Di., 07.08.2018

Staatsanwaltschaft klagt Amokläufer an, weil er einen Schwerverbrecher umbringen wollte Tötungsversuch unter Mördern

Wachtürme und hohe Mauern: So präsentiert sich die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede nach außen.

Wachtürme und hohe Mauern: So präsentiert sich die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede nach außen. Foto: Thomas F. Starke/Archiv

Von Jens Heinze

Bielefeld (WB). Es wird wohl einer der ungewöhnlichsten Strafprozesse, die je am Landgericht Bielefeld geführt worden sind. Die hiesige Staatsanwaltschaft hat einen Amokläufer, Dreifachmörder und Brandstifter (52) des versuchten Mordes an einem Schwerverbrecher (55) angeklagt. Tatort war der Hochsicherheitstrakt des Bielefelder Gefängnisses.

Der gebürtige Chinese soll beim Hofgang im geschlossenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede versucht haben, einen Mörder und Bankräuber (55) umzubringen. Der angegriffene Häftling, ein stämmiger Deutscher, wehrte die Attacke des körperlich unterlegenen Chinesen ab und erlitt dabei leichte Handverletzungen. Mutmaßliches Motiv für den Angriff: Ein Racheakt des 52-Jährigen, weil der 55-Jährige ihn vor Jahren in einem anderen Gefängnis an das Aufsichtspersonal verpfiffen haben soll.

Die Tat, die Staatsanwalt Christopher York in seiner Anklage zum Schwurgericht als versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung einstuft, ereignete sich vor fast eineinhalb Jahren. Bei einem Freistundengang im Hochsicherheitsbereich der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brackwede Ende Februar 2017 soll der Chinese versucht haben, dem Deutschen mit der Scherbe einer Tasse die Kehle aufzuschneiden.

Angriff wird gefilmt

Die von der Videoüberwachung der Haftanstalt dokumentierte Attacke endete für den Angreifer mit weiteren Sicherungsmaßnahmen. Nachdem der 55-Jährige den jüngeren Mann abgewehrt hatte, wurde dieser von Justizvollzugsbediensteten überwältigt und hinter Gittern abgeführt. Dann wurden die strikte Trennung von Mitgefangenen und Einzelhaft beziehungsweise Einzelhofstunde gegen den Chinesen verhängt, teilte seinerzeit die JVA-Führung auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Im Prozess gegen den angeklagten Yanqing T. will der rechtskräftig verurteilte Mörder und Bankräuber Fred W. als Nebenkläger auftreten. Rechtsanwalt Martin Lauppe-Assmann aus Düsseldorf, der die Interessen von W. vertritt, wirft der Justizverwaltung »Verantwortungslosigkeit« vor. Beide Häftlinge, für die wegen ihrer Gefährlichkeit besonders strenge Haft- und Sicherheitsbedingungen gelten, hätten nie zusammen in der Justizvollzugsanstalt Brackwede einsitzen dürfen, sagt der Rechtsanwalt.

»Auch der versuchte Mord an einem Mörder ist strafbar«, betont der Jurist. Lauppe-Assmann verweist auf ein Ereignis aus der JVA Düsseldorf, wo die beiden Mörder zuvor gemeinsam eingesessen hatten

Hinter Gittern in der Landeshauptstadt soll der Chinese vor etwa drei Jahren dem Deutschen mitgeteilt haben, dass er sich umbringen und zuvor einen oder mehrere JVA-Bedienstete per Halsbiss töten wolle. Das meldete Fred W. den Justizbediensteten. Gegen Yanqing T. wurden in Düsseldorf sofort zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet. Der 52-Jährige wurde Medienberichten zufolge im April 2015 in das hiesige Gefängnis verlegt. Knapp zwei Jahre später im Februar 2017 folgte Fred W. nach. Gleich beim ersten Hofgang im Hochsicherheitstrakt der JVA Brackwede kam es zum folgenschweren Aufeinandertreffen der beiden Häftlinge, das mit dem Mordversuch geendet haben soll.

»Verantwortungslos«

Den von Anwalt Lauppe-Assmann erhobenen Vorwurf einer »verantwortungslosen Panne« hatten die Leitungen der beiden betroffenen JVA Bielefeld und Düsseldorf bereits vergangenes Jahr nach Bekanntwerden des Mordversuchs zurückgewiesen. Hinweise auf einen Konflikt zwischen den beiden Häftlingen habe es nicht gegeben, hieß es aus der Landeshauptstadt. Auch in Bielefeld soll kein »konkreter Hinweis« vorgelegen haben, dass eine »Gefährdungslage« beim Aufeinandertreffen der Häftlinge besteht.

Dabei sprechen bereits die Taten der beiden rechtskräftig verurteilten Männer für sich. Beide kassierten lebenslange Haftstrafen mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, was eine vorzeitige Entlassung unmöglich macht.

Der jetzt in der JVA Schwerte einsitzende Yanqing T. wurde wegen eines Amoklaufes mit drei Toten, drei Mordversuchen sowie Brandstiftungen ins Gefängnis geschickt. Am 28. Februar 2014 richtete der aus China stammende Koch in zwei Rechtsanwaltskanzleien in Düsseldorf und der Nachbarstadt Erkrath Blutbäder an. Weil er sich bei mehreren Strafverfahren von den Juristen falsch beraten fühlte, tötete er eine Anwältin und einen Anwalt in Düsseldorf. In Erkrath erschoss der Mann eine Anwaltsgehilfin. Dann legte der mit einem Benzinkanister ausgerüstete 52-Jährige in beiden Kanzleien Feuer, um Spuren zu verwischen. Als T. sich dann an seiner Ex-Chefin im niederrheinischen Goch rächen wollte, wurde er von Zeugen überwältigt.

Akute Fluchtgefahr

Der vierfache Vater Fred W. beging in den 90er Jahren zunächst bewaffnete Banküberfälle. Nachdem er am 19. Mai 2008 einen Autohändler (27) in Krefeld umbrachte, wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem fordert die Justiz in Belgien nach wie vor seine Auslieferung, weil er dort am 30. November 2007 einen weiteren Autohändler umgebracht haben soll. Bei Fred W., der aktuell im Hochsicherheitstrakt der JVA Köln inhaftiert ist, besteht akute Fluchtgefahr. So soll der 55-Jährige im Jahr 2010 in der JVA Brackwede versucht haben, eine Geiselnahme anzuzetteln.

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