Mi., 18.07.2018

Ökoprofit-Klub: 15 Mittelständler begrünen 60.000 Quadratmeter für Artenschutz Insektenparadies auf dem Firmendach

Ein Herz für Insekten: Armin Halfar auf dem Dach der Firma mit 400 Quadratmetern speziellem Dachgarten.

Ein Herz für Insekten: Armin Halfar auf dem Dach der Firma mit 400 Quadratmetern speziellem Dachgarten. Foto: Mike-Dennis Müller

Von Michael Diekmann

Bielefeld (WB). Auf dem Dach von Armin Halfar (50) summt und brummt es. »Wir haben Hummeln, Fliegen, Grashüpfer hier oben«, sagt der Unternehmer nicht ohne Stolz. Die gut 400 Quadratmeter Dachgarten vor dem Konferenzraum sind ein Baustein des beispielhaften Beitrags zum Insektenschutz: Aus ungenutzten 60.000 Quadratmetern Land haben Mittelständler Lebensraum für Insekten geschaffen.

»Mittelständler haben ein großes Herz für die Natur«, ist Armin Halfar überzeugt. Der Produzent von Taschen im Gewerbegebiet in Oldentrup hat 2018 erstmals einen Nachhaltigkeitsreport für sein Unternehmen, die Halfar System GmbH, mit mehr als 100 Mitarbeitern vorgelegt. Die Firma arbeitet klimaneutral, setzt auf Energie aus Holzpellets und Photovoltaik. Das Thema Insekten und die schwindende Artenvielfalt hatten Halfar schon länger beschäftigt.

»Die Resonanz war fantastisch«

Dass er so schnell so viele Mitstreiter finden sollte, hat ihn überwältigt: »Die Resonanz war fantastisch.« Ausgangspunkt war das Projekt Ökoprofit, in dem alljährlich Unternehmen ihre Betriebsabläufe ökonomisch und ökologisch auf den Prüfstand stellen. Halfar war selbst schon dabei. Aus Ehemaligen entstand der Ökoprofit-Klub mit aktuell 27 Mitgliedern. Und in deren Reihen fand Armin Halfar auch engagierte Mitstreiter für seine Idee eines Runden Tisches Artenvielfalt mit Architekten, Dachdeckern oder Kreisjägerschaft.

Im Mai 2018 hatte der Tisch mit Dr. Hans-Dietrich Reckhaus einen Referenten und auch einen Mitstreiter. Reckhaus, Hersteller von Insektiziden, sieht sich in der Verantwortung, Ausgleichsflächen zu schaffen und zu erhalten. Mit dem Gütesiegel »Insect Respect« initiierte das Unternehmen einen grundsätzlichen Wandel im Markt.

Die Verantwortlichen im Umweltamt der Stadt Bielefeld wie Ökoprofit-Koordinatorin Birgit Reher zollen der Initiative Insektenflächen jede Menge Respekt. Dass laut Halfar gleich im ersten Jahr 15 von 27 Unternehmen dabei sind, hat alle erhofften Ziele weit übertroffen.

Jeder ist aufgerufen

Möglicherweise noch in diesem Jahr könnte man der Reckhaus-Initiative 100.000 Quadratmeter zur Verfügung stellen: Dächer oder frei gehaltene Expansionsflächen, wie sie hinter vielen Firmen existieren. Die größten Flächen aktuell steuern Goldbeck mit 10.000 und Baumgarte mit 26.000 Quadratmetern bei. Halfar: »Größe ist nicht alles. Jeder, der privat einen Garten hat, ist aufgerufen, seine Flächen insektenfreundlich zu bewirtschaften.« Dazu gehören Hummelkästen, Totholz, ein Insektenhotel und ein Steinhaufen.

Insektenschutz: Eine Broschüre und die Internet-Adresse »www.insect-aid.de« geben nützliche Tipps für Garten und Balkon. Foto: Mike-Dennis Müller

Der dramatische Rückgang der Insekten um mehr als 75 Prozent in den letzten drei Jahrzehnten sei alarmierend, unterstreicht Halfar. Insekten seien der Schlüssel der Bestäubung, Nahrungsquelle für Tiere und übernähmen den Abbau von Exkrementen. Früher, als Schüler, erzählt der Unternehmer, habe er den Bio-Leistungskurs besucht. Halfar erinnert sich aber auch an die Urlaubsreisen mit den Eltern im VW-Käfer, als man alle 100 Kilometer die Frontscheibe von Insekten befreien musste: »Heute ist das ganz anders. Ein Zeichen dafür, dass sich die Zahl der Tiere so extrem verringert hat.« Über 40 Prozent der Arten sind im Bestand gefährdet, fünf Prozent schon ausgestorben.

Dass man ganz einfach viel tun kann, sieht man auch im Umfeld des Halfar-Areals. Es ist eingebettet in Grün. Ein unbebautes Nachbarstück ist eine einladende Blumenwiese.

Und die Restfläche gegenüber, erzählt Halfar, habe er in Kooperation mit dem Umweltamt von einer Brache mit wenigen Pioniergehölzen zu einem funktionierenden Ökokreislauf entwickelt, Gehölze gepflanzt. Den Rest übernimmt sie Natur. Die einfachsten Rezepte: Rasen einfach mal wachsen lassen, heimisches Saatgut für Blumenwiesen verwenden, Wildwuchs zulassen. Halfar: »Wer Schmetterlinge möchte, muss auch Brennnesseln akzeptieren.«

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