Di., 18.09.2018

Disziplinarermittlungen gegen Bielefelder Streifenbeamten Streit um privates Polizeitraining

Trainingsvorbesprechung: Christian Hjort (rechts, mit einer geliehenen Polizeischutzweste) mit Polizistinnen und Polizisten beim Privatunterricht.

Trainingsvorbesprechung: Christian Hjort (rechts, mit einer geliehenen Polizeischutzweste) mit Polizistinnen und Polizisten beim Privatunterricht.

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). In einer Essener Shisha-Bar soll eine Streifenpolizistin am 7. September von Libanesen geschlagen, in den Unterleib getreten und gewürgt worden sein. Jetzt diskutieren Polizisten in ihren WhatsApp-Gruppen, ob ihr Einsatztraining noch zeitgemäß ist – oder ob sie sich nicht auf eigene Kosten von privaten Trainern schulen lassen sollen.

Einsatztrainer Christian Hjort.

Einen Erlass des Innenministers, der Polizisten private Trainingseinheiten verbietet, gibt es nicht. Trotzdem ist der Polizeiführung das private Engagement ein Dorn im Auge – möglicherweise, weil es das offizielle Training in Frage stellt. In Bielefeld etwa führt Polizeipräsidentin Katharina Giere seit einiger Zeit ein Disziplinarverfahren gegen einen Polizisten, der sich zusammen mit anderen Beamten im Alpha-Sports-Club Bielefeld weitergebildet hatte. Inhaber Christian Hjort: »Wir trainieren das Verhalten in Situationen, die Streifenbeamte jeden Tag erleben.«

Ein Szenario: Zwei Polizisten und ein betrunkenes Ehepaar stehen in einem engen Wohnungsflur. Plötzlich zieht der Mann ein Messer, Platz zum Zurückweichen gibt es nicht. »Ich erlebe, dass viele Beamte in solchen Situationen überfordert sind, und sie sagen das auch. Oft behindern sie sich gegenseitig, und es kommt zu einer völlig unkoordinierten Schlägerei«, sagt Hjort.

Dank für Anti-Messer-Seminar

Die Kurse des Bielefelder Kampfsportlers, der einige Semester Wirtschaft und Jura studiert hat, scheinen anerkannt. In einem längeren Schreiben der Berliner Polizei wird Hjort für die Vermittlung »einfach zu erlernender, effektiver Techniken« zur Festnahme und Selbstverteidigung gedankt. In einem anderen Brief lobt ein Polizist einer Einsatzhundertschaft »das hervorragende Anti-Messer-Seminar«. Und ein Personenschutz-Kommandoführer der Vereinten Nationen stellt die »hervorragende Didaktik« des »realitätsnahen Trainings« heraus.

Etwa 150 Polizisten aus mehreren Bundesländern unterrichte er pro Jahr, sagt Hjort. 59 Euro pro Monat verlangt er von Polizisten für seine wöchentlichen Kurse.

Die Kurse könnten nun für einen Teilnehmer berufliche Konsequenzen haben: Mit Sturmhauben maskiert schilderten Polizisten im Januar in einem RTL-Beitrag, warum sie sich bei Christian Hjort weiterbilden. Das passte der Polizeipräsidentin nicht.

Der Versuch der Polizeiführung, sich das Video von RTL zu besorgen, um Polizisten anhand ihrer Augen zu identifizieren, soll misslungen sein. Daraufhin wurden leitende Beamte aufgefordert, sich ein Werbevideo von der Homepage Christian Hjorts anzusehen. In dem Clip sind maskiert trainierende Polizisten zu sehen und Stimmen von Polizisten zu hören, die erklären, warum sie privat trainieren.

Stimme im Video erkannt

Ein Dienstgruppenleiter der Bielefelder Polizei erkannte eine Stimme und meldete das. Die Behörde will dem Streifenbeamten nicht nur seine Worte in dem Film zur Last legen. Sie versuchte auch zu klären, ob er einer der im Film Trainierenden ist. Im Polizeipräsidium wird erzählt, die Vernehmungsbeamtin habe den Polizisten unter Druck gesetzt, eine aktive Rolle zu gestehen. Angeblich soll sie ihm gedroht haben, das Video vom Bundeskriminalamt untersuchen zu lassen, um ihn anhand körperlicher Merkmale zu identifizieren.

