Mi., 27.06.2018

Verband: Immer mehr steigen frustriert aus dem Beruf aus Mütter finden keine Hebammenfür Geburtsnachsorge

Eine Hebamme kümmert sich um den neun Tage alten Emil: Zuletzt konnte nur noch jede zweite Mutter in NRW diese Form der Nachsorge in den eigenen vier Wänden in Anspruch nehmen, weil es zu wenige Hebammen gibt.

Eine Hebamme kümmert sich um den neun Tage alten Emil: Zuletzt konnte nur noch jede zweite Mutter in NRW diese Form der Nachsorge in den eigenen vier Wänden in Anspruch nehmen, weil es zu wenige Hebammen gibt. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Mehr Geburten, weniger Hebammen – werdende Mütter haben in Nordrhein-Westfalen zunehmend Schwierigkeiten, für die Tage nach der Entbindung eine Hebamme zu organisieren.

»Früher reichte es, wenn man sich im fünften Monat nach einer Hebamme umsah. Heute raten wir Frauen, sich zu kümmern, sobald der Schwangerschaftstest positiv ist«, sagt Barbara Blomeier aus Bielefeld, Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen in NRW.

Die AOK Rheinland berichtete gestern, in NRW würden nur 53 Prozent der Familien in den ersten Wochen nach der Geburt von einer Hebamme begleitet. 2012 seien es noch 64 Prozent gewesen.

Beruf bei Mädchen weiterhin gefragt

Sobald Mütter nach der Geburt wieder zu Hause sind, bezahlt ihnen die Krankenkasse für zehn Tage die Betreuung durch eine Hebamme. Die kontrolliert die Rückbildung der Gebärmutter, die Heilung eventueller Geburtsverletzungen, die Nabelheilung, das Schlaf- und Trinkverhalten des Babys und viele andere Dinge. Doch diese Dienste kann heute längst nicht mehr jede Mutter nutzen: Die Hebammenzentrale Bielefeld-Gütersloh zum Beispiel, die Mütter und Hebammen zusammenbringt, musste im vergangenen Jahr 500 von 1302 anfragenden Müttern eine Absage erteilen.

Der Beruf ist bei Mädchen weiterhin gefragt. »Hebammenschulen haben Wartelisten, auch wenn die nicht mehr so lang sind wie früher«, sagt Barbara Blomeier. Doch die Ernüchterung komme schnell: »Im Durchschnitt bleibt eine angestellte Hebamme nur vier Jahre im Krankenhaus, bevor sie kündigt und vielleicht freiberuflich weiterarbeitet. Aber auch das geben viele Hebammen wieder auf.«

Wo liegen die Probleme? Nach Ansicht des Hebammenverbandes ist die Arbeit im Krankenhaus (Einstiegsgehalt um 2700 Euro brutto) unattraktiver geworden. »Wegen des allgemeinen Personalmangels werden Hebammen in manchen Häusern auch für andere Tätigkeiten eingesetzt. Sie müssen Krankenschwestern ersetzen oder Ärzten assistieren. Dazu kommt die zunehmende Arbeitsbelastung durch immer mehr Geburten.«

In den fünf Jahren zwischen 2011 und 2016 stieg die Zahl der Geburten in Nordrhein-Westfalen um mehr als 20 Prozent – von 143.097 auf 173.276. »Und trotzdem beschäftigt nicht einmal jedes zweite Krankenhaus die in den medizinischen Leitlinien empfohlene Zahl an Hebammen«, heißt es im AOK-Report. Lothar Kratz, Sprecher der Krankenhausgesellschaft NRW, bestätigt den Personalmangel: »Das ist ein Problem.«

Keine Selbstausbeutung mehr

Die Freiberuflichkeit sei für Hebammen, die die Krankenhäuser verließen, nicht unbedingt eine Lösung, sagt Barbara Blomeier. »Manche machen als Freiberufler wegen der teuren Haftpflichtversicherung keine Geburten mehr. Wenn sie dann noch halbwegs vernünftig verdienen wollen, müssen sie jeden Tag acht bis zehn Frauen besuchen. Das ist kaum machbar.« Früher hätten Hebammen diese Selbstausbeutung aus Stolz betrieben, heute wollten viele das nicht mehr. »Wenn genügend Familieneinkommen da sei, arbeiten manche Hebammen nur noch einige Stunden pro Woche – als Minijobberinnen.«

AOK-Vorstand Günter Wältermann sieht jetzt vor allem die Krankenhäuser in der Pflicht. Er fordert mehr Wertschätzung, ein Arbeiten auf Augenhöhe mit den Ärzten, gute Fortbildung und moderne Arbeitsbedingungen. Dazu gehöre, dass Hebammen flexibel arbeiten könnten – als Geburtsbegleiterinnen im Krankenhaus, aber auch in der Nachsorge bei den Müttern zu Hause. Das könnte die Betreuungslücke schließen.

Genaue Zahlen, wie viele Hebammen in NRW arbeiten und wie viele fehlen, gibt es nicht. Im Landesverband sind nach dessen Angaben 4100 Hebammen zusammengeschlossen.

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