Do., 28.06.2018

Firma und Ex-Kollegen beschäftigt das »Warum?« Vergiftete Pausenbrote: Exhumierungen immer wahrscheinlicher

Der Friedhof in Schloß Holte: Möglicherweise wird die Staatsanwaltschaft Bielefeld hier in Kürze Gräber öffnen lassen, um Verstorbene von Rechtsmedizinern auf Blei und andere Gifte untersuchen zu ­lassen.

Der Friedhof in Schloß Holte: Möglicherweise wird die Staatsanwaltschaft Bielefeld hier in Kürze Gräber öffnen lassen, um Verstorbene von Rechtsmedizinern auf Blei und andere Gifte untersuchen zu ­lassen. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Werden jetzt Gräber Verstorbener geöffnet, die möglicherweise ebenfalls Opfer von Giftanschlägen in einer Firma in Schloß Holte-Stukenbrock geworden sind? Ari-Personalchef Tilo Blechinger (48): »Da die Kripo nun den Tod von 21 unserer Mitarbeiter prüft, erscheinen Exhumierungen durchaus möglich.«

Auch die Polizei schließt Exhumierungen nicht mehr aus, um die sterblichen Überreste auf Blei und andere Gifte zu untersuchen.

Man sei geschockt vom Ausmaß dieses Falles, sagt Blechinger dem WESTFALEN-BLATT. Der Personalleiter schränkt jedoch ein: »Wir haben der Polizei alle 21 Verstorbenen seit 2000 gemeldet. Darunter sind aber auch Mitarbeiter, die entweder durch Unfälle oder in einem Fall durch Suizid ums Leben gekommen sind.« Tilo Blechinger geht offen mit der Situation um: »Am Anfang waren viele hier verunsichert. Wir haben alles versucht, um sie zu beruhigen. Wir haben immer wieder den Kontakt zur Polizei gesucht und sie um Rat gefragt. Zurzeit sind wir sicher, dass hier nichts mehr passieren kann.«

Er beschreibt den Tatverdächtigen Klaus O. (56) als »auffällig unauffällig«. Er sei sehr sportlich ­gewesen und jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit gekommen. »Seine Vorgesetzten sind mit ihm immer zufrieden gewesen. Er hat seine Arbeit als Werkzeugmacher gut und pünktlich verrichtet. Mit seinen Arbeitskollegen hat er aber kaum geredet. Er war ein Einzelgänger.«

Tag der Festnahme bleibt in Erinnerung

Dass O. auch Zugriff auf Pausenbrote in anderen, zum Beispiel kaufmännischen Abteilungen ­hatte (dort gab es ebenfalls Todesfälle), glaubt Tilo Blechinger nicht: »Das können wir uns nicht vorstellen.«

An den Tag der Festnahme kann er sich noch sehr gut erinnern: »Nachdem die Kripo die Videoaufnahmen des versuchten Giftanschlages analysiert hatte, haben wir das Vorgehen der Verhaftung gemeinsam erörtert.« Klaus O. sei ganz normal gegen 14 Uhr zur Spätschicht gekommen. »Sein erster Weg führte ihn zu seinem Spind. Als er sich umdrehte, standen plötzlich vier Polizeibeamte vor ihm. Er hat sich widerstands- und emotionslos in Gewahrsam nehmen lassen.« Das Unter­nehmen habe ihm Hausverbot erteilt und ihm den Firmenausweis abgenommen.

Was ihn bis heute wundere, sagt Tilo Blechinger, sei die Tatsache, dass sich die Ehefrau von Klaus O. nicht äußern wolle. »Sie sagt in den Vernehmungen bei der Polizei nichts dazu. Warum? Das verstehen wir hier alle nicht.«

Kopf über Motiv zerbrochen

Über das Motiv könne er noch nicht einmal spekulieren. Blechinger: »Wir alle im Hause haben uns darüber seit zwei Monaten den Kopf zerbrochen und haben uns gefragt, ob eventuell private Schicksalsschläge dabei eine Rolle gespielt haben? Oder wollte er sich an der Welt rächen? Wir wissen es einfach nicht und sind zu keinem Ergebnis gekommen.«

Dass ein junger Mann, der neben seinem Studium bei Ari gearbeitet habe und seit mehr als zwei Jahren aufgrund einer Quecksilbervergiftung im Koma liegt, nennt Tilo Blechinger eine Tragödie. »Sie glauben gar nicht, was wir hier alles angestellt haben, um herauszufinden, wie es zu dieser Vergiftung gekommen sein könnte. Denn im gesamten Betrieb haben wir in der Produktion noch nie mit Quecksilber gearbeitet. Selbst drei alte Thermometer an Maschinen haben wir abgebaut und überprüft. Nichts.«

Auch nach dem letzten Vorfall und nach der Verhaftung von Klaus O. seien alle Lebensmittel umgehend vernichtet worden. »Getränke- und Kaffeeautomaten wurden entleert und desinfiziert. Mehr konnten wir nicht tun.«

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