»Seit diese Ermittlungen laufen, kommt kein Bielefelder Polizist mehr in meine Kurse«, sagt Christian Hjort. »Die haben Angst um ihre Jobs.« Dabei sind die Vorwürfe, die dem Polizisten gemacht werden, vergleichsweise banal. Sonja Rehmert, Sprecherin im Polizeipräsidium: »Ein Einsatztraining unter Verwendung polizeilicher Ausrüstungsgegenstände (Anm.: z.B. die Uniform) außerhalb des Dienstes und die Mitwirkung an einem Werbevideo ohne Zustimmung der Behördenleiterin können Pflichtverletzungen sein.«

Zuständig für das Einsatztraining von Polizisten ist das Landesamt für Aus- und Fortbildung der Polizei (LAFP) in Selm. Das Amt lehnt private Kurse ab, sofern die Teilnehmer dort ihre bisherigen, dienstlichen erlernten Einsatzgriffe offenbaren. Das tun sie aber zwangsläufig, wenn sie sich, zum Beispiel bei einem Messerabwehrseminar, zur Wehr setzen.

Hartes Vorgehen der Polizeipräsidentin

Polizeipräsidentin Dr. Katharina Giere.

Beim Landesamt hält man die staatliche Ausbildung von Polizisten für ausreichend. Das LAFP schult Trainer, die ihr Wissen in den Behörden vor Ort weitergeben. Sprecher Victor Ocansey sagt, Polizisten würden in ihrer Ausbildung 500 Stunden in Waffengebrauch und Einsatztechniken geschult und später regelmäßig weitergebildet. »Die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass alle Polizisten nach gleichen, professionellen, verhältnismäßigen und rechtlich anerkannten Standards einschreiten.«

Nach gleichen Standards agieren Polizisten allerdings ohnehin nicht. Der Polizeisportverein Bielefeld bietet zum Beispiel für jedermann, aber eben auch für Polizisten, Unterricht in sieben Kampfsportarten an – darunter Wing Tsun, die Technik der Spezialeinheiten in NRW. »Kein Streifenpolizist, der angegriffen wird, wird das nicht benutzen, nur weil es nicht Teil seiner offiziellen Ausbildung ist«, sagt ein Beamter aus Herford, der in einer privaten Kampfsportschule trainiert.

Das harte Vorgehen der Bielefelder Polizeipräsidentin Giere irritiert Teile der Mitarbeiterschaft auch deshalb, weil jahrelang ein privater Kampfsportler Beamte der Bielefelder Spezialeinheiten geschult hat. »Ich bin 13 Jahre lang vom Polizeipräsidium Bielefeld dafür bezahlt worden, Polizisten Wing Tsun beizubringen«, sagt Thomas Reuter. Der Vertrag sei 2013 ausgelaufen. Polizisten trainiere er aber weiter – privat.

Kommentare

Typisch deutsche Behörden

Frau Giere schämen Sie sich und treten Sie zurück! Interne Ermittlungsarbeiten gegen Polizisten, die sich privat weiterschulen wollen. Wo leben wir eigentlich?
Die Polizisten in diesem Lande leisten einen tadellosen und harten Job jeden Tag. Die Rückendeckung aus der Politik hat die Polizei schon lange verloren. Wie wäre es denn mit Einführung von Tasern? Solche Situation wie in der Shisha Bar würden sich dann nicht mehr ergeben.

Mein Tipp: Gehen Sie doch mal eine Woche mit den Kollegen auf Streife vlt. kommen Sie dann von Ihrem hohen Ross runter.
Werfen Sie doch mal einen Blick nach Israel, die dortingen Methoden würden Deutschland sicherer machen.

Komisch

Andere Arbeitgeber sehen es sehr positiv, wenn sich Mitarbeiter außerhalb der Dienst- bzw. Arbeitszeit mit eigenen Mitteln fortbilden. Gilt bei den Landesbehörden und Kommunalbehörden : " Es kann nicht sein, was nicht sein darf?" Wohlmöglich passen diese Maßnahmen nicht zu den veröffentlichen Statistiken ? Komisch,
komisch, komisch.....

2 Kommentare

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