Di., 25.12.2018

Bibliothekare am Ratsgymnasium machen außergewöhnlichen Fund Rarität im Pappumschlag

Carsten Gerwin (rechts) und Benjamin Magofsky, Bibliothekare der historischen Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums, entdeckten die 1554 gedruckten Notenblätter in einem unbeschrifteten Pappumschlag. Die Seiten werden zur Zeit im Münsterland restauriert.

Carsten Gerwin (rechts) und Benjamin Magofsky, Bibliothekare der historischen Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums, entdeckten die 1554 gedruckten Notenblätter in einem unbeschrifteten Pappumschlag. Die Seiten werden zur Zeit im Münsterland restauriert. Foto: Burgit Hörttrich

Von Burgit Hörttrich

Bielefeld (WB). Der Inhalt eines unbeschrifteten Pappumschlags, entdeckt im Sonderbestand der historischen Lehrerbibliothek des Ratsgymnasiums , entpuppte sich als Rarität. Carsten Gerwin und Benjamin Magofsky, die im Februar 2018 die Nachfolge von Dr. Johannes Altenberend als Bibliothekare antraten, entdeckten in dem Umschlag ein Bündel vergilbter Notenblätter.

Sie identifizierten die sechs Papierlagen zu sechs Blättern als zweifarbigen Typendruck aus der Renaissancezeit. Das Titelblatt des Tenor-Stimmbuches – es handelt sich bei den Papieren um fragmentarisch erhaltene Auszüge aus ungebundenen Stimmbüchern einer größeren Sammlung – gab den Inhalt preis: Bei den Kompositionen handelt es sich um die »Zehen Psalmen Davids des Propheten/mit vier/fünf/und sechs Stimmen gesatzt durch David Köler von Zwickaw« – gedruckt 1554.

Das Konvolut umfasst außerdem einen Teil der Vorrede jenes David Kölers (1532-1565). Zudem findet sich auf dem Druckbogen ein Brief Martin Luthers an den Komponisten Ludwig Senfl, 1530 geschrieben. Es sei, so die beiden Entdecker, »der älsteste Druck dieses aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzten Lutherbriefes«.

Carsten Gerwin und Benjamin Magofsky recherchierten das Leben Kölers, der als Kantor unter anderem in Böhmen und am Hof in Mecklenburg-Schwerin tätig war, bevor er kurz vor seinem Tod in seine Geburtsstadt Zwickau zurückkehrte, dort ebenfalls noch als Kantor arbeitete. Gerwin und Magofsky sagen, dass Kölers Kompositionstechnik seiner Zeit weit voraus gewesen sei. Die Psalmensammlung gelte als Kölers Erstlingswek, seine weiteren Kompositionen für reine Instrumentalstücke seien aber wohl verloren.

Notenmaterial existiert nur noch in fünf Exem­plaren

Das Notenmaterial, das im Ratsgymnasium entdeckt wurde, existiere nur noch in fünf Exem­plaren: das einzig bekannte, vollständige in Zwickau, nur fragmentarisch erhaltene Drucke befinden sich in Stockholm und Uppsala in Schweden, ein weiteres in Neustadt an der Orla und eben im Bielefelder Ratsgymnasium.

Wie die Blätter in die Bibliothek gelangt sind, ist unbekannt, vermutlich seien sie als Makulaturen aus Buchdeckeln herausgelöst worden. Gerwin und Magofsky haben sie aufgeführt auch in einem 1908 erstellten »Verzeichnis der in der Gymnasialbibliothek zu Bielefeld befindlichen Drucke aus dem XVI. Jahrhundert« entdeckt.

Das Notenmaterial sei nicht leicht zu finden gewesen, weil es unter der Rubrik »theologische Schriften« aufgeführt worden sei. Die beiden Bibliothekare, die ihre Forschungsergebnisse in der neuen Ausgabe der »Ravensberger Blätter« des Historischen Vereins (»Gesucht – Gefunden«) schildern, sagen, dass wohl jeder Bibliothekar auf einen Glücksfund hoffe: »Wir haben einen solchen Fund gemacht, als wir wohl am wenigsten damit gerechnet haben.«

Dank einer Privatspende würden die Blätter jetzt von einem Experten im Münsterland restauriert. Einer der Psalmen solle im Rahmen eines Schul-Weihnachtskonzertes erklingen, alle »möglicherweise bei einem Konzert im nächsten Frühjahr«.

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