Mo., 26.11.2018

Sperberstraße: Zwischennutzung des Bundeseigentums gegen Wohnungsnot gefordert »Dieser Leerstand ist eine Schande«

Zeigen trotz Kälte und Regen Flagge: Etwa 100 Teilnehmer konnte Christian Presch (Zweiter von links) von der Initiative BISS zu der Demonstration an den Konversionsgebäuden in der Sperberstraße in Sieker begrüßen.

Zeigen trotz Kälte und Regen Flagge: Etwa 100 Teilnehmer konnte Christian Presch (Zweiter von links) von der Initiative BISS zu der Demonstration an den Konversionsgebäuden in der Sperberstraße in Sieker begrüßen. Foto: M.-D. Müller

Von Michael Diekmann

Bielefeld (WB). »Wir haben uns von Anfang an für eine Zwischennutzung stark gemacht«, sagt Christian Presch. Bei der Demonstration vor Häusern der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) an der Sperberstraße hat die Initiative BISS wichtige Fürsprecher: Dr. Martin Reker (Gilead IV) und der Mieterbund unterstützen die Aktion.

»Wenn man von Wohnungslosen spricht, sind das nicht immer gleich Menschen, die unter Brücken schlafen«, sagt Dr. Martin Reker. Der Leitende Arzt für Suchtkranke in der Psychiatrie in Bethel macht aber deutlich, dass eine Wohnung der einzige Schlüssel ist, damit ehemalige Patienten nach der Entgiftung tatsächlich ihr Leben ändern und einen Neustart schaffen. Dass wegen des akuten Wohnraummangels viele Betroffene zurück müssen in Gemeinschaftsunterkünfte im Milieu, ist laut Reker der erste Schritt zum Rückfall.

Der Leerstand der kleinen Reihenhäuser an der Sperberstraße in Sieker beschäftigt die Bielefelder Initiative für sozialökologische Stadtentwicklung (BISS) seit Jahren. Christian Presch hat sie 2014 gegründet. Er hat auch am Samstag die Demo an den Häusern organisiert, die seit zwei Jahren leer sind. Es sind erst 68 von 468 Wohnungen in der Stadt freigezogen von den britischen Nutzern. Seit zwei Jahren kämpft die BISS, Mitglied am Bielefelder Runden Tisch Konversion, für eine Nutzung angesichts der riesigen Notlage vieler Menschen.

Bis vor wenigen Tagen sind die Verhandlungen über die Sperberstraße zwischen dem Eigentümer, der bundeseigenen Agentur Bima ,und der Stadt, kaum vorangekommen. Bis zu sechs Millionen Euro soll der Bund gefordert haben, die Stadt kann nicht zahlen. Es soll inzwischen eine Summe geben, die beide Seiten akzeptieren. Man spricht von 1,6 Millionen Euro. Der Leerstand bleibt. Was Presch ärgert: »Hier haben Briten gut gewohnt. Das könnten Deutsche auch. Dieser Leerstand ist eine Schande.« Tatsächlich haben die Häuser Küchen, neue Fenster und Türen, teils sogar neue Gasheizungen. Angeblichen Asbest am Schornstein lassen die Demonstranten nicht gelten als Gegenargument.

Die Ohnmacht der Menschen, die einfach auf eine Notlage aufmerksam machen, bestärkt der Auftritt der Sicherheitsleute in Schwarz, die der Eigentümer aufgeboten hat, die Fotos von der Szenerie machen. Vertreter der Bima sind nicht da. Oberbürgermeister Pit Clausen, sagt Presch, war eingeladen, kam aber nicht.

Sozialdezernent Ingo Nürnberger hat laut Ralf Brodda (Mieterbund) gesagt, der Druck der Straße auf das Rathaus sei noch nicht stark genug, um eine Zwischennutzung zu erwägen. Was die Initiative besonders ärgert: Nach eigenen Angaben hat die Bima die Häuser zuerst Stadt und Studentenwerkzur Zwischennutzung angeboten. Beide haben abgelehnt. Presch kämpft weiter: »Die Not ist riesig. Es geht um Geflüchtete, Frauen nach häuslicher Gewalt, Menschen in persönlicher Notlage. Es geht um ganz einfache Hilfe.«

Mieterbund OWL: »Bielefeld hat Wohnungsnot«

Der Leerstand ist für Ralf Brodda absolut unverständlich. »Bielefeld hat Wohnungsnot«, sagt der Geschäftsführer des Mieterbundes OWL. Als Leerstandsquote nennt er 0,3 Prozent. Die 500 von 170.000 Wohnungen in der Stadt lässt keinerlei Chancen, zumal darin auch die für Sanierung und Renovierung enthaltenen Objekte sowie die Leerstände der Britenwohnungen enthalten sind. Damit Wohnungswirtschaft funktioniert, benötigt der Markt etwa vier Prozent Leerstand permanent.

Brodda spart nicht mit Kritik daran, dass in den vergangenen Jahren fast nur für Menschen mit hohen Einkommen gebaut worden sei. Brodda: »Die Not ist deutlich spürbar.« Etwa 3000 Menschen brauchen sofort eine Bleibe, sind aktuell auf Suche und bei der Stadt gemeldet. Dazu kommen noch frei Suchende. Brodda: »Preistreiber wie die LEG verschärfen die Sache noch.« Mieten steigen stetig, werden gezahlt in der Angst, im Falle eines Wohnungsverlustes keine neue Bleibe zu finden. Dass die Häuser an der Sperberstraße laut Studentenausschuss Asta für Studierende zu weit weg seien von der Uni, hält Brodda für absoluten Unsinn: »Die Stadtbahn hält an der Ecke.«

Laut Mieterbund spricht auch nichts gegen eine befristete Zwischennutzung der Häuser, bis ein Konzept vorliegt in mindestens zwei Jahren. Brodda: »Das Gesetz sieht Befristungen vor.« Dass es geht, sieht man an der Kölner Straße in Brackwede. Hier lässt man Wohneinheiten von Bedürftigen als »Housekeeper« nutzen.

 

 

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