So., 09.09.2018

Was Axel Petermann zu den Pausenborten von Schloß Holte-Stukenbrock meint Der Profiler und die giftigen Brote

Axel Petermann.

Axel Petermann. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Schloß Holte-Stukenbrock/Bielefeld (WB). »Mit Gift zu töten ist eigentlich die Domäne von Frauen, die sich damit gegen ihre Partner zur Wehr setzen wollen«, sagt Deutschlands bekanntester Profiler Axel Petermann. Dass es sich im Fall der vergifteten Pausenbrote in Schloß Holte-Stukenbrock um einen Mann als mutmaßlichen Täter handelt, wundert ihn.

Wer begeht ein solches Verbrechen? Und warum? Auf diese Fragen versucht der 65-jährige Fallanalytiker eine Antwort zu finden. Sollte der auf Video dokumentierte Giftanschlag auf einen Arbeitskollegen zum Tod führen? Oder wollte der mutmaßliche Täter Klaus O. ihm – warum auch immer – »nur« einen folgenschweren Denkzettel verpassen? Wollte er die Macht spüren, die er über Arbeitskollegen hatte, die nicht ahnten, dass sie vergiftete Brote aßen?

Das Misstrauen der Ermittler ist gewachsen, denn es könnte sein, dass jahrelang ein Giftmischer in dem Unternehmen unterwegs war. 21 Todesfälle von Mitarbeitern der Armaturenfabrik Ari werden neu aufgerollt. Exhumierungen sind geplant.

Verantwortlich auch für schwere Erkrankungen

Nach Informationen dieser Zeitung soll schon bald Anklage wegen des Verdachts des versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung in drei Fällen gegen den 56-Jährigen, der beharrlich schweigt und in Untersuchungshaft sitzt, erhoben werden. Anscheinend ist die Mordkommission davon überzeugt, dass Klaus O. für zwei schwere Erkrankungen in der Firma ebenfalls verantwortlich ist: Bei einem 24-jährigen Mann, der seit mehr als zwei Jahren im Koma liegt, und bei einem Dialysepatienten hat sich bereits der Verdacht auf Schwermetallvergiftungen konkretisiert.

Auf der Suche nach dem Motiv hat Axel Petermann mehrere Theorien. Der Profiler vermutet, dass ein schwerwiegendes Ereignis im Leben von Klaus O. in ihm »etwas ausgelöst« haben könnte. »Der Mann war 38 Jahre in dieser Firma beschäftigt. Er galt als Einzelgänger mit wenig sozialen Kontakten. Vielleicht gab es Anfeindungen oder zu wenig Anerkennung in seinem Job? Das alles könnte ihn so sehr verletzt haben, dass er Rachegefühle entwickelt hat.« Petermann stellt sich vor allem die Frage, welche Vorteile er durch die Giftanschläge haben könnte? »Wollte er Kollegen aus dem Weg räumen, die ihm nicht passten?«

Feige und heimtückisch vorgegangen

Er müsse sich über einen längeren Zeitraum mit Giften beschäftigt haben. In seiner Fantasie könnte dann die Idee entstanden sein, ahnungslose Menschen damit großen Schaden zuzufügen. Dabei sei er, wenn er es denn war, feige und heimtückisch vorgegangen. Petermann: »Er musste planen und konnte sich ausmalen, wie sich die Vergifteten fühlen. Er hat sie in hilflose Situationen versetzt, denn der Tod oder die Erkrankung treten nicht sofort ein, sondern das ist eine schleichende Geschichte.« Wie ist er zum Beispiel an Bleiacetat gelangt? »Da fällt mir die einfachste Variante ein: Man zerstört alte Thermometer«, sagt der Profiler.

Dass die Ehefrau von Klaus O. nicht mit der Polizei spreche und sich wenig kooperativ zeige, dafür hat Axel Petermann Verständnis. »Warum sollte sie das tun? Warum sollte sie ihren Ehemann belasten? Nicht umsonst hat der Gesetzgeber das Aussageverweigerungsrecht geschaffen.« Es könne aber auch sein, dass sie gar nichts gewusst habe, oder dass sie eingeschüchtert worden sei und sich deshalb selbst nicht belasten wolle. Schließlich sei Klaus O. ein Eigenbrötler gewesen, der seine Geheimnisse gehabt habe. »Vielleicht durfte sie die Räume, in denen die Kripo später hochgiftige Substanzen entdeckt hatte, gar nicht betreten.«

Giftmorde zumeinst im medizinischen Bereich

Schon in der Antike sei Gift eine beliebte Mordwaffe gewesen. Einst waren es meist pflanzliche Extrakte, die zur Vergiftung verwendet wurden. Die heute weltbekannten Gifte wie Arsen, Zyankali, P0lonium, E605 oder Thallium hätten die Pflanzenextrakte abgelöst. »Die modernen Methoden der forensischen Analytik sind immer besser und exakter geworden. Die Toxikologen können diese Gifte teils noch Jahre später im Körper nachweisen. Selbst aus der Asche, wenn eine Leiche verbrannt worden ist, kann man beispielsweise Arsen herausfiltern«, erklärt Petermann, der 25 Jahre lang die Bremer Mordkommission geleitet hat.

Heutzutage fänden weniger Morde mit klassischen Giften statt. »Die aufsehenerregendsten Giftmorde dieser Zeit findet man meist im medizinischen Pflegebereich.« So auch im Fall des Serienmörders Niels H. aus Niedersachsen. Der Krankenpfleger hatte während seiner Tätigkeit an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg zahlreiche Patienten mit überdosierten Medikamenten ermordet. Rund 30 Tötungen und 60 Mordversuche hat er bereits zugegeben, die Polizei vermutet, dass es weit mehr waren. Im Fall des vergifteten Pausenbrotes in Schloß Holte-Stukenbrock rechnet Petermann fest mit Exhumierungen. »Das muss man schon tun, um Taten auszuschließen.«

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