Do., 20.12.2018

Prozess um vergiftete Pausenbrote: Eltern eines Opfers berichten »Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Sohn leiden zu sehen«

Der Angeklagte Klaus O. verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.

Der Angeklagte Klaus O. verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Bielefeld/Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Seit Ende 2016 ist für Peter und Nelli N. nichts mehr, wie es war. Als ihr Sohn Nick im Alter von 24 Jahren plötzlich ins Koma fällt, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Am Mittwoch haben sie im Prozess um vergiftete Pausenbrote bei Ari Armaturen in Schloss Holte Stukenbrock den körperlichen Verfall ihres Sohnes geschildert. Ein emotionaler Auftritt, nicht nur die Mutter kämpfte mit den Tränen.

Das Geschehene habe ihr Leben erschüttert, es sei im Ausnahmezustand. Erschwerend komme die Hilflosigkeit des Umfeldes hinzu, sagen sie. Auch ihr Sohn Nick N., der zu Hause im Wachkoma liegt und von ihnen gepflegt wird, soll zu den Opfern gehören, die der Angeklagte Klaus O. vergiftet haben soll. Als Nelli N. (51) in den Zeugenstand tritt, ist es im voll besetzten Saal 5 des Bielefelder Landgerichtes mucksmäuschenstill. Sie berichtet über den Leidensweg ihres Kindes. »Das alles zu verarbeiten ist eine Aufgabe, der man eigentlich nicht gewachsen sein kann«, erklärt sie unter Tränen. »Wir haben uns verändert. Alles ist verändert.«

Beginn im Juli 2016

Die Frau nimmt ihre ganze Kraft zusammen, um dem Gericht die traurige Geschichte von Anfang an zu erzählen. Eines Tages im Juli 2016 sei Nick früher von der Arbeit gekommen. »Mama, mir geht es nicht gut«, habe er ihr gesagt. Der Student arbeitete in den Semesterferien und an Wochenenden bei Ari. Zuvor Realschulabschluss, Ausbildung, Fachabitur, Studium. »Er war zielstrebig, stand voll im Leben, hatte viele Freunde, besuchte Konzerte. Wir waren so stolz auf ihn.«

Vorsitzender Richter Dr. Georg Zimmermann.

Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich von Tag zu Tag. Er liegt nur auf dem Sofa, kommt kaum noch hoch, kann sich ohne Hilfe nicht mehr fortbewegen. In seiner Hand kribbelt es, in manchen Fingern hat er kaum noch Gefühl. »Seine Motorik hatte stark nachgelassen. Dann sind wir zum Arzt gegangen.« Auch der sei ratlos gewesen und habe ihn zu einem Neurologen geschickt. Am 28. August sei er schließlich in die Uniklinik nach Münster verlegt worden. Die Spezialisten stellen nach vier Wochen eine Quecksilbervergiftung fest. Seitdem befindet sich Nick in einem Dämmerzustand. »Eine Kommunikation gibt es nicht. Mein Mann und ich wechseln uns in der Pflege ab. Meine beiden anderen Söhne helfen mit, so gut sie es können.« Manchmal glaube sie, dass er Schmerzen habe. »Dann verzieht er sein Gesicht, so als ob er schreien will.« Am Ende erklärt Nelli N.: »Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Sohn leiden und vielleicht sterben zu sehen. Es gibt keine gerechte Strafe für den seelischen Schaden, den wir alle erlitten haben, erleiden müssen durch einen Irren.« Sie könne bis heute nicht begreifen, warum sie Nick verloren habe.

Keine Regung beim Angeklagten

Vater Peter (52) beschreibt seinen Sohn als einen offenen, lebensfrohen jungen Mann, der große Ziele gehabt habe, der sein Leben im Griff hatte. »Er hat uns niemals Schwierigkeiten gemacht.« Dann sagt Peter N. einen Satz über seinen eigenen Zustand, der jedem im Gerichtssaal bis ins Mark trifft: »Leben will ich nicht, aber sterben darf ich nicht. Ich habe ja noch eine Familie, um die ich mich kümmern muss.«

Das alles lässt den Angeklagten äußerlich kalt. Klaus O. (57) zeigt keine Regung, sein Blick ist starr. »Ich habe den Eindruck, dass der Angeklagte Zuschauer in seinem eigenen Film ist«, meint ein Gütersloher Psychologe, der ihn gestern aus dem Zuschauerraum beobachtet hat. Der Mann habe innerlich eine Trennlinie zwischen der Wirklichkeit und emotionaler Betroffenheit gezogen. Immer wenn der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann sich zu einem Sachverhalt geäußert habe, habe Klaus O. leicht genickt. »So als ob er sich mit dem Richter identifizieren wolle. Den Eltern zolle ich meinen Respekt.«

Der Prozess wird am Montag, 7. Januar, fortgesetzt.

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