Mi., 18.04.2018

Werk angeblich »sexistisch« Umstrittenes Gomringer-Gedicht jetzt auf Hausfassade in Bielefeld

Das Ehepaar Knauf hat das Gedicht an seiner Haus­fassade anbringen lassen. Vollbracht haben das Marina Matveenko und Franz Pawlik (von links).

Das Ehepaar Knauf hat das Gedicht an seiner Haus­fassade anbringen lassen. Vollbracht haben das Marina Matveenko und Franz Pawlik (von links). Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Von der Wand der Berliner Alice-Salomon-Hochschule muss das Gedicht »Avenidas« des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer verschwinden, weil es angeblich »sexistisch« ist. In Bielefeld ist es seit Mittwoch im öffentlichen Raum zu sehen.

Das Gedicht wird derzeit an der Fassade eines Wohnhauses an der Dorotheenstraße in Bielefeld aufgemalt.

Für Marcus und Helen Knauf, die das Gedicht an die Hausfassade anbringen lassen, ist »Avenidas« einfach nur schöne Poesie. Es seien acht Zeilen, die das Leben besingen. Für das Ehepaar Knauf ist die Argumentation der Hochschule nicht nachvollziehbar: »So ein Gedicht zu problematisieren, lenkt von den wahren Problemen ab«, sagt Prof. Dr. Helen Knauf. Für ihren Mann sei es auch ein Statement für die Freiheit der Kunst und Wissenschaft, es an die Wand des eigenen Hauses malen zu lassen.

»Es ist ein für den öffentlichen Raum schönes Gedicht, besonders geeignet, weil es so einfach ist.« Zeitlos sei es außerdem, denn die Stimmung, die Gomringer festgehalten habe, könne man auch heute noch nachvollziehen. »Und das macht gute und große Kunst aus.«

Gedicht als junger Mann verfasst

Gomringer, heute 93, hat das Gedicht als junger Mann verfasst: 1951 bummelte er durch Barcelona, nahm Alleen, Blumen und flanierende Frauen wahr. Sein Gefühl drückte er in Gedichtform aus. Das auf Spanisch verfasste Gedicht steht seit 2011 an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule. Es ist umstritten, seit vor zwei Jahren Studentenvertreter die Verse in einem offenen Brief als frauenfeindlich kritisierten.

Bei dem Gedicht geht es um den letzten Satz: »Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.« Nach einer langen und teils erbittert geführten öffentlichen Diskussion hatte das Hochschulparlament im Januar dieses Jahres beschlossen, das Gedicht bei einer Fassadenrenovierung im Herbst zu übermalen. Künftig soll alle fünf Jahre das Werk eines neuen Poetik-Preisträgers auf die Wand kommen.

Eugen Gomringer wird sein »Avenidas« unterdessen wohl bald in Bielefeld bewundern: Thomas Thiel, Geschäftsführer des Kunstvereins, hatte die Idee, ihn Ende Juni gemeinsam mit der literarischen Gesellschaft zu einer Lesung einzuladen. »Ich hoffe, dass er dann auch uns besuchen kommt«, sagt Marcus Knauf.

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