Ratsmitglied Michael Gugat diskutiert mit Zirkusvertretern über Verbote und Ethik
Zum Wohle der Tiere

Bielefeld (WB). Nein, der große Schulterschluss am Ende der gut 80-minütigen Diskussion über Wildtiere im Zirkus blieb aus, er war auch nicht zu erwarten. Dazu lagen die Standpunkte von Michael Gugat, sozialpolitischer Sprecher der Ratsgruppe Bürgernähe/Piraten, und von Sascha Melnjak, Direktor des Zirkus Charles Knie sowie Kathrin Grüning vom Verband Deutscher Cirkusunternehmen (VdCU), dann doch zu weit auseinander. Trotz aller bei diesem Gespräch gefundenen Gemeinsamkeiten: Das »Kontra« des einen und das »Pro« der anderen lösten sich nicht auf, ja, gerieten nicht einmal ernsthaft ins Wanken.

Montag, 25.06.2018, 09:00 Uhr aktualisiert: 25.06.2018, 19:46 Uhr
Dompteur Alexander Lacey und Tiger Max sind die Attraktionen des Zirkus Charles Knie. Foto: Mike-Dennis Müller
Dompteur Alexander Lacey und Tiger Max sind die Attraktionen des Zirkus Charles Knie. Foto: Mike-Dennis Müller

Noch bis Mittwoch gastiert der  Zirkus Charles Knie mit Löwen, Tigern, Zebras und anderen Wildtieren an der Radrennbahn. Er hatte sich diesen Auftritt im November 2017 vor dem Verwaltungsgericht erstritten, das einen im Oktober 2016 gefassten Ratsbeschluss über ein  Auftrittsverbot von Zirkussen mit Wildtieren in Bielefeld kippte. Gugat hatte vor der Anreise des Zirkus Charles Knie nach Bielefeld diesen öffentlich kritisiert, aber auch die geltenden Tierschutzbestimmungen und die sicherheitstechnische Kontrolle der Zirkusgehege.

Der Einladung von Zirkusdirektor Melnjak und Kathrin Grüning vom VdCU, sich vor Ort ein Bild von den Lebensbedingungen der Tiere zu machen und mit den Dompteuren zu sprechen, kommt der Kommunalpolitiker am Samstag nach, um zusammen mit den beiden sowie Holger Fischer (Assistent der Geschäftsleitung Charles Knie) und den Dompteuren Alexander Lacey und Marek Jama zu diskutieren. Immerhin: Man findet gemeinsame Standpunkte. So sind sich sowohl Gugat als auch Raubtierdompteur Lacey einig, dass eine Novelle des 18 Jahre alten Tierschutzgesetzes Not tut, und auch gegen eine bessere sicherheitstechnische Überprüfung der Gehege hat der britische Dompteur nichts auszusetzen. »Gegen eine Veränderung der Rahmenbedingungen haben wir nichts, wohl aber gegen Verbote«, stellt Direktor Sascha Melnjak klar. »Was denken Sie, was sie damit erreichen? Wenn wir hier und dort nicht mehr auftreten können, müssen wir weiter reisen und die Tiere müssen länger eingesperrt bleiben«.

»Ich glaube Ihnen, dass Sie Ihre Tiere lieben«

Zudem wirft er den Zirkuskritikern ein oftmals unehrliches, zumindest aber unsachliches Argumentieren vor. Eine Kritik, die Gugat, der vorab klar stellt, kein Tierschutz-Aktivist zu sein, so nicht stehen lassen will: »Wo habe ich gelogen? Alles, was ich Ihnen geschrieben habe, kann ich belegen. Natürlich halten Sie sich an die Gesetze. Auch der Schlachthof hält sich an die Gesetze.«

Theorie, findet Alexander Lacey, und meint die Bestimmungen über Käfiggrößen oder Auslauf. Zwölf Quadratmeter sind für ein bis zwei Raubkatzen vorgeschrieben, 50 Quadratmeter Außenfläche für bis zu fünf Tiere. Die Lebensqualität der Tiere könne man nicht an der Größe ihres Auslaufs festmachen. Diese Auffassung sei »stupid«, dumm. Man müsse die Tiere beschäftigen, Langeweile bekämpfen, ihr Leben interessant halten, und das genau würde im Zirkus passieren. »Ich glaube Ihnen, dass Sie Ihre Tiere lieben«, entgegnet Gugat, »aber wären sie in einem Zoo nicht glücklicher?« Lacey verneint. Sicher, es gäbe gute Zoos, gerade in Deutschland, aber er sehe für seine Löwen und Tiger in einem zoologischen Garten keine Vorteile. »Glauben Sie mir, ich merke, ob meine Tiere zufrieden sind, oder nicht. Und sie sind es.« Viele der aufwändig gestalteten Zoo-Gehege seien Makulatur: »Das ist optisch schön für die Menschen, nicht die Tiere.«

»Zirkus funktioniert auch ohne Tiere«

Wann ist ein Tier zufrieden? Diese Frage würde, so Zirkusdirektor Sascha Melnjak, zu oft aus »Menschensicht«, aus »einer persönlichen Meinung« heraus beantwortet und nicht mit wissenschaftlichen Belegen. Und fährt fort: »Man kann kein Verbot aufgrund von persönlichen Meinungen verhängen.« Zirkustiere könne man nicht mehr mit den Tieren in freier Wildbahn vergleichen. Streng genommen, so Melnjak, seien sie gar keine Wildtiere mehr. Man könne bei ihnen nicht die Maßstäbe von in freier Wildbahn geborenen und aufgewachsenen Exemplaren anlegen.

Falsch, entgegnet Michael Gugat, und verweist auf die Gesetzeslage. Und danach seien Löwe und Tiger nun einmal Wildtiere. Und die gehörten, so das Ratsmitglied, nicht in die Manege. Zwar gäbe es in Deutschland derzeit noch keine demokratischen Mehrheiten, ein Wildtierverbot zu verhängen, »es wird aber auch in Deutschland kommen«, glaubt Gugat und verweist auf andere Länder, in denen es bereits greife. »Zirkus funktioniert auch ohne Tiere.« »Aber auch mit«, entgegnet Melnjak. »Gestern hatten wir 3000 Besucher. Warum lassen wir nicht die Menschen entscheiden, ob sie Tiere in der Manege sehen wollen, oder nicht? Warum müssen wir alles verbieten?«

Beleidigung im Internet

Leider, so bedauert Gugat am Ende des Gesprächs, hätten die Zirkusvertreter immer wieder versucht, vom eigentlichen Gesprächsthema abzulenken und Scheinargumente benutzt oder seien gegen Thesen vorgegangen, die er, Gugat, gar nicht vertrete. »In weiten, aber nicht allen Teilen konnte das Gespräch auf der Sachebene geführt werden«, so die Bilanz des Ratsmitglieds.

Er bedauert jedoch, dass die angeregte Diskussion im Internet ein »wenig respektvolles« Ende nahm. Auf dem Social-Media-Account des parteilosen Kommunalpolitikers betitelt Zirkusdirektor Sascha Melnjak Gugat als »Möchte-Gern-Politiker« mit dem Zusatz: »Darum ist unser Land heute da wo es jetzt ist ... nämlich am Boden!«

 Lesen Sie dazu auch den Kommentar.

Kommentare

Misanthrop  schrieb: 25.06.2018 17:18
Wenn die Tiere dort so glücklich sind, und dieser Herr Dompteur Mutter,Vater,Freund der Tiere ist, warum wurde er dann vor zwei Monaten von einem Löwen verletzt?
1 Kommentare
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