So., 19.08.2018

Viel Interesse an Veranstaltung auf dem Kesselbrink – mit Video Graffiti-Festival bringt Farbe in die Stadt

Franziska Beckmann (26) versucht sich an der Spraydose.

Franziska Beckmann (26) versucht sich an der Spraydose. Foto: Mike-Dennis Müller

Von Michael Schläger

Bielefeld (WB). Seit dem Wochenende ist Bielefeld ein Stück farbiger. Wall Writer, Wandmaler aus verschiedenen Nationen, haben rund um den Kesselbrink bisher eher triste Hausfassaden mit ihren Kunstwerken versehen. Ein »Kezzle Buntez« eben.

Nein, das ist kein Druckfehler. Die Verfremdung von Begriffen ist einer dieser Kunstgriffe, auf die die Graffiti-Szene gerne setzt. Die aus der Schmuddelecke der illegalen Sprayer herauszuholen, hat sich in Bielefeld der Verein »hoch2« vorgenommen. »Sieben Leute sind ein Verein. Wir sind gerade mal neun«, sagt Christian Müller, einer der Organisatoren der Aktion »3hoch2« auf und um Bielefelds zentralem Innenstadtplatz. Ein Jahr Vorbereitungszeit haben sie eingesetzt. Jetzt greifen Profis genauso zur Spraydose, dem Hauptarbeitsgeräte der Stadtkünstler, wie Anfänger.

Gamo (32) ist so ein Profi. Aus dem südfranzösischen Marseille ist er nach Bielefeld gekommen, um gegenüber vom »Kessel«, in einem Hof an der Friedrich-Verleger-Straße, sein Kunstwerk auf die Wand zu bringen. Gamo ist der »Tag«, das Signaturkürzel und gleichzeitig der Künstlername des Franzosen. »Cans«, Spraydosen, sind sein Gestaltungsmittel. Und eine Hebebühne, die er hin- und herbewegt, um sein Werk entstehen zu lassen. Diesmal ist seine Bildidee ein Alligator, auf dem offenkundig jemand reitet.

Gamo nimmt die Atemmaske ab, die davor schützt, all zu viele Aerosole einzuatmen. Der feine Nebel aus der Spraydose enthält Lösungsmittel, und die sind in hoher Konzentration nicht eben gesund. »Ich habe mir das Motiv vorher ausgedacht«, sagt er und zeigt einen kleinen Zettel, auf dem mit Bleistift das künftige Werk skizziert ist. Wie er daraus das Bild auf die große Fläche zu bringen vermag, das macht ihn zu einem Meister der Urban Art, der modernen Stadtkunst.

Gar nicht so leicht

Ada (5) tut sich da noch etwas schwerer. Sie steht an einer der Tafeln, die »hoch2« auf dem Kesselbrink aufgebaut hat und wo jedermann sich einmal als Graffiti-Sprayer ausprobieren kann. Aber die Farbe ist gar nicht so leicht aus der »Can« zu bekommen, weil man ganz schön kräftig auf die »Cap«, das Sprühventil, drücken muss. Die Graffiti-Szene hat ihre Ursprünge in den USA. Entsprechend amerikanisch ist das Vokabular. Mit Hilfe von Mutter Ina klappt es schließlich auch bei Ada mit dem Sprühstoß, und sie schaut zufrieden auf ihr Werk.

Eine Wand weiter sprayt Jee. Auch der 35-Jähriger lässt es lieber bei seinem Tag. Seinen richtigen Namen will er nicht sagen. Er ist so etwas wie ein Halbprofi. Der Bielefelder ist Verfahrensmechaniker im Hauptberuf und sprüht, seit er 15 ist. »Ich mag nichts Nachgemachtes. Ich bilde nicht ab, was meine Hand nicht selbst macht«, sagt er. Von Schablonen und Vorlagen, die manche nutzen, hält er wenig. Jee betrachtet sein Wandgemälde, das einen Mann mit Schnurrbart zeigt, der an den amerikanischen Wrestler Hulk Hogan erinnert. »Unter 15 Dosen geht bei so einem Bild nichts«, sagt Jee. Jede einzelne kostet zwischen drei und vier Euro.

Von Bielefeld Marketing ausgewählt

900 Spraydosen hat der Verein »hoch2« für sein Graffiti-Fest organisiert. Bis zu sechs kann jeder, der sich einmal ausprobieren will, für sein Kunstwerk bekommen. Sponsoren haben das möglich gemacht. Denn die Veranstaltung »3hoch2« ist eine von drei Siegerprojekten von »Deine Fanaktion für Bielefeld«. Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte Bielefeld Marketing den Projektwettbewerb ins Leben gerufen. »Hoch2« wurde ausgewählt. Christian Müller (Tag »Himbaer«) ist froh, dass das geklappt hat. Aber eines hat noch nicht geklappt: dass die Stadt den Graffiti-Künstlern freie Flächen zur Verfügung stellt. »Andernorts ist das üblich«, sagt er. In Bielefeld müsse man mühsam private Hausbesitzer von den Ideen überzeugen. Aber vielleicht hat ja der »Kezzle Buntez« auch die Verantwortlichen im Rathaus überzeugt.

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