Fr., 11.01.2019

Gastronom Rolf Grotegut ist als Gast in SWR-Sendung Nach Krebsdiagnose Reisetraum erfüllt

Rolf Grotegut in seinem schwarzen Bulli. Das Fahrzeug verbindet er seit Jugendtagen mit Freiheit.

Rolf Grotegut in seinem schwarzen Bulli. Das Fahrzeug verbindet er seit Jugendtagen mit Freiheit. Foto: Oliver Schwabe

Von Sabine Schulze

Bielefeld (WB). Fast jahrzehntelang lebte Rolf Grotegut quasi für die Arbeit. Dann erhielt er eine Krebsdiagnose, und er stellte sein Leben auf den Kopf, kaufte sich einen Bulli und ging auf Reisen. Darüber hat er in einem Blog geschrieben, und davon erzählt er an diesem Freitagabend im Fernsehen: Der Bielefelder ist Gast im »SWR-Nachtcafé« von Michael Steinbrecher. Thema des Abends: Der Reiz des Abenteuers.

Stadtbummlern ist der 54-Jährige nicht unbekannt: als Inhaber des M Kaffee am Gehrenberg. »Ich habe 30 Jahre selbstständig gearbeitet und war wie getrieben«, erzählt er entspannt bei einem Latte Macchiato. Dann erhielt er mit 50 Jahren die Diagnose Prostatakrebs. »Das war ein Schock.« Es folgte die Operation, die erfolgreich verlief. Am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus, erinnert sich Grotegut, schaute er tatsächlich sieben geschlagene Stunden aus dem Fenster. »Ich hatte ein Gefühl des inneren Friedens.«

In der anschließenden Reha dann traf er Menschen quasi jeden Alters, die genau wie er mit einer Krebsdiagnose und -krankheit fertig werden mussten. »Krankheit und Tod waren als Themen allgegenwärtig, deshalb wurde offen über alles gesprochen. Niemand musste etwas darstellen.« Als Rolf Grotegut dann nach drei Monaten erstmals wieder in sein Café kam und arbeitete, kam innerhalb von Minuten die Erkenntnis: »Dies ist nicht mehr meine Welt.«

Allerdings: Aus einem Geschäft bricht man nicht einfach aus, »es hängt zu viel daran.« Aber es ergab sich eine glückliche Lösung: Eine langjährige Mitarbeiterin und gute Freundin kaufte ihm die Hälfte des M Kaffee ab – und Rolf Grotegut war frei. Er beschloss also, auf Reisen zu gehen – bewusst allein, ohne Partnerin, ohne die er, wie er betont, das alles aber nicht geschafft hätte.

Bulli als Synonym für Freiheit

Der Bielefelder kaufte sich also einen Bulli – seit seiner Jugend für ihn das Synonym für Freiheit. Er stattete ihn so aus, dass er als Campingmobil taugt – inklusive Klapprad hinter dem Beifahrersitz. Grotegut machte sich im Frühjahr 2017 auf den Weg. Die ersten beiden Touren waren zum Üben: Von der deutschen Küste nach Holland und in die Alpen. »Ich war ja völlig camping-unerfahren, ich habe erst einmal alles dokumentiert, was mir fehlte.« Denn ein großes Ziel hatte und hat Grotegut: Es soll noch zum Nordkap gehen.

30.000 Kilometer hat er mittlerweile mit dem Bulli ganz allein zurückgelegt, hat etwa die iberische Halbinsel bis Granada erkundet, Frankreich durchmessen und Großbritannien umrundet, ist von Cornwall an der Küste entlang bis hoch nach Schottland. »Atemberaubend«, schwärmt er, auch wenn das Wetter nicht immer nur toll war: Einige Tage bei Regen auf einem Campingplatz sind kaum vergnüglich. Begegnungen mit liebenswürdigen Menschen hingegen um so mehr.

Zu ausgedehnt sind seine Touren nicht, alle drei Monate muss Rolf Grotegut zum Gesundheitscheck nach Bielefeld kommen. Und derzeit, erzählt er, ist er des Alleine­reisens auch müde und mag es wieder, Menschen um sich zu haben. Außerdem hat er schon wieder Pläne und Ideen.

»Die Krebsidagnose war eine Zäsur und hat viele Werte verschoben. Das Reisen hat mir ein Gefühl der Freiheit gegeben, ich bin jetzt sehr ruhig und habe keine Ängste mehr.« Deshalb möchte er jetzt Dinge angehen, die ihn interessieren und befriedigen. Aktuell widmet er sich der Seifenproduktion und setzt dafür sogar die Espressoreste des M Kaffee ein, experimentiert aber auch mit Ölen. Denn alles soll rückfettend sein. Aber auch Buchbinderei, die Verarbeitung von Leder, Nähen und Tischlern will er noch angehen. »Was ich derzeit suche, ist ein kleiner Werkstattladen mit Schaufenster im Bielefelder Westen...«

Die Gäste im SWR-Nachtcafé

Das »Nachtcafé« wird heute, 22 Uhr, im SWR Fernsehen ausgestrahlt. Allen Gästen von Moderator Michael Steinbrecher gemein ist, dass sie das Abenteuer suchen, ausgestiegen sind oder sich als Ex­tremsportler Herausforderungen stellen.

Zu den Gästen gehört neben Rolf Grotegut Georg Kirner. Der 83-Jährige hat Zeit seines Lebens ferne Länder und Kulturen besucht, Verletzungen und Flugzeugabstürze inklusive. Lydia Möcklinghoff erforscht in Brasilien den Großen Ameisenbär und bekommt es dabei mit Dornenwäldern, Insekten und aggressiven Büffeln zu tun.

Samantha Cristoforetti hat 200 Tage als Astronautin auf der internationalen Raumstation im Weltraum gelebt und sich damit einen Kindertraum erfüllt. Rainer Hagenbusch verlor seinen Bruder Holger, der mit dem Fahrrad vier Jahre die Welt bereiste und in Mexiko ermordet wurde. Dort suchte er selbst nach Spuren. Prof. Dr. Siegbert Warwitz schließlich ist als Psychologe tätig und befasst sich beruflich mit der Suche nach Abenteuer und dem Ausbrechen aus Routinen. »Der Wagende muss Sicherheit aufgeben«, sagt er.

 

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