Di., 01.01.2019

Fehlprognosen: Ein Bielefelder Historiker listet sie auf »1980 ein Mensch auf dem Mars«

Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau

Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau

Bielefeld (epd/WB). Der Jahreswechsel gibt Anlass, Bilanz zu ziehen und nach vorne zu schauen: Ein Bielefelder Historiker hat dazu gleich ein ganzes Buch geschrieben – über falsche Prognosen. Denn mancher Wissenschaftler hielt nicht nur Computer und Internet für wenig zukunftssicher.

Noch 1992 hatte der US-Politologe Francis Fukuyama nach der Wende in Osteuropa das »Ende der Geschichte« verkündet. Alle Gegenmodelle zu Marktwirtschaft und liberaler Demokratie seien gescheitert, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft somit vorgezeichnet. Aus heutiger Sicht teilt Fukuyama das Schicksal vieler Forscher, die versuchten, in die Zukunft zu blicken: Er lag falsch.

»Im Grunde neigen Zukunftsdenker dazu, gegenwärtige Trends in die Zukunft fortzuschreiben«, sagt der Historiker Joachim Radkau (75), emeritierter Professor der Uni Bielefeld und Autor des Buches »Geschichte der Zukunft«. So erklären sich wohl auch spektakuläre Fehlprognosen zum technischen Fortschritt. »In den 1960er Jahren war man der Meinung, Computer würden immer riesiger und teurer werden«, erzählt der aus Hille-Oberlübbe (Kreis Minden-Lübbecke) stammende Radkau. »Die kommunale Neuregelung in der Bundesrepublik wurde auch damit begründet, künftig könnten sich nur große Kommunen noch Computer leisten.«

Absage an E-Commerce

Zukunftsforscher Matthias Horx legte sich noch 2001 in einem Zeitungs-Gastbeitrag fest: »Das Internet wird kein Massenmedium – weil es in seiner Seele keines ist.« Auch einem Siegeszug von E-Commerce erteilte er damals eine Absage. Dass Bestellungen über das Internet je zu einem nennenswerten Wirtschaftsfaktor würden, sei unwahrscheinlich, denn »dann wären unsere Städte rund um die Uhr verstopft mit Lieferwagen, die kleine und kleinste Pakete zu Menschen bringen würden, die sowieso nicht zu Hause sind.«

Andererseits gab es auch Phasen, in denen der Glaube an den technischen Fortschritt kaum Grenzen kannte, so in der Zeit nach der ersten Mondlandung. »Die USA planen nun einen bemannten Flug zum Mars, der etwa 1980 stattfinden soll«, heißt es beispielsweise in einem Jugend-Sachbuch von 1969.

Mittlerweile sind fundiertere Aussagen möglich

Bezeichnend ist die Atom-Euphorie der Nachkriegsjahrzehnte. Die Atomenergie schaffe »aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling«, schrieb Ernst Bloch 1959 in seinem »Prinzip Hoffnung«. Was heute als Albtraum jedes Klimaforschers gelten würde, erschien dem Philosophen durchaus wünschenswert: »Schon ein paar hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.«

Grundsätzlich blickten viele Deutsche nach 1945 nicht mit großer Zuversicht in die Zukunft. So rechneten etliche Politiker der jungen Bundesrepublik mit einer Revanche der Alt-Nazis, bei der sie persönlich zur Rechenschaft gezogen werden würden. Karl Schiller, legendärer SPD-Politiker und angesehener Wirtschaftsexperte, veranschlagte damals 80 Jahre, um die Bundesrepublik nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen.

Historiker Radkau erkennt aber einen Unterschied zwischen Zukunftsforschern der Vergangenheit und aktuellen Debatten: Mittlerweile seien tatsächlich fundiertere Aussagen möglich als früher. Das liege daran, dass die Zukunft der Menschheit heute stärker von Umweltfaktoren abhänge – insbesondere von Klimawandel – und somit von Naturgesetzen.

