Di., 07.08.2018

Jedermann-Fahren in der Radrennbahn ist beliebt und wichtig für junge Rennfahrer Ohne Bremse in der Steilwand

Wie im Gänsemarsch: Hinter Klaus Vogt auf seinem Derny findet die lange Reihe der Fahrer Windschatten.

Wie im Gänsemarsch: Hinter Klaus Vogt auf seinem Derny findet die lange Reihe der Fahrer Windschatten. Foto: Michael Diekmann

Von Michael Diekmann

Bielefeld (WB). »Man erliegt der Faszination dieses Ovals schon nach ganz wenigen Runden«, gesteht André Bredenkopf (29), als er seinen linken Fuß, aus dem Pedal ausgeklickt, neben dem Rad wieder auf festem Boden abstellt. Für den Maschinenbau-Ingenieur war die erste Fahrt in der Radrennbahn einzigartig: »Ich komme das nächste Mal wieder.«

Am Abend des ersten Freitags in jedem Monat liegt eine ganz besondere Stimmung über dem Baudenkmal in den Heeper Fichten, das auch sechs Jahrzehnte nach einer Eröffnung für ultraschnelle Runden steht. Jetzt am Abend ist die Hitze des Tages verflogen, der Beton noch warm, spenden Bäume Schatten. Und überall herrscht geschäftiges Treiben, wird geschraubt und probiert.

Gregor Kleinepähler vom Förderverein Radrennbahn ist begeistert: »Mehr als 20 Interessierte sind gekommen zum Jedermann-Fahren, mit dem wir nicht nur die Fans der Rennradszene für das Thema Radrennbahn und diese Anlage interessieren möchten.« Tatsächlich sind unter den 20 Fahrern viele Neueinsteiger. So wie André Bredenkopf. Der hat seinen Ingenieurkollegen Arne Spruch (32) von Boge-Kompressoren mitgebracht. Die Klickpedale von den eigenen Rennrädern werden an die Bahnräder geschraubt, die sie vom Förderverein ausgeliehen haben. Wer selbst ein Bahnrad besitzt, kann das natürlich nehmen, erklärt Kleinepähler auf. Wichtig ist es, einen Helm mitzubringen und Handschuhe, um bei möglichen Stürzen die Handballen zu schonen auf dem rauen Beton.

333 Meter Betonoval

Im Innenhof der Bahn schraubt auch Meike Wocken (35). Vor zwei Jahren, erzählt die Triathletin, habe sie erste Runden gedreht: »Es war super.« Nach Babypause und Comeback im Sport will sie es jetzt wieder wissen. Mangels eigenem Rad bekommt sie einen 50 Jahre alten Stahlrenner der Marke Rickert. Eine halbe Stunde später bekommt Wocken im Innenbereich der Bahn prominente Starthilfe. Schrittmacher-Legende Christian Dippel, zugleich Vorsitzender des Fördervereins, gibt ihr mit einer Hand am Sattel Tipps zum Anfahren vom unteren Rand des 333 Meter Betonovals. Wocken erzählt von Geschwindkeitsrausch und der Erfahrung, mit dem Rad ohne Freilauf und ohne Bremse konzentriert und permanent tretend in 30 Minuten viel mehr Trainingseffekt zu erzielen als auf der Straße.

Jedermannfahren auf der Bahn ist keine Altersfrage. Einige Senioren sind gekommen, teils sogar mit eigenen Rädern. Die andere Fraktion ist jung und heiß auf schnelle Runden. So wie Linus Bakin (12) vom TSVE. Seit vier Jahren fährt er auf der Bahn. Man kann nicht rollen, muss immer treten, erzählt er in einer kleinen Pause, bevor es wieder ins Oval geht. Bakin besucht die siebte Klasse der Theodor-Heuss-Realschule, Bielefelds Sportschule in Sachen Radsport. Sein Trainer Klaus Vogt ist auch da. Der ist stolz auf den ersten Jahrgang des Projekts. Da wächst etwas heran, auch wenn in Bielefeld, einst Radsporthochburg, ein neues Pflänzchen gerade erst wieder gezüchtet und gepflegt wird, es an Sponsoren und an Möglichkeiten fehlt.

Die Bahn einmalig, der Lerneffekt groß

Die Sommerbahnmeisterschaft der Jugendlichen mittwochs ist gut besucht. Jeden möglichen Freitag nutzen die Jungs für weitere Kilometer in der Bahn. Wer das Lenken, Balancieren und Einschätzen von Lücken hier versteht, hat der Konkurrenz auf der Straße viel voraus, weiß Vogt. Bakin fährt mit Lizenz in der Klasse U15. Sein Freund Paul Kaminski (15) von der Realschule Senne fährt schon in der U17 mit Lizenz. Das quirlige Trio komplett macht am Freitag Colin Plich. Der Elfjährige mit dem professionellen Auftritt fährt auch so. Die Lizenz U13 hat der Knirps beim RSV Unna gezogen, dem Hausverein von Sprintstar Erik Zabel.

Zabels Draht zur Bielefelder Bahn und zum Verein RC Zugvogel kennt man. Colins Vater Jürgen Plich beobachtet die Runden seines Sohnes vom Rand aus. Das Training in Bielefeld sei super, sagt er, die Bahn einmalig, der Lerneffekt groß. Plich muss es wissen, gehört zur Talentsichtung in NRW. Die regelmäßigen Fahrten von Unna nach Bielefeld, sagt er, lohnten sich wirklich.

Nach einer Stunde allgemeinem Training setzt Klaus Vogt den Helm auf, zieht die Handschuhe an. Wenig später knattert das Zweitakter-Derny-Moped auf die Bahn, nimmt langsam Fahrt auf. Die Fahrer ordnen sich dahinter ein, wie bei einer Entenfamilie. Dichtes Fahren, Windschatten, Disziplin und Augenmaß über viele Runden wird geübt. Auch Neueinsteiger der Jedermann-Szene fädeln sich ein. Wer das beobachtet, versteht die Faszination der Radrennbahn. Wer in die Augen der Fahrer blickt, sieht nur glückliche Gesichter. Um 20 Uhr wird aufgeräumt. Die nächste Einladung steht. Am 7. September soll es noch einmal rund gehen, für jeden, der Lust hat, einen Helm und Pedale besitzt. Start ist um 18 Uhr.

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