So., 13.01.2019

Ein Stammtisch wie kein anderer: Seit 33 Jahren treffen sich in Bielefeld Todesermittler Mordskollegen

Einmal im Monat treffen sie sich in der Bielefelder Gaststätte Esser zum Stammtisch. Von vorne sitzend im Uhrzeigersinn: Ralf Östermann (61), Manfred Hudalla (65), Felix Schubert (78), Peter Kochsiek (75), Manfred Thorun (84), Burkhard Kropp (60), Klaus Lowack (68), Karl-Heinz Kaulmann (76), Stefan Esdar (49) und Manfred Arning (75). Daneben stehend Hartmut Runte (63) und Hedda Hemsath (61). Sie arbeitet bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld. Hans Stüwe (71) kam später und ist deshalb nicht auf dem Bild.

Einmal im Monat treffen sie sich in der Bielefelder Gaststätte Esser zum Stammtisch. Von vorne sitzend im Uhrzeigersinn: Ralf Östermann (61), Manfred Hudalla (65), Felix Schubert (78), Peter Kochsiek (75), Manfred Thorun (84), Burkhard Kropp (60), Klaus Lowack (68), Karl-Heinz Kaulmann (76), Stefan Esdar (49) und Manfred Arning (75). Daneben stehend Hartmut Runte (63) und Hedda Hemsath (61). Sie arbeitet bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld. Hans Stüwe (71) kam später und ist deshalb nicht auf dem Bild. Foto: Oliver Schwabe

Bielefeld (WB). Manfred Thorun ist 84 Jahre alt und der Älteste am Tisch. »Wisst Ihr noch, wie wir mit einem Hut nach einem Mörder gesucht haben?«, ruft er in die Runde und schüttelt sich vor Lachen.

Einmal im Monat trifft sich ein ganz besonderer Stammtisch in der urigen Bielefelder Traditionsgaststätte Esser. Dann sitzen pensionierte und aktive Mordermittler des Bielefelder Polizeipräsidiums bei Mettbrötchen, Bratkartoffeln und Pils zusammen – eine eingeschworene Gemeinschaft.

Manfred Arning (75), der mit seiner einfühlenden, väterlichen Art so manchen Mörder zum Sprechen gebracht hat, gehört zu den Gründungsmitgliedern, die den Stammtisch vor 33 Jahren ins Leben gerufen haben. »Wir waren schon damals mehr als nur Kollegen. Wir mussten ja oft nachts, an Wochenenden und an Feiertagen durcharbeiten. Manchmal sogar über Monate. So etwas schweißt zusammen. Ich kann mich an keinen einzigen persönlichen Streit in all den Jahren erinnern.«

Im Hinterzimmer der Gaststätte wird klönt

Viele hier am Stammtisch sind befreundet. Sie wandern oder segeln zusammen. Einige sind sich so vertraut, dass sie um die Aufs und Abs im Privatleben der anderen wissen. Es ist eine Runde, in der sie auch über das Schreckliche sprechen können, das sie oft sehen müssen, und über das sie nie zu Hause reden würden.

1991 lockten zwei Brüder aus Höxter zwei Polizisten in Niedersachsen in einen Hinterhalt und töteten sie. Peter Kochsiek leitete die Ermittlungen in NRW. Manfred Arning erreichte das erste Geständnis. Foto: dpa

»Es gibt natürlich etliche andere Polizisten bei uns im Präsidium, die auch extrem viel arbeiten müssen, wie Sachbearbeiter für Betrug oder Diebstähle«, sagt Ralf Östermann (61). »Der Unterschied zu Mordermittlern ist, dass wir immer in großen Teams zusammenarbeiten. Da entstehen eben über die Jahre ganz andere, enge Beziehungen.«

Das Durchschnittsalter der zwölf Polizisten, die an diesem Abend gekommen sind, ist 69 Jahre. Es ist eine aussterbende Spezies, die im Hinterzimmer der Gaststätte klönt, lacht und sich zuprostet. Denn dass Polizisten über viele Jahre und im Einzelfall sogar Jahrzehnte zusammenarbeiten – das gibt es heute kaum noch. Wer Karriere machen will, muss immer wieder in ein anderes Kommissariat wechseln. So will es heute die Behördenleitung.

Suizide, Unfälle, Morde

Das gemeinsame Erinnern ist an diesen Abenden das Wichtigste. »Und je öfter wir über einen alten Fall sprechen, umso größer wird er«, sagt Peter Kochsiek (75) und lacht. Vieles war anders in jenen Jahren, als alte Haudegen wie Manfred Thorun zum »K 1« kamen. Es gab noch keine DNA-Analysen, keine Untersuchung von Mikrofaserspuren.

