So., 26.08.2018

Warum Baustellen manchmal so langwierig sind »Gemengelagen« unter der Erde

Im Hortweg: Ein Querverbau stabilisiert die Stützwände, quer durch die Baugrube läuft die Frischwasserleitung. Darunter liegt noch eine Gasleitung.

Im Hortweg: Ein Querverbau stabilisiert die Stützwände, quer durch die Baugrube läuft die Frischwasserleitung. Darunter liegt noch eine Gasleitung. Foto: Mike-Dennis Müller

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). »Hier scheint ja gar nichts voranzugehen.« – »Arbeitet hier überhaupt jemand?« – »Gerade war die Straße wieder fertig, und jetzt wird sie schon wieder aufgerissen.« – »Werden die Baustellen eigentlich gar nicht koordiniert?« Michael Haver kennt Fragen wie diese.

Im Freundeskreis muss der Bauingenieur, der im Umweltbetrieb für Planen und Bauen von Abwasseranlagen zuständig ist, häufig erklären, warum und wieso. Was alles zu berücksichtigen ist, wenn die Kanalbauer des Umweltbetriebes ans Werk gehen und Straßen aufreißen lassen müssen, erklärt er an der aktuellen Baustelle Am Großen Feld/Hortweg/Eggeweg. Die ist nicht gerade klein, aber die »Gemengelage«, mit der Haver und Kollegen zu tun haben, ist oft ähnlich. Selbst bei kleinen Baustellen

Zunächst einmal aber betonen er und sein Kollege Klaus Schultz: »Wir sind stolz auf unsere Arbeit. Auch wenn unser Erfolg unterirdisch ist.« Womit er meint, dass die Ergebnisse eben kaum vorzuzeigen sind, weil verbuddelt. Mit welcher Komplexität die Kanalbauer zu kämpfen haben, was sie alles berücksichtigen müssen, erschließt sich deswegen dem Laien auch kaum. Genauso wenig wie die Probleme, die unter der Erde liegen.

100 Jahre alte Kanäle

»Das beginnt damit, dass die Kanalisation und manche Leitungen älter als 100 Jahre sind«, sagt Haver. Sie sind also schlicht irgendwann »fällig« und oft auch nicht so dimensioniert, wie es heute nötig ist. Wenn der Umweltbetrieb ein solches Problem angeht, verlangt das Abstimmungen: mit den Stadtwerken, mit der Telekom, mit dem Amt für Verkehr. Schließlich liegen im Untergrund nicht nur Frisch- und Abwasserleitungen, sondern auch Stromkabel oder Gasleitungen.

Um die herum muss gearbeitet werden, schließlich können die Anschlüsse der Anwohner nicht einfach gekappt werden. Baustelle vor der Tür hin oder her, das Leben geht weiter. Zuweilen aber werden Zuleitungen provisorisch umgelegt – was dann aber gegebenenfalls etwa Stadtwerke oder Telekom übernehmen müssen.

»Zwischenlösungen«

»Um Beeinträchtigungen so gering wie nötig zu halten, arbeiten wir viel mit Zwischenlösungen«, erklärt Haver. Dann wird den Anwohnern zuliebe eine Straße unter Umständen provisorisch geschottert oder wird eine »Schwarzdecke« aufgebracht, auch wenn feststeht, dass die Baugrube hinterher noch einmal geöffnet werden muss. »Klar, dass die Leute denken: Die machen auf und wieder zu.«

Tatsächlich aber, erklärt Haver, soll das »Baustellenfenster« so klein wie möglich gehalten werden, damit zum Beispiel die Müllabfuhr gewährleistet ist oder im Notfall Feuerwehr und Rettungswagen so nahe wie möglich an ihren Einsatzort kommen.

Im Hortweg arbeitet sich das beauftragte Unternehmen, die Strabag aus Lemgo, nach und nach Richtung Eggeweg vor. Hier müssen tief unter der Erde Wasserrohre mit »Tausender Durchmesser«, also einem Meter, verlegt werden. Stahlplatten stabilisieren die Baugrube beiderseits, damit sie bei Regen nicht einbricht, was sogar die Standsicherheit der Häuser beeinträchtigen könnte. Querverbindungen wiederum halten die Stahlplatten auf Abstand. Dazwischen: blaue­ Frischwasserrohre, eine Gasleitung und Abwasserrohre, die zu den einzelnen Häusern führen.

Unwägbarkeiten

Große Überraschungen gab es hier aber bislang nicht. Dass sie auf Felsen stoßen würden und eine Fräse würden einsetzen müssen, wussten die Kanalbauer vorher. »Vieles ist ja dokumentiert. Aber es gibt immer wieder Unvorhergesehenes: Leitungen, die nirgends verzeichnet sind oder auch Kampfmittel«, sagt Schultz.

Er und Haver müssen immer wieder verschiedene Unternehmen koordinieren: »Nicht alle dürfen alles; außerdem ist die Geschwindigkeit der einzelnen Gewerke unterschiedlich.« Manche Arbeiten sind auch abhängig von der Jahreszeit: Fernwärmeleitungen werden, logisch, nur im Sommer ausgetauscht. Und Tiefbauarbeiten im Winter sind ohnehin nicht leicht zu planen. »Wir kalkulieren Verzögerungen ein, können sie aber nur schätzen.«

Zuweilen auch muss eine Baustelle ruhen: weil ein Werkstoff abbinden muss, weil es genau dafür zu kalt (oder, seltener, zu heiß ist) oder weil ein Baustoff nicht nass werden darf. »Unsere letzten Projekte haben aber alle funktioniert. Wir sind immer im Zeitplan geblieben«, betonen Haver und Schultz – und das trotz mancher Beschwernis und mancher Unwägbarkeit.

Dienstleistung Kanalbau

Ansonsten gilt: Die Kanalbauer sind quasi Dienstleister. Sie setzen politische Beschlüsse um oder reagieren auf einen akuten Bedarf. Damit sie nicht zu oft kalt erwischt werden, werden die unterirdischen Rohre regelmäßig mit Kameras befahren, um den Zeitpunkt des Eingreifens nicht zu verpassen. Manchmal auch werden sie aktiv, weil die Straßenbauer ohnehin ans Werk gehen. Wenn man schon einmal dabei ist...

Die beauftragten Unternehmen werden nach einem Leistungsverzeichnis bezahlt: Es enthält Positionen für jedwede Arbeit mit Einheitspreisen. Eine Baustelle hinauszuzögern, lohnt sich also nicht. Umgekehrt finanzielle Anreize zu setzen, damit es schneller geht, habe sich nicht bewährt, sagt Haver. Grundsätzlich werden zudem alle Bauvorhaben öffentlich ausgeschrieben: bei Kostenjenseits der fünf Millionen Euro europaweit, darunter bundesweit. Der günstigste Anbieter bekommt den Zuschlag, es sei denn, man hat ihn bereits als unzuverlässig erlebt.

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