Sa., 04.08.2018

Versuch startet mit wenig Verkehr – Kritik und Lob Jahnplatz: »Der Härtetest kommt noch«

Im November sollen die ersten Auswertungen des Verkehrsversuchs am Jahnplatz vorliegen.

Im November sollen die ersten Auswertungen des Verkehrsversuchs am Jahnplatz vorliegen. Foto: Bernhard Pierel

Von Sabine Schulze und Stefan Biestmann

Bielefeld (WB). Am Freitagvormittag sind zumindest auf dem Jahnplatz die letzten Absperrpfosten verschwunden. Der viel diskutierte Verkehrsversuch hat damit offiziell begonnen.

Radler Jost Müller nutzt auch prompt konsequent die neue Umweltspur, die für Busse und Radfahrer eingerichtet wurde, und schwenkt aus Richtung Kunsthalle kommend sofort darauf ein. Er findet sie gut, weil sie womöglich Konflikte vermeidet. »Der Verkehr ist dichter geworden, das macht die Menschen aggressiver. Als Radfahrer wird man sogar in Fahrradstraßen von Autofahrern beschimpft.« Prompt wird er, obwohl brav und ganz legal auf der Umweltspur, von der Seite angehupt.

Müller hat radelnd freie Fahrt, für die Autofahrer geht es zunächst etwas langsamer. Denn für sie gilt: von zwei auf eins. Knapp 100 Meter hinter der Einmündung der Notpfortenstraße in die Alfred-Bozi-Straße wird die rechte Fahrspur zugunsten der Umweltspur eingezogen, es gilt das Reißverschlussprinzip. Das klappt recht gut, führt aber zum leichten Rückstau, obwohl tatsächlich nur sehr wenig Verkehr ist.

»Wenn die Ferien erst einmal zu Ende sind, wird es hier Staus bis mindestens zum Adenauerplatz geben«, prognostiziert Taxifahrer Predrac Simic, Vorstandsmitglied der Bieta. Seine Tochter Jennifer Piehl steht am Freitagvormittag mit ihrem Taxi am Stand am Niederwall. Um aus dem Bielefelder Westen dorthin zu kommen, kann sie nun nicht mehr vom Jahnplatz in den Niederwall abbiegen, sondern fährt vorher durch die Renteistraße und Ritterstraße. »Wir werden künftig einige Umfahrten mehr haben.«

Umweltspur oder Radweg?

Predrac Simic bedauert zudem, dass die Taxifahrer die Umweltspur künftig nicht ebenso wie Busse und Radfahrer nutzen dürfen. »Aber das ist ja erst ein Versuch, vielleicht ändert sich das ja noch.«

Felix Hoffmann, selbst auch Autofahrer, heute aber mit dem Fahrrad unterwegs, dürfte die Spur nutzen, bleibt aber doch lieber auf dem alten, rot abgesetzten Radweg. Während andere Radfahrer zumindest nach der Fußgängerampel auf die Busspur umschwenken, um die Enge zwischen Café Europa und Bushaltestellenbereich zu vermeiden, wählt er auch hier den klassischen Radweg. »Ich traue dem noch nicht so recht. Ich fürchte, dass Autofahrer auf die Umweltspur ziehen«, erklärt er.

Beobachter am Rande ist Wilfried Bobe. Der 79-Jährige wohnt in Ummeln und hält die Umgestaltung des Jahnplatzes für »Geldverschwendung ohne Ende«. »90 Prozent der Verkehrsteilnehmer hier sind keine Radfahrer. Glauben Sie, dass ich noch aufs Rad umsteige, um in die City zu kommen? Kein Thema.« Radfahrer, ergänzt er, brächten den Kaufleuten außerdem weniger Umsatz als Autofahrer. »Die Autofahrer werden jetzt auf kleine Straßen ausweichen. Dahin wird das Problem verlagert, und die Umweltbelastung gleich mit«, kritisiert er. Um sein Auto in der Innenstadt zu parken, musste er allerdings nicht über die Drehscheibe Jahnplatz: Es steht in einem Parkhaus an der Welle. Auch andere Parkhäuser sind von auswärts zu erreichen, ohne den Jahnplatz zu tangieren.

Ursula Koch (55) überquert den Jahnplatz am Freitag gleich mehrmals. Sie steuert den Mobiel-Bus der Linie 22 von Heepen nach Quelle. Das Verkehrsaufkommen sei gering gewesen. »Meine Kollegen und ich kommen mit den Änderungen gut klar. Das Einfädeln in die Spuren hat gut geklappt«, sagt die Busfahrerin. »Wir profitieren von der neuen Regelung.« So sei es für die Busse aufgrund des zusätzlichen Platzes auch leichter, die Haltestelle am Jahnplatz anzusteuern. Klar sei, dass man besonders die Radfahrer im Auge haben müsse, die die Umweltspur ebenfalls nutzen.

Erste Bilanz der Stadt

Ein Drittel der Radfahrer habe am Freitagmorgen die Umweltspur benutzt, die Mehrheit aber nach wie vor den Hochbord-Radweg, schätzt Stephanie Dietz, Abteilungsleiterin im Amt für Verkehr. Beide Varianten sind erlaubt. Einige Autofahrer seien irritiert gewesen, weil ihr »Navi« sie vom Jahnplatz aus in den Niederwall schicken wollte – was nicht mehr möglich ist. »Das waren aber vorwiegend auswärtige Autofahrer.«

Die Mehrheit der Fahrer habe sich an die Spur-Einteilung gehalten, sagt sie. Aber sobald ein Auto fälschlicherweise auf die Umweltspur fahre, »gibt es einen Mitzieheffekt: Dann folgen weitere Autos.«

Stephanie Dietz betont aber auch: »Es ist alles nur eine Momentaufnahme. Es sind schließlich Sommerferien.« So könne man nicht von einem »normalen Verkehrszustand« sprechen. Deswegen würden die eigentlichen Zählungen erst nach den Ferien beginnen. »Der Härtetest kommt noch.« Kameras zeichnen das Geschehen auf und zählen Autos und Radler, die die Umweltspur nutzen. Im November soll es einen ersten Bericht für die politischen Gremien geben. Sollte es keine gravierenden Mängel geben, könnte der Versuch bis zum Beginn des Jahnplatz-Umbaus im Jahr 2020 weiter laufen.

Kommentare

Machen diese Umbaumaßnahmen wirklich Sinn?

Um die Gesellschaft auf eine gesündere Lebensweise in Form von Fahrradfahren zu sensibilisieren finde ich die Idee toll. Jedoch im Hinblick auf die Einsparung der Emmissionen bin ich doch sehr gespannt. Durch die oben genannten "Umwege durch kleine Straßen" befürchte ich höhere Emmissionswerte als früher.
Vllt. werden die Messergebnisse ja wirklich das Gegenteil beweisen können und mich von der neuen Straßenführung überzeugen.
Stand jetzt sehe ich diese Umbaumaßnahmen eher skeptisch und nicht wirklich effektiv.

1 Kommentare

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