So., 02.12.2018

Vortrag zur »Bielefelder Erklärung«: Wie Menschen an den rechten Rand geraten Im Dialog gegen Extremismus

Die Initiatorinnen der »Bielefelder Erklärung«: Jutta Küster (von links), Ricarda Osthus, Angelika Gemkow und Karin Schrader.

Die Initiatorinnen der »Bielefelder Erklärung«: Jutta Küster (von links), Ricarda Osthus, Angelika Gemkow und Karin Schrader. Foto: Bernhard Pierel

Von Hans-Heinrich Sellmann

Bielefeld (WB). Die Unterzeichner der »Bielefelder Erklärung« haben versichert, »entschieden gegen Extremismus von rechts und links« einzutreten. Aber wie und warum driftet ein Mensch in den Extremismus ab?

Die Organisatorinnen der »Bielefelder Erklärung« , Angelika Gemkow, Ricarda Osthus, Karin Schrader und Jutta Küster, hatten unter anderem zur Beantwortung dieser Frage die Unterzeichner zu einer Vortragsveranstaltung in die Stadtwerke-Kantine eingeladen. Gekommen war Lukas Schneider, der sich in dem westfälischen Verein für offensive Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus »Back up – come back« für Ausstiegsmöglichkeiten aus der rechten Szene einsetzt, aber in erster Linie daran arbeitet, wie der Einstieg vermieden werden kann.

15 bis 20 Prozent der Deutschen stimmen rechtsextremen Aussagen zu

15 bis 20 Prozent der Deutschen seien bereit, rechtsextremen Aussagen zuzustimmen. Auf dieser Annahme beruhen Schneiders Analysen. Er fragt, warum das so ist und warum es diversen Gruppierungen immer häufiger gelingt, dieses Potential abzurufen und Menschen für ihre Zwecke zu mobilisieren.

Ein grundsätzliches Problem sieht Schneider im politischen Klima: »Politik polarisiert. Der Austausch von Argumenten tritt immer mehr in den Hintergrund.« Anstelle eines notwendigen Dialogs, durchaus auch über Positionen, »die uns nicht gefallen«, würden nur noch (teils extreme) Standpunkte vertreten.

»Solange wir nicht in der Lage sind, gemeinsam sachlich zu diskutieren, werden Menschen andere Menschen für extreme Positionen gewinnen können«, sagt Schneider, der bei Einsteigern in die Szene stets ein Anerkennungsdefizit in Verbindung mit einer aggressiven Grundhaltung ausmacht.

Nützliche Akteure

Einigen reiche es, Teil einer großen gesellschaftlichen Gruppe zu sein, in der sie ihre Aggression ausleben können. Andere sind in der Lage, diese zu kanalisieren. Sie gelten als nützliche Akteure, schließen sich in einem sozialen Rahmen, wie einem Problem-Stadtteil, willig einer dort präsenten Gruppe an – auch ohne zunächst deren Ansichten zu teilen. Nochmals andere wiederum vermeiden körperliche Auseinandersetzungen. Schneider: »Sie finden in sozialen Medien ihr Ventil und bekommen dort Bestätigung.«

Problematisch seien inzwischen die Elternhäuser. Wer bereits in einem rechtsextremen Haushalt aufwachse, erfahre dort durchaus Anerkennung – und zwar von Kindesbeinen an für abscheuliche Parolen. »Je mehr Stimmen Parteien am rechten Rand bekommen, desto mehr werden sie bestätigt, dass ihre Meinung in der Gesellschaft ernsthaft diskutiert wird.« Für diese Menschen werde ein Ausstieg immer unattraktiver, wenn sie das Gefühl erhielten, nicht einer sozialen Randgruppe anzugehören, sondern gesellschaftliche Akzeptanz erfahren.

Wie gelingt ein Entgegenwirken?

Aber wie könnte ein Entgegenwirken gerade im Alltag gelingen? Wenn junge Leute beispielsweise am Arbeitsplatz auffallen, ist nach Schneiders Auffassung ein offener Austausch unerlässlich, von Gesprächen bis zum Anbieten von (auch professioneller) Hilfe. Werde eine Kita-Erzieherin mit Neonazi-Eltern konfrontiert, müsse diesen deutlich gemacht werden, dass deren Ansichten Fehl am Platze seien. Dieses Kind dürfe keineswegs ausgeschlossen werden, weil die Kita der einzige Ort sei, wo es noch mit anderen Einflüssen in Kontakt komme. Schneider: »Nazis schicken ihre Kinder noch in Kitas. Salafisten tun das nicht mehr.«

Neben der Dialogbereitschaft und der Fähigkeit, auch mehr als unbequeme Positionen auszuhalten, sei heutzutage eine klare Haltung zur Demokratie gefordert. Und deshalb unterstützt Schneider die »Bielefelder Erklärung«: »Ich hoffe, dass in Bielefeld nicht eines Tages solche Zustände herrschen wie in einzelnen Dortmunder Stadtteilen.«

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