Mi., 09.01.2019

Bielefelder Forscher: Mona-Lisa-Effekt ist falsche Bezeichnung Diese Frau sieht uns nicht an

Prof. Dr. Gernot Horstmann (links) und Dr. Sebastian Loth schauen uns an – die Mona Lisa nicht.

Prof. Dr. Gernot Horstmann (links) und Dr. Sebastian Loth schauen uns an – die Mona Lisa nicht. Foto: CITEC/Uni Bielefeld

Bielefeld (WB/sas). Wenn der Betrachter eines Porträts den Eindruck hat, die abgebildete Person folge ihm mit den Augen, spricht man vom Mona-Lisa-Effekt. Zwei Wissenschaftler des Exzellenzclusters Citec der Universität Bielefeld haben jetzt gezeigt: Das ist eine Fehlbezeichnung.

Denn ausgerechnet die weltberühmte »Mona Lisa« des italienischen Genies Leonardo da Vinci verfolgt ihre Bewunderer nicht mit den Augen.

Prof. Dr. Gernot Horstmann von der Forschungsgruppe »Neurokognitive Psychologie« ist Spezialist für die Erforschung von Blickbewegungen. Dass Menschen sehr gut in der Lage sind abzuschätzen, ob sie von anderen angeschaut werden oder nicht, sei bereits in den 60er Jahren nachgewiesen worden, sagt er. »Auch bei Fotos und Gemälden können sie das Gefühl haben, angesehen zu werden – und zwar dann, wenn die dargestellte Person geradeaus aus dem Bild schaut.« Das entspricht einem Blickwinkel von null Grad.

Sie hat kein Auge für ihr Gegenüber

Bei einem leicht seitlichen Blick fühle man sich gerade noch angesehen, »wenn einem die porträtierte Person gewissermaßen aufs Ohr guckt«. Erst wenn die Blickrichtung um mehr als fünf Grad abweicht, fühlt sich der Betrachter nicht mehr beobachtet.

Das Besondere: Dieser Eindruck besteht auch, wenn man nicht frontal vor dem Bild steht, ergänzt Dr. Sebastian Loth von der Bielefelder Forschungsgruppe Kognitive Systeme. »Er entsteht auch dann, wenn wir uns links oder rechts und in unterschiedlichen Abständen von dem Bild befinden.« Der Linguist forscht zur Kommunikation von Robotern und begegnet in seiner Arbeit immer wieder dem Begriff Mona-Lisa-Effekt – obwohl ausgerechnet die berühmte Italienerin kaum ein Auge für ihr Gegenüber hat.

Denn Horstmann und Loth haben genau diese wissenschaftliche Behauptung in einer Studie in den Bereich der Legende verwiesen. Zunächst baten sie 24 Testpersonen, die Mona Lisa auf einem Bildschirm anzuschauen und ihre Blickrichtung zu beurteilen. Anhand der Skala eines Zollstocks, der quer über dem Bildschirm lag, sollten die Probanden angeben, wohin der Blick der Porträtierten gehe. Und um sicherzugehen, dass nicht andere Merkmale des Gesichts die Einschätzung beeinflussten, wurden 15 verschiedene Ausschnitte des Porträts gezeigt – der gesamte Kopf ebenso wie nur die Augenpartie.

2000 Bewertungen erhalten

Auf diese Weise erhielten Horstmann und Loth 2000 Bewertungen, und fast alle Probanden meinten, dass die Mona Lisa rechts am Betrachter vorbei schaue. Stimmt: »Der Blickwinkel liegt bei 15,4 Grad«, sagt Horstmann. Weswegen der Mona-Lisa-Effekt eigentlich nicht nach da Vincis Meisterwerk benannt sein dürfte.

Die beiden Wissenschaftler sind dem Thema nicht nur aus Interesse an der Kunst nachgegangen: Die Frage der Blickrichtung spielt bei der Gestaltung von virtuellen Figuren für Assistenzsysteme oder Computerspiele eine Rolle. »Wenn ich zum Beispiel in einer virtuellen Umgebung mit einem Avatar kommuniziere, hilft mir der Blick als Teil der Körpersprache, ihn besser zu verstehen«, erklärt Loth. So kann die Kunstfigur vermitteln, dass sie aufmerksam ist oder mit ihrem Blick auf Objekte im Raum hinweisen.

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