2009 brachte ein Mann in Paderborn ein Mädchen (9) um. Ralf Östermann gehörte der Mordkommission von Jürgen Heinz an, die die Leiche an dieser Stelle in einem Wald am Möhnesee fand und den Täter überführte. Östermann: »Der Mörder floh und wurde in seiner türkischen Heimat verurteilt.« Foto: WB

Die Ermittler tappten gelegentlich mit Straßenschuhen durch das Blut am Tatort, weil es keine Überzieher gab, und die Suche nach Zeugen war noch mehr von Zufälligkeiten bestimmt als heute. Manfred Thorun: »Einmal haben wir in der Wohnung eines Mordopfers einen Hut gefunden, der definitiv nicht dem Toten gehörte und vom Mörder stammen musste. Wir haben ihn im Schaufenster eines Geschäfts ausgestellt und auf einem Schild um Hinweise auf den Besitzer gebeten.«

Suizide, Unfälle, Morde – die Männer, die am Stammtisch sitzen, haben zusammen fast 500 Jahre Erfahrung auf dem Buckel und tausende von Todesfällen untersucht. Und doch kann jeder mindestens einen Fall benennen, der ihn besonders bewegt hat. Für Hans Stüwe (71) ist es der Mord an zwei kleinen Mädchen 1987 in Bielefeld-Senne. Die Schwestern spielten mit ihren Puppen in einem Wäldchen, als sie erschlagen wurden. »Ich war als erster am Tatort. Den Anblick habe ich bis heute nicht vergessen«, sagt der 71-Jährige. Der psychisch kranke Bielefelder, den die Mordkommission damals als mutmaßlichen Täter ermittelte, wurde mangels Beweisen freigesprochen.

Die Geschichte der österreichischen Drückerkolonne

Manfred Hudalla (65) ist noch immer der Fall eines Mannes präsent, der als Mitglied einer österreichischen Drückerkolonne an Haustüren zu wenig Glückwunschkarten verkaufte und deshalb von seinen Kollegen zur Strafe vor einen Zug geworfen wurde. Ursprünglich war der Tod des 26-Jährigen als Selbstmord behandelt worden. Dass doch noch in Richtung Mord ermittelt wurde, war dem Wirt des Hotels Schwabedissen in Extertal zu verdanken.

1990entführte ein britischer Soldat in Bielefeld eine Ärztin in die Lüneburger Heide und erschoss dort zwei Förster. Klaus Lowack (oben in weißer Hose) ließ sich damals von britischen Militärpiloten fliegen: »Wir suchten aus der Luft nach dem Fluchtwagen.« Ein Militärgericht verurteilte den Mörder. Foto: dpa

Hudalla: »Er meldete sich bei der Polizei, weil eine Drückerkolonne überstürzt abgereist war und einer der Männer nicht mehr dabei war. Das kam ihm komisch vor. Der Fall zeigt, wie wichtig scheinbar belanglose Beobachtungen seien können, und dass es gut ist, die Polizei anzurufen.« Zwei Jahre lang ermittelten Hudalla und seine Kollegen bundesweit und im Ausland, bis die Mörder und ihr Auftraggeber in Detmold vor Gericht gestellt wurden.

Stefan Esdar (49) ist an diesem Abend der Jüngste in der Runde. Mit manchen hier am Stammtisch hat er noch zusammengearbeitet, die älteren hat er erst hier kennengelernt. »Für mich ist der Stammtisch auch eine Möglichkeit, Erlebtes in Gesprächen zu verarbeiten«, sagt der Kriminalbeamte. Er sichert vor allem Spuren an Tatorten und sieht deshalb Dinge, deren Anblick manchen Anderen in den Mordkommissionen erspart bleibt.

Neben Esdar sitzt heute Abend Felix Schubert (79), der nicht nur an der Aufklärung vieler Morde beteiligt war, sondern auch versucht hat, jungen Kollegen Rüstzeug für den Beruf mitzugeben. »Ich habe immer gepredigt: Jedes Wort, das ihr in eine Akte schreibt, muss ehrlich und wahr sein. Wir dürfen uns Dinge nicht zurechtbiegen. Denn das meiste von dem, was wir notieren, können der Staatsanwalt oder der Richter hinterher doch gar nicht mehr überprüfen.«

Der Hut im Schaufenster 1992 flog ein Krankenpfleger auf, der in Gütersloh Patienten mit Luftinjektionen getötet hatte. Sie wurden exhumiert (oben). Felix Schubert: »Er wollte erst nicht reden. Wir haben uns dann lange über Unwichtiges unterhalten, bis er schließlich weinend an meiner Brust lag und gestand.« Foto: dpa

Es ist spät geworden. Die Kellnerin hat längst die letzte Runde gebracht, und die ersten Pensionäre stehen auf. Auch Manfred Thorun steuert auf die Garderobe zu. Aber bevor er seine Winterjacke anzieht, muss er dem Reporter noch erzählen, wie denn die Sache mit dem Hut ausgegangen ist, den die Mordkommission in einem Schaufenster ausgestellt hatte. »Der Hut?« Manfred Thorun schüttelt sich wieder vor Lachen. »Nach ein paar Tagen kam der Kripochef zu uns und fragte, ob wir nicht seinen Hut gesehen hätten. Er hatte den am Tatort liegengelassen!«

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