Kommentare

Leider muss ich Herrn Radkau aus prinzipiellen Gründen komplett widersprechen. Zukunftsprognosen werden niemals möglich sein, diese Vorstellung ist 200 Jahre alt (Stichwort: Laplace'scher Dämon) und inzwischen wissenschaftlich mehr als überholt. Daher gewinnt immer Tipico und die Wetter verlieren gnadenlos, im Durchschnitt gesehen. Wirtschaftsprognosen funktionieren nicht, denn wären sie möglich, würde die Kenntnis darüber die Wirtschaft beeinflussen, über die man Aussagen bewerten will. Wirtschaftsweise liegen sieben Jahre richtig und werden hochbezahlte Gurus, um danach drei Jahre in Folge falsch zu liegen. Um es böse zu sagen, die Bewertung ihrer Arbeit könnte man mit dem Würfel vornehmen, sie liegt im Zufallsbereich, ziemlich sicher. Natürlich kann man bestimmte Prognosen von Ereignissen vornehmen, die mit einer gewissen Wahrscheinlicheit eintreffen, etwa den Klimawandel. Aber hier geht es eher um die Anwendung physikalischer Gesetze, das darf man nicht verwechseln. So muss man kein Prophet sein, um solch eine globale Katastrofe vorherzusehen, auch wenn das bei der Bevölkerung, die gestern allein in Deutschland 140 Mios. verballert hat, immer noch nicht angekommen ist.

Es gibt zahlreiche Methoden, um Fußballspiele zu analysieren, Programme bewerten Spielsituationen, Heerscharen von Experten geben sich beim "Doppelpass" ein Stelldichein. Aber keine dieser Methoden ist geeignet, sichere Prognosen über den Spielausgang abzugeben. Oder hat ein Experte damit gerechnet, dass Bayern München, für alle der sichere Meister, gegen drei Abstiegskandidaten zuhause 6 Punkte abgibt? Wenn im Pokal ein Viertligist gegen Borussia Dortmund antreten muss und ein Spieler der unterlegenen Mannschaft zu den Siegchancen befragt wird, hört man häufig Aussagen wie "von 100 Spielen verlieren wir 99, aber eines gewinnen wir. Und wir hoffen, dass wir morgen gewinnen". Dieser Amateurspieler liegt genau richtig, so läuft das, auch das Leben. Wissenschaft wird daran nichts ändern, denn diese Unwägbarkeiten sind prinzipiell immer im Weg und werden es immer sein, egal wie viel ich forsche. Der Mensch sollte die Vernunft entwickeln, sich mit diesen Grenzen abzufinden, auch wenn es schwerfällt. Herr Radkau hingegen suggeriert mit seiner These "Mittlerweile sind fundiertere Aussagen möglich", dass der Mensch nur genug forschen muss, um die Zukunft immer bessere Vorhersagen treffen zu können. Leider ist das schon im Ansatz völlig falsch. Die Menschheitsgeschichte, auch die Entstehung der Species Mensch, ist bestimmt von unfassbaren Serien von Zufällen und sogar völlig unvorhersehbaren Katastrofen. Auch in Zukunft werden Dinge passieren, die wirklich niemand auch nur ansatzweise auf der Rechnung hatte. Und diese auf chaotische Weise eingestreuten Katastrofen können völlig neue Entwicklungen auslösen. Und es gibt Grenzen einer Entwicklung. Und wenn Vorhersagbarkeit in einem künstlich geschaffenen System möglich, aber nicht erwünscht ist, müssen künstliche Grenzen und Katastrofen eingebaut werden. Man stelle sich Roulette ohne die Grenze der maximalen Einsatzhöhe oder ohne die Katastrophe (0) vor.

Die Unvorhersehbarkeit beginnt im ganz Kleinen, ist dort als Unschärfe bekannt, und endet im Großen, im nichtlinearen Chaos. Und das wird das Einzige sein, was in 1000 Jahren ganz sicher noch so gelten wird. Das ist jetzt aber keine Prognose, sondern Naturgesetz.

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