Bielefelder Verein vergibt Auszeichnungen an »Datenkraken«
Negativpreis für »Alexa«

Bielefeld (WB). Nein, Facebook bekam trotz der aktuellen Datenklau-Diskussion keinen Preis. Den hatte das Zuckerberg-Imperium bereits 2011 erhalten. Aber andere Digital-Riesen mussten sich am Freitag in Bielefeld mit dem Negativpreis »Big Brother Award« auszeichnen lassen.

Samstag, 21.04.2018, 10:10 Uhr aktualisiert: 21.04.2018, 10:12 Uhr
Amazon erhält den Negativ-Preis in der Kategorie »Verbraucherschutz« für den Sprachassistenten »Alexa«. Foto: dpa
Amazon erhält den Negativ-Preis in der Kategorie »Verbraucherschutz« für den Sprachassistenten »Alexa«. Foto: dpa

So waren unter den sechs Preisträgern mit Amazon und Microsoft zwei ganz Große der Branche. Seit dem Jahr 2000 verleiht der Bielefelder Verein »Digitalcourage« Negativpreise an aus seiner Sicht auffällige »Datenkraken« aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft wegen Verletzungen der Privatsphäre und des Datenschutzes. Der Preis findet mittlerweile bundesweit Beachtung, sogar ausländische Medien berichten. Eine Jury aus Menschenrechtlern, Computerexperten sowie Daten- und Verbraucherschützern wählt die Preisträger aus. Mit seiner alljährlichen Gala war »Digitalcourage« erstmalig im großen Haus des Theaters zu Gast. Die Preisträger:

Amazon: Der US-amerikanische Versandhändler erhält den Negativ-Preis in der Kategorie »Verbraucherschutz« für den Sprachassistenten »Alexa«. Das Gerät zeichne nicht nur Daten auf, sondern speichere die Aufnahmen in der Cloud. Damit könnten diese Daten noch Monate später abgespielt, Haushaltsmitglieder überwacht werden, kritisiert der Verein.

Microsoft Deutschland: Der Ableger des US-Konzerns ist Preisträger in der Kategorie »Technik«. Über das Betriebssystem »Windows 10« würden Diagnose-Daten des Computers an das Software-Unternehmen übermittelt. Die Übermittlung lasse sich zum Teil gar nicht oder nur über komplizierte Einstellungen begrenzen, hieß es. Für Microsoft ist es bereits der zweite »Big Brother Award« nach 2002.

»Smart Cities«: Das Konzept der »Smart Cities« – unter anderem im Kreis Paderborn in der Planung, in den Niederlanden und China bereits vielfach Realität – ermögliche eine »total überwachte ferngesteuerte und kommerzialisierte Stadt«. Dabei gehe es unter anderem um Videokameras an Straßenlaternen oder intelligente Verkehrsleitsysteme, die etwa freie Parkplätze am Straßenrand auf dem Smartphone anzeigen. Der Preis wird in der Kategorie »PR und Marketing« verliehen.

Cevisio Software: Die Firma aus Torgau hat eine Software für Quartiersmanagement entwickelt, die in Flüchtlingsunterkünften eingesetzt werde. »Die Daten ermöglichen eine Totalkontrolle der Asylsuchenden«, kritisiert »Digitalcourage«: Bewegungen auf dem Gelände, medizinische Untersuchungen, Essensausgaben, Verwandtschaftsverhältnisse, alles werde dokumentiert. Das war der Jury einen Preis in der Kategorie »Verwaltung« wert.

Soma Analytics: Das Unternehmen aus München erhält den Preis in der Kategorie »Arbeitswelt«. Die von ihm entwickelte Gesundheits-App »Kelaa« überwache anhand verschiedener Parameter (etwa Tonfall der Stimme beim Telefonieren) den Gesundheits- und Vitalzustand von Beschäftigten.

CDU und Grüne im hessischen Landtag: Die Regierungsfraktionen erhalten den Preis in der Kategorie »Politik« für ihr geplantes neues Verfassungsschutzgesetz. Mit Staatstrojanern sollten, so »Digitalcourage«, »verdächtige« Computer heimlich infiziert und ausgeforscht, kriminelle V-Leute erstmals per Gesetz von der Strafverfolgung freigestellt werden. »Alles in allem ein schwerer Angriff auf Demokratie, Rechtsstaat und Bürgerrechte.«

Auch wenn, wie erwartet, erneut keiner der Ausgezeichneten den Preis persönlich entgegen nahm, sei so manche Prämierung in den vergangenen Jahren nicht folgenlos geblieben. Beispiel Bahn: »Nachdem wir die Deutsche Bahn ausgezeichnet hatten, hat diese das Passfoto auf der Bahncard-25 abgeschafft«, sagt Rena Tangens, »Digitalcourage«-Vorsitzend

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