder heutiger Bootsflüchtlinge projiziert. Zum Schluss singt Matuszek selbst »Katjuscha«, in einer Filmsequenz, die auch schon das Drei-Schulen-Theater in Schloß Holte-Stukenbrock in »Gefangen« gezeigt hat – 2014, kurz vor seinem Tod war Matuszek bei der Premiere dabei.

Ferdinand Matuszek

Geboren wurde Ferdinand Matuszek 1926 in Tarnopol in Westgalizien, damals Polen, heute Ukraine. Als Jugendlicher wurde er im April 1942 seiner Familie entrissen und nach Deutschland deportiert, um als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft das Überleben der Bevölkerung zu sichern. Auf dem Hof Körtner in Rehme (Bad Oeynhausen) ist er gemeinsam mit zwei weiteren sowjetischen Kriegsgefangenen untergebracht und sehr human behandelt worden. Seine deutsche Freundin hat er nach dem Krieg geheiratet und er blieb in Deutschland.

Im Alter von 70 Jahren, so berichtet seine Lebensgefährtin Elfriede Bloch, habe Ferdinand Matuszek begonnen, über seine Geschichte zu reden. Wichtig war ihm, mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen.

Ferdinand Matuszek war im März 2014 Ehrengast bei der Aufführung des Drei-Schulen-Theaters »Gefangen«, das sich mit der Geschichte des Stalag 326 auseinandersetzt. Im Mai 2013 war er Redner bei einer Veranstaltung der Dokumentationsstätte, erzählte in klaren, ergreifenden Worten über seine Erlebnisse. Er starb am 11. Juli 2014 in Bad Oeynhausen.

 

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