Di., 11.12.2018

Bielefelder Karsten Karras ist seit 28 Jahren HIV-positiv »Ich hatte mein Ende vor Augen«

Karsten Karras hat den Mut, von sich zu erzählen – er möchte mit Vorurteilen und Ängsten aufräumen.

Karsten Karras hat den Mut, von sich zu erzählen – er möchte mit Vorurteilen und Ängsten aufräumen. Foto: Mike-Dennis Müller

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Vor 28 Jahren hat Karsten Karras erfahren, dass er HIV-positiv, also mit dem Aids-Virus infiziert ist. »Damals bin ich bald in Ohnmacht gefallen und habe mein Ende vor Augen gehabt.« Sozusagen wider Erwarten lebt er noch. Aber die Krankheit hat für ihn Folgen: gesundheitlich und sozial.

»Ende der 80er Jahre wusste man schon von Aids, aber jeder dachte, dass das eher ein amerikanisches Problem sei und in Deutschland, wenn überhaupt, nur in Großstädten auftreten würde«, erzählt der 53-Jährige. Und HIV-Infizierte, war seine Vorstellung, könne man sofort an ihrem elenden, ausgemergelten Zustand erkennen.

Das war ein Irrtum. Karras hat sich durch ungeschützten Sex bei seinem damaligen Freund angesteckt. Beide waren negativ getestet und fühlten sich sicher. Als es dann zwischen ihnen kriselte und jeder einige Monate seiner eigenen Wege ging, muss sich der Freund infiziert haben. Als die beiden sich wieder versöhnt hatten, erwischte es auch den gelernten Koch.

Eltern machten ihm immer Mut

Alle drei Monate musste er danach zum Bluttest, für ihn immer die Stunde der Wahrheit. »Das Aids-Virus setzt die T-Helferzellen außer Gefecht; wenn ihre Zahl wieder gesunken war, dachte ich immer: Oh Gott, es geht bergab.« Mut machten ihm immer seine Eltern – obwohl auch sie oft verzagt waren. »Das haben sie mir gegenüber aber nie gezeigt, sondern erst später verraten.« Später, als sicher war, dass die Ärzte die Infektion im Griff hatten.

Aber die Therapien hatten Folgen: »Die damaligen Medikamente waren nicht ohne, sie hatten heftige Nebenwirkungen.« Unter anderem bekam Karras Herzprobleme und musste sich einer Bypass-Operation unterziehen. »Immerhin aber ist die Krankheit bei mir nie richtig zum Ausbruch gekommen. Und meine Werte haben sich auch dank der neuen Medikamente in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert.« Mittlerweile ist die Viruslast von Karsten Karras unter der Nachweisgrenze.

An einen Beruf ist nicht zu denken

Dennoch: Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind geblieben, Asthma ist hinzugekommen und eine Angststörung, die an manchen Tagen alles dominiert. »An solchen Tagen bekomme ich nicht viel auf die Reihe.« An eine Berufstätigkeit ist kaum zu denken, in seinem erlernten Beruf als Koch ohnehin nicht, sagt Karras. »Ein Restaurant, von dem die Menschen wüssten, dass dort ein HIV-Positiver am Herd steht, wäre schnell pleite.«

Karras lebt also von Hartz IV. Eine Lebensversicherung, die er in jungen Jahren abgeschlossen hatte, hat er vor 28 Jahren aufgelöst und »verfrühstückt«. »Ich dachte doch, dass ich bald sterben würde und wollte mir noch einmal etwas gönnen. Viel war es ja ohnehin noch nicht.«

Interviews im Fernsehen

Hinter dem Berg hält Karras nicht damit, dass er den Aids-Virus in sich trägt. Selbst im Fernsehen hat der Mann, dessen Äußeres mit üppigem grauen Bart an Harry Rowohlt oder Karl Marx erinnert, schon Interviews gegeben. »Danach bin ich sogar von Nachbarn auf der Straße angesprochen worden.«

Der 53-Jährige möchte aufklären und mit Vorurteilen aufräumen. Denn die Angst vor Ablehnung und Diskriminierung bleibt. »Ich finde es richtig, so offen wie möglich zu sein. Das ermutigt vielleicht auch andere Positive, sich nicht im stillen Kämmerlein zu verstecken.« Dank der heutigen Medikamente, sei HIV auch fast eine chronische Krankheit – »aber auch nicht zu unterschätzen«, mahnt Karras.

Offen gegenüber den Partnern

Bislang, resümiert er, seien die Reaktionen auf seine Offenheit durchweg positiv gewesen. »Diejenigen, die denken, dass ich selbst schuld bin, sagen es mir zumindest nicht.« Eine Schuld sieht Karras ohnehin nicht: »Ich habe mich seit vielen Jahren mit dieser Frage auseinandergesetzt. Aber Schuld – das ist ein moralisches Urteil.« Eigenverantwortung – das akzeptiert er. Und natürlich seine Verantwortung für andere. Seit er weiß, dass er HIV-positiv ist, sagt er das seinen Partnern.

Gespräche sucht der 53-Jährige in einer »Positivengruppe alter Herren«, zudem gibt er seinen Tagen und der Woche Struktur – etwa durch Rehasport, den er zweimal wöchentlich betreibt oder durch sein Engagement für die Aids-Hilfe. Für die Zukunft wünscht er sich etwas mehr finanziellen Spielraum.

»Ich bin dankbar, dass ich in einem Land wie Deutschland als Frührentner versorgt werde und weiß, dass es mir besser geht, als den meisten Menschen auf der Welt. Aber etwas mehr wäre schon schön.« Seine weiteren Wünsche: So lange es geht so gut wie möglich zu leben. »Und: Weltfrieden.«

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